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10.9.2007 | Von:
Frank Eckardt

Frankreichs Schwierigkeiten mit den Banlieue

Problemgebiet Banlieue

Die Banlieue sind für viele zu einem Synonym für vielfältige Problemlagen geworden. Die Konstruktion großer Hochhaussiedlungen am Rande der Stadt geht auf die naturalistische Philosophie des Architekten Le Corbusier zurück, der die Stadt in deutlich getrennte Lebensräume (Wohnen, Arbeiten, Verkehr, Freiraum) gliedern wollte.[6] Im Frankreich der Nachkriegszeit herrschte ein erheblicher Bedarf an günstigem Wohnraum. Durch die Hochhaussiedlungen sollte zudem ein - ein der langen Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs entsprechendes - optimistisches und modernes Gesellschaftsbild gespiegelt werden. Im Jahr 1952 wurden die ersten der 2 000 Wohnungen in Marseille fertig gestellt. Es folgte der Bau ähnlicher Hochhaussiedlungen (HLM) in ganz Frankreich, die als sozialer Ausgleich zum privaten Wohnungsbau und als Schmelztiegel für eine neue, gerechtere Gesellschaft angesehen wurden.[7]

Statt dessen entwickelten sich die Banlieue alsbald zu einem sozialen Brennpunkt. Die zunächst ansässigen weißen Franzosen verließen, soweit es ihnen möglich war, die Vororte, und die Hochhaussiedlungen wurden vorzugsweise durch Einwandererfamilien bezogen. In politischer Hinsicht setzte damit ein Erosionsprozess des zumeist kommunistischen Arbeitermilieus in den Banlieue ein. Mit dem Entstehen der strukturellen Arbeitslosigkeit ab dem Jahr 1973 wurden die Vororte in relativ kurzer Zeit zu Zentren der Armut und ethnischer Diversität. Während im Jahr 1976 zum Beispiel in La Noé de Chanteloup-les-Vignes noch zwei Drittel aller Einwohner französischer Herkunft waren, verkehrte sich das Verhältnis spiegelbildlich bis zum Jahr 1987.[8]

Nach offizieller Lesart leben heute ca. fünf Millionen Franzosen in "Problemgebieten" (ZUS - Zone Urbaines Sensibles), womit zumeist Banlieue gemeint sind.[9] Als Kriterium für eine Einstufung als ZUS gilt eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit und ein geringes Bildungsniveau. Im Jahr 2004 war die Arbeitslosenquote in den ZUS mit 20,7 Prozent doppelt so hoch wie im nationalen Durchschnitt. Für die Jugendlichen unter 25 Jahre lag sie sogar bei 36 Prozent. Das Durchschnittseinkommen liegt in der Banlieue bei 10 540 Euro, während es ansonsten in Frankreich 17 184 Euro beträgt. In der Pariser Metropolregion (Ile-de-France) lebt jeder Jugendliche unter 20 Jahren in einer ZUS-Nachbarschaft. Die soziale Benachteiligung der Bewohner, die ethnische Vielfalt, infrastrukturelle Unterentwicklung und politische Vernachlässigung amalgieren in den Banlieue zu einer gesellschaftlichen Problemlage, in der Rassismus, Gewalt und Unsicherheit einen besonderen Nährboden haben.[10] Schon in den 1970er Jahren wurde deutlich, dass das Verhalten, das Polizei-, U-Bahn- und Eisenbahnbeamte sowie Lehrer und Vertreter anderer öffentlicher Institutionen gegenüber Jugendlichen bezüglich ihrer ethnischen Herkunft an den Tag legen, von großer Bedeutung für die Entstehung gewaltsamer Ausschreitungen ist.[11]

Fußnoten

6.
Zur Geschichte der Banlieue vgl. Thibault Tellier, Le temps des HLM 1945 - 1975, Paris 2007.
7.
Vgl. Hervé Viellard-Baron, Sur l'origine des grands ensembles, in: Fréderic Dufaux/Annie Fourcaut (Hrsg.), Le Monde des grands ensembles, Grane 2004.
8.
Vgl. Raymond Curie, Banlieue et violences urbaines: les orientations associatives et militantes confrontées aux limites de la politique de la ville et de l'intervention sociale, in: ContreTemps, 13 (2005), S. 122 - 132.
9.
Vgl. Christophe Soullez, Les violences urbaines, Toulouse 2006.
10.
Vgl. Stéphane Beaud/Michel Pialoux, Violences urbaines, violence sociale: genèse des nouvelles classes dangereuses, Paris 2003.
11.
Als symbolische Gewalt; vgl. dazu Pierre Bourdieu/Jean-Claude Passeron, Grundlagen einer Theorie der symbolischen Gewalt, Frankfurt/M. 1973.