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10.9.2007 | Von:
Frank Eckardt

Frankreichs Schwierigkeiten mit den Banlieue

Ghettoisierung der Banlieue?

Insbesondere von Linken wird dem Sicherheitsdiskurs eine Analyse der Banlieue gegenübergestellt, die mit der Vorstellung einer auseinander brechenden Gesellschaft einhergeht. Diese greift eine weit verbreitete Angst vor dem "Sozialen Bruch" auf, den Jacques Chirac nach seiner ersten Präsidentenwahl (1995) thematisierte. Demnach steht den französischen Vorstädten eine Ghettoisierung nach US-amerikanischen Beispiel bevor. Trotz großer Unterschiede in der Beurteilung der realen Gefahr der Ghettoisierung, die auch Nicolas Sarkozy beschworen hat, betonen Autoren wie Loie Wacquant und Jacques Donzelot wichtige Unterschiede in der amerikanischen und französischen Situation, wobei sie die Bedeutung des Staates bei der sozialen Konstruktion der Vorstädte unterstreichen.[26]

Gemeinsam ist den politischen und intellektuellen Ghetto-Diskursen dennoch, dass sie von einer städtischen Transformation ausgehen, bei der sich der Übergang eines affilierten (eingebundenen) zu einem desaffilierten (abgespaltenen) und desorganisierten gesellschaftlichen Raum abzeichnet. Bisher habe es eine zweifache Affiliation der Banlieue mit der Gesellschaft gegeben, nämlich durch die ähnliche Einkommensstruktur wie auch politisch durch sozio-kulturelle Gemeinschaftsorganisation. Auf diese Weise konnte ein sozialer Frieden für ganz Frankreich aufrechterhalten werden, der sich trotz sozialer Benachteiligungen und Widersprüche bewährte.

Dieser Integrationsmodus geriet in eine Krise. Die Vorstädte wurden in den neunziger Jahren von einer strukturellen Arbeitslosigkeit erfasst, die jeden fünften arbeitsfähigen Bewohner betraf. So kam es, dass heute etwa ein Drittel aller Bewohner in den Banlieue unter prekären Umständen lebt. 65 Prozent der Bewohner arbeiten mit zeitlich unbefristeten Arbeitsverträgen. Die Desaffiliation setzt ein, weil die internen und externen Affiliationsmechanismen nicht mehr ineinander greifen: Die gemeinsame Position in der Arbeits- und Einkommensstruktur schwindet, was zu Effekten des geringeren sozialen Zusammenhalts und der Entsolidarisierung führt, mithin zu einer sich kulturell und symbolisch ausprägenden Ausdifferenzierung der Lebensstile. Politische Artikulation wird so wegen fehlender Gemeinsamkeiten unmöglich gemacht.

Aus dieser Desorganisation ergeben sich sozio-kulturelle Konflikte, die sich in Alltagsdelinquenz äußern und von Seiten der Stadt, der Polizei und der Politik als Auseinandersetzungen mit dualer Frontstellung wahrgenommen werden. Sie basieren auf unterschiedlichen Normvorstellungen der Bewohner. Noch immer ist die Normenwelt der alten Arbeiter aufzufinden, die heute nicht mehr in der Lage sind, ihre Regeln und Vorstellungen durchzusetzen. Sie sind es, die besonders unter der Stigmatisierung ihrer Stadtviertel leiden. Die Jugendlichen wiederum sind nicht in der Lage, dieses Stigma zu bewältigen, obwohl sie den öffentlichen Raum okkupieren. Dieser Normenkonflikt ist nicht durch externe Intervention aufzulösen - im Gegenteil: Die Repression schafft einen Teufelskreis der Gewalt. Die Desaffiliation spiegelt sich insbesondere in der Distanz zu den politischen Institutionen wider, vor allem in Bezug auf die lokalen Autoritäten.[27]

Gegen einen Diskurs, der vor allem die Polarisierung der französischen Gesellschaft in den Vordergrund der Analyse stellt, wurden von der empirischen Sozialforschung wichtige Einwände geltend gemacht. Marie-Hélène Bacqué und Yves Sintomer bezweifeln die Terminologie der "Desorganisation" als adäquate Beschreibung der sozialen Wirklichkeit der Banlieue.[28] Sie bestätigen aufgrund ihrer Forschungen vielmehr die Theoretisierung der "Metamorphosen des Sozialen", wie sie von Robert Castel ausgearbeitet wurde.[29] Castel hat, vereinfacht gesagt, die Beziehung der Individuen zur Gesellschaft analysiert und hierbei die Einbettung der Arbeiter in eine soziale Ordnung beschrieben, die durch staatliche Rahmengebung ermöglicht wurde. In der postindustriellen Gesellschaft wird diese staatlich-ökonomische Konstruktion des Sozialen aufgehoben. Für den Einzelnen vergrößert sich dadurch die soziale Unsicherheit.

