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31.8.2007 | Von:
Peter Sitzer
Wilhelm Heitmeyer

Rechtsextremistische Gewalt von Jugendlichen

Rechtsextremistische Gewalt- und sonstige Straftaten in Deutschland

Abbildung 1 vgl. Abb. 1 der PDF-Version zeigt die Entwicklung polizeilich registrierter rechtsextremistischer Straftaten in Deutschland. Wenngleich die dargestellten Zeitreihen wegen mehrfach veränderter Erhebungskategorien mit Vorsicht interpretiert werden müssen,[8] so ist doch deutlich zu erkennen, dass rechtsextremistische Straftaten zwischen 1991 und 1993 sprunghaft anstiegen. Zwar gingen diese in der Mitte der 1990er Jahre wieder etwas zurück, blieben aber deutlich über dem Ausgangsniveau. In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts nahmen die rechtsextremistischen Straftaten wieder zu und erreichten im Jahr 2000 ein zweites Maximum. Das 2001 eingeführte Definitionssystem Politisch motivierte Kriminalität weist deutlich weniger rechtsextremistische Gewalttaten und deutlich mehr rechtsextremistische sonstige Straftaten als die Vorgängerstatistiken aus, wobei in jedem Jahr mehr Gewalt- und sonstige Straftaten registriert werden als im Vorjahr. Bezogen auf die Bevölkerungszahlen werden in den ostdeutschen Bundesländern rechtsextremistisch motivierte Straftaten überdurchschnittlich häufig registriert - ein Befund, der seit 1991 weitgehend stabil ist.

Um welche Taten geht es? Das Definitionssystem Politisch motivierte Kriminalität erfasst polizeilich registrierte Straftaten, "wenn die Umstände der Tat oder die Einstellung des Täters darauf schließen lassen, dass sie sich gegen eine Person aufgrund ihrer politischen Einstellung, Nationalität, Volkszugehörigkeit, Rasse, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung, Herkunft, sexuellen Orientierung, Behinderung oder ihres äußeren Erscheinungsbildes bzw. ihres gesellschaftlichen Status richtet".[9]

2006 wurden 1.047 Gewalttaten dem Bereich Politisch motivierte Kriminalität - rechts zugeordnet. Davon hatten 484 eine fremdenfeindliche und 43 eine antisemitische Zielrichtung, 302 waren gegen Linksextremisten oder vermeintliche Linksextremisten und 91 gegen sonstige politische Gegner gerichtet. Die weiteren rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten wurden keiner Zielrichtung zugeordnet.[10] Tabelle 1 gibt eine Übersicht über die Gewalt- und sonstigen Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund aus dem Bereich Politisch motivierte Kriminalität - rechts. Vgl. Tab. 1 der PDF-Version.

Wer sind die Täter? Die offizielle Kriminalstatistik enthält nur wenige Angaben zu den Merkmalen der Täter rechtsextremistischer Straftaten. Einen besseren Überblick geben zwei Analysen polizeilicher Ermittlungsakten von Tatverdächtigen fremdenfeindlicher Straftaten aus dem gesamten Bundesgebiet.[12] Beide Untersuchungen kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Unter den Verdächtigen fremdenfeindlicher Straftaten sind überwiegend Jugendliche und junge Erwachsene männlichen Geschlechts. Überdurchschnittlich viele Tatverdächtige haben unterdurchschnittliche Bildungsabschlüsse, sind überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffen und in einfachen Arbeiterberufen oder als ungelernte Arbeiter tätig. Über drei Viertel der fremdenfeindlichen Straftaten werden von Gruppen oder aus Gruppen heraus verübt. Außerdem ist etwa ein Drittel der Tatverdächtigen bereits vorbestraft. Dabei deuten sowohl der hohe Anteil nicht einschlägig vorbestrafter Tatverdächtiger und das Überwiegen von Gruppentaten auf einen breiten Überschneidungsbereich fremdenfeindlicher Straftaten und allgemeiner Jugend- und Bandendelinquenz hin.[13] Allerdings können auf der Grundlage polizeilicher Ermittlungsakten keine Aussagen über die Bedingungen des Aufwachsens rechtsextremistischer Gewalttäter gemacht werden. Dafür sollen nun sozialwissenschaftliche Untersuchungen zu den Handlungsvoraussetzungen, den Handlungskontexten und den Eskalationsfaktoren rechtsextremistischer Gewalt herangezogen werden.

Fußnoten

8.
Vgl. Helmut Willems, Unabhängige Beobachtungsstelle für rechte Gewalt? Eine Verhinderungsgeschichte, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände. Folge 1, Frankfurt/M. 2002.
9.
Bundesministerium des Inneren, Verfassungsschutzbericht, Berlin 2007, S. 21.
10.
Vgl. ebd., S. 26.
12.
Vgl Helmut Willems/Stefanie Würtz/Roland Eckert, Analyse fremdenfeindlicher Straftäter, Bonn 1994; Christian Peucker/Martina Gaßebner/Klaus Wahl, Analyse polizeilicher Ermittlungsakten zu fremdenfeindlichen, rechtsextremistischen und antisemitischen Tatverdächtigen, in: Klaus Wahl (Hrsg.), Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rechtsextremismus. Drei Studien zu Tatverdächtigen und Tätern, Berlin 2001. Die Verwendung polizeilicher Ermittlungsakten für die wissenschaftliche Analyse von Täterstrukturen ist nicht unproblematisch (siehe auch Willems u. a., S. 105 ff., Peucker u. a., S. 19 ff.): Insbesondere handelt es sich nicht um die Daten von Tätern, sondern von Tatverdächtigen, die von der Polizei im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens befragt wurden, um nur die wichtigste Einschränkungen zu nennen.
13.
Vgl. Chr. Peucker u.a. (Anm. 12), S. 44.