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31.8.2007 | Von:
Andreas Böttger
Katarzyna Plachta

Bewältigungsstrategien von Opfern rechtsextremer Gewalt

Innerpsychische Bewältigung

Zu den innerpsychischen (oder "intrapsychischen") Bewältigungsstrategien gehören die Verdrängung des erlittenen Übergriffs, die Aufwertung der Situation des Opfers durch einen Vergleich mit noch problematischeren Situationen sowie eine Verleugnung bzw. Neudefinition der Tat. Dabei handelt es sich um rein mentale Prozesse, die der Betroffene "mit sich selbst ausmacht" und zu denen er nicht die Hilfe und Unterstützung anderer Personen benötigt, die aber gerade aus diesem Grund auch nicht so erfolgversprechend sind wie aktive Bewältigungsformen.

Über Strategien einer rein innerpsychischen Bewältigung wurde in den Interviews mit Betroffenen jedoch vergleichsweise selten berichtet; in den meisten Fällen überwog eine aktive Bewältigung, die innerpsychische Lösungsversuche ggf. nach einer gewissen Zeit ablöste.

Bei einer Verdrängung wird das bedrohliche Erlebnis aus dem Bewusstsein ins Unterbewusstsein verlagert und ist somit im Bewusstsein nicht mehr präsent (wenngleich es zu späterer Zeit wieder "durchbrechen" kann). Das Opfer scheint die erlebte Viktimisierung "vergessen" zu haben. Leider ist eine solche Strategie jedoch gerade deshalb in einer Untersuchung auf der Grundlage von Interviews mit Betroffenen nicht identifizierbar, da sich diese viktimisierten Personen gerade aufgrund ihres Verdrängungsprozesses nicht als Opfer erleben und sich daher auch nicht zu ihrer Viktimisierung befragen lassen.

Eine Aufwertung der Situation des Opfers durch einen Vergleich mit noch problematischeren Situationen ("downward comparison") fand sich ebenfalls in keinem der mit den Betroffenen durchgeführten Interviews. Es kristallisierte sich zwar heraus, dass einige der Betroffenen die rechtsextreme Tat nicht als das Schlimmste bewerten, was ihnen bisher im Leben zugestoßen ist. Insbesondere bei Asylsuchenden mit Migrationshintergrund wurde vielfach deutlich, dass ihre Biographie durch zahlreiche problematische, zum Teil lebensbedrohliche Ereignisse geprägt ist, von denen die aktuelle rechtsextreme Gewalttat nur eines ist. So berichtete ein Interviewpartner, dass die aktuelle Tat für ihn "nicht so schlimm gewesen" sei, weil das Erleben von Gewalt zur "Normalität seines Alltags" gehöre. Anders als beim "downward comparison" wird hier jedoch der rechtsextreme Übergriff nicht nachträglich in seiner Problematik abgeschwächt, um seine Verarbeitung zu erleichtern, sondern er wird bereits während seines Geschehens als etwas erlebt, das in der eigenen Biographie als nicht sehr außergewöhnlich erscheint - eine Erkenntnis, die einmal mehr die Notwendigkeit sozialer Hilfeleistungen und präventiver gesellschaftspolitischer Maßnahmen im Rahmen dieser Problematik verdeutlicht.

Auch die Strategie der Verleugnung bzw. der Neudefinition dient der nachträglichen Abschwächung des rechtsextremen Übergriffs und seiner Folgen für die Betroffenen, was hier jedoch (im Gegensatz zum "downward comparison") nicht über einen Vergleich mit anderen, als noch problematischer empfundenen Situationen erreicht wird. Bei diesen Strategien bleibt (im Gegensatz zur Verdrängung) der Übergriff als solcher den Betroffenen bewusst und erinnerbar. Durch Verleugnung und Neudefinition wird die Viktimisierung aber so umdefiniert, dass sie relativiert und damit als erträglich erlebt wird. Für diesen Prozess sind ambivalente Gefühle oder Gedanken zur Tat charakteristisch. Eine solche Strategie fand sich in einigen Fällen der von uns befragten Betroffenen, jedoch wurde sie zumeist zusätzlich begleitet durch andere, vorwiegend aktive Bewältigungsmuster. In einigen Fällen relativierten die betroffenen Opfer neben der Tat selbst auch die Person des Täters, indem sie diesem z.B. ein "Recht auf Fehler" zugestanden oder sich selbst die Schuld für den Übergriff zuschrieben, weil sie den Täter durch Provokation - oder auch nur Widerstand - "zur Tat getrieben" hätten. Durch solche Prozesse des Umdefinierens lassen sich die Folgen der Tat zwar subjektiv besser ertragen, an der zu Grunde liegenden sozialen und gesellschaftlichen Problematik vermögen sie jedoch - wie alle innerpsychischen Bewältigungsstrategien - nichts zu ändern.