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10.9.2007 | Von:
Frank Eckardt

Frankreichs Schwierigkeiten mit den Banlieue

Die Ereignisse des November 2005

Die Aufstände (Émeutes) beginnen am 27. Oktober 2005. Bouna Traoré (15 Jahre) und Zyed Benna (17) sterben durch Elektroschock an einer Trafostation, wohin sie vor einer Polizeikontrolle fliehen wollten. Ein dritter Jugendlicher, Muhtin Altun, erleidet schwere Verletzungen.[1] Die Nachricht von diesem tragischen Unfall verbreitet sich sehr schnell, und schon am selben Abend kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen in Clichy - Autos und Geschäfte werden in Brand gesetzt. Am darauf folgenden Wochenende werden in den benachbarten Vororten von Paris ähnliche Brandanschläge verübt. Bis Anfang November schließen sich weitere Jugendliche in den westlichen und südlichen Pariser Banlieue den Unruhen an. Bis dahin waren es vor allem kleine Gruppen von Jugendlichen, die sich mit Polizisten Auseinandersetzungen lieferten, und nur vereinzelt kam es wie in Aulnay-sous-Bois zu größeren Versammlungen von Bewohnern. Teilweise versuchten auch andere Banlieue-Bewohner, die Jugendlichen zu beschwichtigen. Der 4. und 5. November 2005 können in dieser Hinsicht als der Zeitpunkt verstanden werden, an dem die Émeute das ansonsten beobachtbare Muster ähnlicher Ausschreitungen aus der Vergangenheit durchbrach. Im Gegensatz zu früheren Aufständen folgten einer ersten spontanen Welle der Wut zwei weitere Phasen. In diesen breiteten sich die Unruhen in der Pariser Region aus, in der nachts in 24 Vorstädten bis zu 500 Autos in Brand gesteckt wurden. Schließlich schlossen sich Jugendlichen in mehr als 200 Banlieue im ganzen Land der Émeute an.[2] Bis zum Ende der Unruhen wurden über 9 000 Autos angezündet, in der Nacht auf den 7. November allein 1 408. Am 8. November verkündete die Regierung den Notstand bis zum 20. November und verlängerte ihn anschließend um weitere drei Monate.

Die Logik der Ausbreitung kann auf eine medial geführte Auseinandersetzung zwischen dem damaligen Innenminister und heutigen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy mit den Jugendlichen der Vorstädte zurückgeführt werden. Sarkozy bezeichnete während eines Vorortbesuchs am 4. November, als er zu einer verängstigten älteren Bewohnerin sprach, die aufständischen Jugendlichen vor laufenden Kameras als "Gesindel". Am 7. November kündigte der Minister weitere polizeiliche Maßnahmen an, um die allgemeine Sicherheit wieder herzustellen. Die Jugendlichen wurden dabei als Kriminelle dargestellt. In einem Interview im Dezember 2005 meinte Sarkozy, er wisse, dass 70 Prozent dieser "Leute" bereits eine kriminelle Vergangenheit hätten.[3]

Die vorliegenden Analysen unterstützen diese Sichtweise nicht: Von den im November 2005 angehaltenen 3 101 Personen wurden 562 Erwachsene verhaftet. Von den aufgegriffenen Jugendlichen war lediglich ein Drittel bereits "polizeibekannt".[4] Diese polizeilichen Statistiken sind jedoch nicht vorurteilsfrei, da erstens durch eine erhöhte Häufigkeit der Polizeikontrollen die Wahrscheinlichkeit, durch die Polizei registriert zu werden, in den Banlieue erheblich höher ist, und weil zweitens diese Meldungen auch ohne weitere Strafverfolgung beibehalten werden. Auf diese Weise wird durch die Polizeistatistik eine Delinquentengruppe konstruiert, die nicht das wirkliche Profil der Aufständischen wiedergibt. Die Aufständischen des November 2005 waren durchschnittlich zwischen 15 und 20 Jahre alt. Sie entstammen überdurchschnittlich armen Familien. Wie eine Statistik aus Saint-Denis zeigt, ist jeder Vierte von ihnen frühzeitig von der Schule abgegangen, und nur 44 Prozent aller aufgegriffenen Jugendlichen waren noch auf die eine oder andere Weise im Bildungssystem integriert.[5]

Fußnoten

1.
Die Darstellung der Ereignisse folgt weitgehend Hugues Lagrange, Autopsie d'une vague d'émeutes, in: Ders./Marco Oberti (Hrsg.), Émeutes urbaines et protestations, Paris 2006.
2.
Vgl. auch Laurent Mucchielli, Introduction générale, in: Ders./Véronique Le Goaziou (Hrsg.), Quand les banlieues brûlent, Paris 2006.
3.
Vgl. Libération vom 9. 12. 2005.
4.
Vgl. H. Lagrange (Anm. 1), S. 47.
5.
Vgl. Le Parisien vom 12. 1. 2006.