Bezweifelt wird des Weiteren, dass das Bild von der sozialräumlichen Aufteilung zwischen reicher Innenstadt und armer Banlieue richtig ist. Segregationsanalysen weisen auf eine komplexere Entwicklungstendenz der städtischen Sozialstruktur.[30] Gemessen am Einkommen lässt sich sowohl eine wachsende Oberschicht als auch Mittelschicht, der 45 Prozent der Bevölkerung zugerechnet werden können, nachweisen. Räumlich betrachtet bemühen sich vor allem die aufsteigenden Familien um Abgrenzung, ihre Autosegregation verstärkt sich. Gleiches trifft aber auch für die klassischen Industriearbeiter zu, so dass es eine Vielzahl von Abgrenzungswünschen und ein sehr diverses Wohnmuster gibt. In vielen Stadtteilen lässt sich weiterhin ein sozialer Mix nachweisen. Die Mittelschicht hat kaum Neigungen, die Stadt zu verlassen und siedelt in der Regel in andere sozial-gemischte Quartiere um. Die fehlende Polarisierung bedeutet nicht, dass soziale Probleme nicht zunehmen, da auch die Arbeiter und Angestellten von der Verschlechterung (Prekarisierung) ihrer Lebensumstände betroffen sind. Das Hauptproblem besteht aber nicht in den Banlieue, sondern in der wachsenden Instabilität der Noch-Stabilen.

Ähnlich kritisch sehen auch andere Autoren die Fokussierung auf die Banlieue. Im Vergleich zu anderen Wohngegenden in Frankreich ist die Behauptung, dass sich die Banlieue in sozial schlechteren Zuständen als etwa altindustrielle Kleinstädte befänden, nicht aufrecht zu erhalten.[31] Auch stellt sich die Frage, warum die Orte, in denen durch besonders hohe Front National-Zustimmung das politische System gleichermaßen in Frage gestellt wird, nicht die gleiche politische und mediale Aufmerksamkeit zuteil wird.[32] Diesen Gebieten fehlt es für das politische Krisenmanagement an herausforderndem Verhalten, und trotz Wahlverweigerung weisen sie ein hohes Maß an Loyalität auf.[33] Die Banlieue werden deshalb bevorzugt thematisiert, weil sie sich medial als ein territoriales Problemgebiet darstellen lassen und somit die Beziehungen zwischen Staat und unzufriedenen Bürgern klarer sichtbar machen, was im Falle einer verstreuten und diffusen FN-Wählerschaft nicht möglich ist. Die staatliche Transformation Frankreichs ist durch eine Territorialisierung sozialer Probleme gekennzeichnet, um diese effektiver handhaben zu können - hierein passt auch die Logik der Effektivität politischer Kommunikation, nach der die Banlieue schlicht eine einfachere Form der Problembearbeitung darstellen.[34]

Resümierend kann festgestellt werden, dass sich Frankreich in den vergangenen zwei Jahrzehnten zunehmend von den Banlieue entsolidarisiert hat. Auch die politische Linke nahm diese Vororte als ein Sicherheitsproblem wahr. Mit einer diffusen Angst vor der Ghettoisierung wird eine interventionistische Sicherheitspolitik betrieben, die durch eine hauptsächlich städtebaulich ausgerichtete Kommunalpolitik kompensiert werden soll. Die Unangemessenheit dieser politischen Bearbeitungsversuche der Émeute wird nicht erkennbar, da es alternative Erklärungen im politischen und intellektuellen Diskurs schwer haben, Aufmerksamkeit zu finden und sich kaum medial und für Wahlkämpfe nutzen lassen. Insbesondere die unbequeme Kritik der Aufständischen an ihrer gesellschaftlichen Position wird durch den Sicherheitsdiskurs diskreditiert. Eine Anerkennung der schwierigen Lage der benachteiligten Jugendlichen ist so nicht absehbar.[35]

Fußnoten

26.
Vgl. Loic Wacquant, Les visages du ghetto. Construire un concept sociologique, in: Actes de la recherche en sciences sociales, 160 (2005), S. 5 - 21 ; Jacques Donzelot, Quand la ville se défait, Paris 2006.
27.
Vgl. Isabelle Coutant, Délit de jeunesse. La justice face aux quartiers, Paris 2005.
28.
Vgl. Maire-Hélène Bacqué/Yves Sintomer, Affiliations et désaffiliation en banlieue. Réflexions à partir des exemples de Saint-Denis et d'Aubervilliers, in: Revue Française de Sociologie, 42 (2001) 2, S. 217 - 249.
29.
Robert Castel, Die Metamorphosen der sozialen Frage, Konstanz 2000.
30.
Vgl. Edmund Préteceille, La Ségregation sociale a-t-elle augmenté? La métropole parisienne entre polaristion et mixité, in: Sociétés contemporaines, 62 (2006), S. 69 - 93.
31.
Vgl. Nicole Tabard, Des quartiers pauvres aux banlieues aisées: une représentation sociale du territoire, in: Économie et Statistique, 270 (1993), S. 5 - 22.
32.
Vgl. Pascal Perrineau/Colette Ysmal (Hrsg.), Le vote de tous les refus. Les élections présidentielles et législatives de 2002, Paris 2002.
33.
Vgl. Albert Hirschman, Exit, Voice and Loyality, Cambridge 1970.
34.
Vgl. Dominique Lorrain, La Dérive des Instruments. Les indicateurs de la politique de la ville e L'action publique, in: Revue française de Science Politique, 56 (2006) 3, S. 429 - 456.
35.
Vgl. Axel Honneth, Kampf um Anerkennung, Frankfurt/M. 1992.