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31.8.2007 | Von:
Andreas Böttger
Katarzyna Plachta

Bewältigungsstrategien von Opfern rechtsextremer Gewalt

Rechtsextreme Gewalt wird von Opfern oft als lebensbedrohlicher Angriff und soziale Ausgrenzung erlebt. Eine empirische Studie identifizierte aktive und innerpsychische Bewältigungsstrategien, durch die Betroffene nach einem solchen Übergriff wieder Stabilität erlangen.

Einleitung

Innerhalb des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projektverbundes "Stärkung von Integrationspotenzialen einer modernen Gesellschaft" beschäftigte sich das im arpos Institut in Hannover durchgeführte Projekt "Opfer rechtsextremer Gewalt" unter anderem mit den längerfristigen Folgen rechtsextremistisch motivierter gewalttätiger Übergriffe ("Viktimisierungen") sowohl hinsichtlich individueller Erfahrungen und Verarbeitungsmechanismen bei den Opfern als auch in Bezug auf gesellschaftliche Desintegrationsgefahren.[1]




Darüber hinaus sollte die Analyse Aufschluss darüber geben, unter welchen biographischen, sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen die Opfer verschiedener Arten von rechtsextremistisch motivierter Gewalt in der Lage sind, individuelle und soziale Stabilität in unserer Gesellschaft wiederzuerlangen, und welche gesellschaftlichen Integrationspotenziale dabei in Anspruch genommen werden können. Denn Integrationspotenziale sind in modernen Gesellschaften nicht nur dort relevant, wo Gesellschaftsmitglieder aufgrund von Desintegrations- und Marginalisierungserfahrungen abweichendes, kriminalisierbares Verhalten zeigen und somit als Gefahr wahrgenommen werden.[2]




Sie sind auch dort einzufordern, wo massive Opfererfahrungen das Vertrauen der betroffenen Gesellschaftsmitglieder gegenüber anderen und oft auch gegenüber dem Gesellschaftssystem selbst herabsetzen oder gar zerstören. Von den Kontrollinstanzen des Systems (z.B. von der Polizei) wird gemeinhin erwartet, dass sie seine Mitglieder davor schützen, zu Opfern von Gewalthandlungen (und anderen Rechtsverletzungen) zu werden. Kommt es dennoch zu einer Viktimisierung dieser Art, so erwarten die Opfer in der Regel, dass sie von Kontrollinstanzen und/oder anderen gesellschaftlichen Institutionen wenigstens Hilfe beim persönlichen und sozialen Umgang mit der Viktimisierung erhalten. Werden auch diese Erwartungen enttäuscht, kann es zum Erleben eines Verlustes der positionalen, moralischen und auch emotionalen Anerkennung kommen (besonders in rechtlicher und sozialer Hinsicht),[3] und es besteht die Gefahr, dass die betroffenen Personen das "Systemvertrauen" in die Gesellschaft und ihre Kontrollinstanzen verlieren und in gesellschaftliche Desintegration geraten.[4] Integrationspotenziale müssen in diesem Zusammenhang vor allem die Funktion haben, den Desintegrationsgefahren bei Opfern durch gezielte Unterstützung entgegenzuwirken - und dies insbesondere bei rechtsextremistisch motivierter Gewalt, die aufgrund der Tatsache, dass die Täter und Täterinnen zumeist organisiert sind und gegen immer dieselben Opfergruppen vorgehen (z.B. Ausländer und Ausländerinnen), als besonders gefährlich und diskriminierend erfahren wird.

Der vorliegende Text bietet einen Überblick über die verschiedenen Formen der Bewältigung rechtsextremer Übergriffe durch die Opfer, wie sie auf der Grundlage ausführlicher qualitativer Interviews mit den Betroffenen im Rahmen der Untersuchung identifiziert werden konnten.

Unter "Bewältigung" wird dabei das Management von bedrohlichen und verletzenden Herausforderungen und Belastungen verstanden, welche die vorhandenen Ressourcen des betroffenen Individuums sehr stark beanspruchen oder sogar übersteigen. Für den Zweck der vorliegenden Studie wurde eine Klassifikation von Bewältigungsformen aus der soziologischen Perspektive von Werner Strobl und Rainer Greve herangezogen und um Kategorien von Eva Tov aus psychologischer und sozialpsychologischer Sicht sowie um einige selbst entwickelte Kategorien ergänzt.[5] Die Klassifikation unterscheidet zunächst "aktive Bewältigungsstrategien", bei denen das Individuum physisch in Aktion treten muss, von "innerpsychischen Bewältigungsstrategien", die allein auf der mentalen Ebene stattfinden.

Fußnoten

1.
Vgl. Andreas Böttger/Olaf Lobermeier/Rainer Strobl/Pamela Bartels/Michaela Kiepke (jetzt Krey)/Katarzyna Lipinska (jetzt Plachta)/Anne Rothmann, Opfer rechtsextremer Gewalt, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Forschungsverbund Desintegrationsprozesse - Stärkung von Integrationspotenzialen einer modernen Gesellschaft. Abschlussbericht für das Bundesministerium für Bildung und Forschung, Bielefeld 2006.
2.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer/Birgit Collmann/Jutta Conrads/Ingo Matuschek/Dietmar Kraul/Wolfgang Kühnel/Renate Möller/Matthias Ulbrich-Hermann, Gewalt. Schattenseiten der Individualisierung bei Jugendlichen aus unterschiedlichen sozialen Milieus, Weinheim-München 1995.
3.
Vgl. Axel Honneth, Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte, Frankfurt/M. 1992.
4.
Vgl. Thomas Ohlemacher, Verunsichertes Vertrauen? Gastronomen in Konfrontation mit Schutzgelderpressung und Kriminalität, Baden-Baden 1998.
5.
Vgl. Werner Greve/Rainer Strobl, Social and Individual Coping with Threats: Outlines of an Interdisciplinary Approach, in: Review of General Psychology, 8 (2004) 3, S. 194 - 207; Eva Tov, Verbrechensverarbeitung bei Opfern schwerer Kriminalität, in: Günter Kaiser/Helmut Kury (Hrsg.), Kriminologische Forschung in den 90er Jahren: Beiträge aus dem Max-Planck-Institut für Ausländisches und Internationales Strafrecht, Freiburg 1993; A. Böttger et al. (Anm. 1).