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10.9.2007 | Von:
Adolf Kimmel

Die französischen Wahlen vom Frühjahr 2007

Wahlsoziologische Anmerkungen

Haben bestimmte soziale Gruppen eine ausgeprägte Präferenz für bestimmte Kandidaten?[28] Gibt es gar ein Votum "Klasse gegen Klasse", also die unteren Schichten für die Sozialistin, die oberen für den bürgerlich-konservativen Kandidaten?

Zunächst ließe sich vermuten, dass die Frauen die Frau deutlich bevorzugt hätten. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Royal hat bei den Männern gegenüber den Frauen einen Vorsprung von 6 %; bei Sarkozy ist es genau umgekehrt. Wird der Faktor Geschlecht mit anderen sozialen Merkmalen kombiniert, so findet sich eine Erklärung für diesen auf den ersten Blick erstaunlichen Befund. Den größten Vorsprung gegenüber Royal erzielte Sarkozy unter den Wählern über 50 Jahren.[29] In diesen Altergruppen, insbesondere bei den über 75-Jährigen, sind die Frauen deutlich zahlreicher als die Männer. Gerade bei den älteren Wählern und vor allem Wählerinnen dürften die Sarkozy-Themen Autorität und Disziplin, innere Sicherheit, Kampf gegen Kriminalität, restriktivere Einwanderung viel Zustimmung gefunden haben.

Wie eben angedeutet, finden sich die größten und für den Ausgang der Wahl entscheidenden Unterschiede in der Alterstruktur. Während Royal bei den 18- bis 24-Jährigen auf 61 % kam und auch bei den 30- bis 40-Jährigen deutlich besser abschnitt als Sarkozy, brachte diesem das massive Votum der über 50-Jährigen, die zahlreicher und wahlfreudiger als die Jungwähler waren, den Sieg. Würde das Wahlrecht mit dem Erreichen des Rentenalters (65) erlöschen, so wäre Royal Präsidentin.[30]

Hinsichtlich der Berufsstruktur gibt es einige bemerkenswerte Aspekte. Für Royal stimmen, dem soziologischen Spagat der PS entsprechend, 53 % der Arbeiter wie der leitenden Angestellten und freien Berufe. Nicht verwunderlich, dass 63 % der Lohnabhängigen im öffentlichen Dienst sie gewählt haben, aber nur 45 % aus dem Privatsektor. Allgemein werden weder sie noch Sarkozy eindeutig von einer bestimmten Berufsgruppe bevorzugt oder abgelehnt.[31] Auffallend ist der zunehmende Stimmenanteil Royals mit steigendem Bildungsniveau. Das städtische, insbesondere akademisch gebildete intellektuelle Bürgertum, aber auch Jugendliche, nicht zuletzt jene arabischer und afrikanischer Herkunft in den Vorstädten, standen mehrheitlich hinter der Sozialistin,[32] der vorwiegend auf dem Land und in Kleinstädten lebende Français moyen ohne Abitur hinter Sarkozy.

Fußnoten

28.
Den folgenden Angaben liegen die in den Anmerkungen 7 und 20 zitierten Umfragen zur Präsidentschaftswahl (erster Wahlgang) zugrunde. Ferner folgende Umfrage zur Stichwahl: www.csa-fr.com/dataset/data2007/opi20070506, (20. 5. 2007).
29.
43 zu 57 % bei den 50- bis 74-Jährigen, sogar 37 zu 63 % bei den über 75-Jährigen.
30.
So J. Jaffré (Anm. 9).
31.
Bemerkenswert ist der hohe Anteil der Arbeiter, die im ersten Wahlgang für Le Pen stimmen. Mit 23 % liegt er vor Sarkozy und Royal (beide 21 %). Offenbar sind ihm die vermutlich gering qualifizierten und in ihrem Sozialstatus bedrohten Modernisierungsverlierer ziemlich treu geblieben.
32.
Symptomatisch: 94 % der Muslime haben Royal, aber 77 % der praktizierenden Katholiken haben Sarkozy gewählt. Zahlen nach J. Jaffré (Anm. 9).