APUZ Dossier Bild

31.8.2007 | Von:
Andreas Böttger
Katarzyna Plachta

Bewältigungsstrategien von Opfern rechtsextremer Gewalt

Schlussbemerkung

Es lässt sich festhalten, dass für einen großen Teil der Betroffenen die rechtsextreme Gewalttat ein Leben in Angst nach sich zieht. In den meisten Fällen kann nur mit erheblicher Anstrengung der Betroffenen und oft nur unter Inanspruchnahme professioneller Hilfe wieder Stabilität erlangt werden. Ebenso erschütternd ist jedoch die Erkenntnis, dass vor allem Opfer, die einen Migrationshintergrund - etwa als politisch Verfolgte - aufweisen, den lebensgefährlichen Übergriff oft nur als ein existenziell bedrohliches Ereignis unter vielen bewerten. Die sozioökonomische Situation einiger der Befragten mit Migrationshintergrund ist mit einer derart gravierenden Unsicherheit und Zukunftsangst verbunden, dass die Tatsache der Viktimisierung durch rechtsextreme Gewalttäter nur eine individuelle Krise neben vielen anderen hervorgerufen hat.

Als Beispiel kann abschließend das Schicksal eines jungen Interviewpartners aus Sierra Leone dienen, dessen Vater sich in dem Bürgerkrieg in seiner Herkunftsgesellschaft den Rebellen anschloss und daraufhin gefangen genommen wurde. Seine Mutter verschwand zur selben Zeit spurlos, und auch zu seiner Schwester hatte er keinen Kontakt mehr. In der Annahme, auf diese Weise nach Großbritannien zu gelangen, wendete er sich aus Angst um sein Leben an eine Fluchthilfeorganisation, die ihn über viele Umwege nach Ostdeutschland brachte. Zunächst noch im Glauben, er sei in Großbritannien, wandte er sich in seiner Orientierungslosigkeit an deutsche Behörden, die ihn in der folgenden Zeit verschiedenen "Übergangslagern" zuwiesen. Zur Zeit des Interviews wusste er nicht, ob seine Eltern noch am Leben waren und wo er hingehen sollte, wenn er Deutschland verlassen musste. Sein Aufenthalt hier wurde von den Behörden "geduldet", er wusste jedoch nicht, über welche Zeit sich diese Duldung noch erstrecken würde. Dass er von rechtsextremen Skinheads überfallen und brutal geschlagen wurde, war ein weiteres Glied in einer Kette von Umständen, die ihn in anhaltende existenzielle Angst versetzten. Auch dieser Betroffene fand wirkungsvolle Hilfe erst in einer Opferhilfestelle, womit erneut über die sozialen Nahsysteme hinaus die zentrale Rolle dieser Einrichtungen bei der Stabilisierung von Opfern rechtsextremer Gewalt deutlich wird. Deren Arbeit sollte zukünftig - ideell wie finanziell - weiter gefördert werden.