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31.8.2007 | Von:
Kurt Möller
Nils Schuhmacher

Ein- und Ausstiegsprozesse rechtsextremer Skinheads

Skinheads stehen in der öffentlichen Meinung für das Problem des gewalttätig auftretenden jugendlichen Rechtsextremismus. Wie orientiert sich die Skinhead-Szene kulturell und politisch und wie verläuft der Ein- und Ausstieg?

Einleitung

Was Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher über Skinheads wissen, stammt vorrangig aus den Medien - sofern sie nicht selbst dieser Jugendkultur angehören oder anderweitig Erfahrungen mit ihr gesammelt haben. Das Bild in der öffentlichen Meinung ist glasklar: Wo "Skinhead" drauf steht, ist "Rechtsextremismus" drin. Für kritische Medienrezipientinnen und -rezipienten handelt es sich allerdings um ein unscharfes Bild, geben doch "organisierte Anschauungsweisen"[1] wie die Figur des wilddreisten Glatzkopfes in Bomberjacke, Krempeljeans und derben Stiefeln nur sehr eingeschränkt die Wirklichkeit wieder. Das auf ihnen fußende Wissen erscheint lückenhaft und "schief". Erst recht nicht trägt es zum Verständnis darüber bei, wie und warum Jugendliche zu einer rechtsextremen Orientierung gelangen und warum diese etwa mit einer Hinwendung zur Skinheadkultur einhergeht. Dasselbe gilt für die Frage, auf welche Weise und wieso sie diese politische Orientierung und ihre jugendkulturelle Verknüpfung unter Umständen auch wieder aufgeben. So kann die Reproduktion der immergleichen Bilder nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir letztlich wenig über die Hintergründe des so genannten jugendlichen Rechtsextremismus, seine jugendkulturelle Verortungund seine Entwicklungsdynamiken wissen.




Immerhin verfügen wir über einige offizielle Zahlen. Die Sicherheitsbehörden beobachten seit einigen Jahren einen anhaltenden Zulauf zu militant-rechtsextremistischen Gruppen, also zu "Neonazis" und zur Szene der im Regelfall nicht parteigebundenen und explizit in der Mehrzahl aus Skinheads bestehenden "subkulturell" oder "sonstig Gewaltbereiten". Während sich bei den Neonazis im Zeitraum der vergangenen zehn Jahre eine Erhöhung der Anzahl der Personen um rund 80 Prozent auf jetzt 4.200 Personen vollzog,[2] wuchs das Potenzial des zweiten Spektrums im selben Zeitraum um über 60 Prozent auf jetzt 10.400 Personen.[3] Ähnliche Trends lassen sich für die registrierten rechtsextremen Straf- und Gewalttaten feststellen. Auch wenn im Laufe der letzten Jahre die der Registrierung zugrunde gelegten Definitionen nicht völlig gleich geblieben sind - 2001 erfolgte eine Umstellung auf das Definitionssystem "Politisch motivierte Kriminalität" -, so ist doch eine Entwicklung ablesbar: Die Zahl der jährlichen Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund hat sich in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 70 Prozent erhöht (2006: 17.597), jene der einschlägigen Gewalttaten bewegte sich in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre noch auf einem Level zwischen 700 und 800 jährlichen Delikten, stieg dann aber wieder auf ein Niveau von etwa 800 bis über 1.000 (2005: 1.034, 2006: 1.115) und pendelte sich so auf das Zehnfache der späten 1980er Jahre ein.




Welche quantitative und qualitative Rolle Skinheads innerhalb der Szene und der von ihnen begangenen Straf- und Gewalttaten spielen, ist schwer zu ermitteln. In seiner jüngsten Einschätzung ging der Verfassungsschutz von 8.000 bis 10.000 Skinheads in Deutschland aus.[4] Gleichzeitig rechnete er von den rund 10.000 als gewaltbereit eingestuften Rechtsextremisten noch 2005 etwa 85 Prozent der Skinhead-Szene zu.[5] Umgerechnet bedeutet das, dass mindestens 80 Prozent aller Skinheads als rechtsextrem einzustufen sind. Der Realitätsgehalt dieser Zahlen muss allerdings bezweifelt werden: Erstens ist unklar, wie innerhalb der rechtsextremen Szene Skinheads von denen zu unterscheiden sind, die ihnen in ihrer Aufmachung lediglich ähnlich sehen. Zweitens präsentiert sich die Skinheadkultur selbst als in hohem Maße fraktioniert und kennt neben (extrem) rechten Skins auch unpolitische "Oi-Skins", antirassistische "Sharp-Skins" sowie linke "Red- oder Rash-Skins".[6] Drittens tragen die aktuell zusehends an Dynamik gewinnenden kulturellen Veränderungsprozesse innerhalb der rechten Jugendszene und die Diffusion extrem "rechter" Überzeugungen und Symboliken in andere Szenen hinein zu einer abnehmenden Erkennbarkeit und zu einer Abkehr vom klassischen Skinheadstil bei.[7]

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund vermeiden die Sicherheitsbehörden mittlerweile konkrete Zu- und Hochrechnungen. Sie konstatieren lediglich, dass sich das Spektrum der "subkulturell Gewaltbereiten" "hauptsächlich" aus Skinheads rekrutiere.[8] Auch sozialwissenschaftliche Untersuchungen konnten bislang den grundsätzlichen Zusammenhang von Rechtsextremismus und Skinkultur kaum erhellen. Gleiches gilt für die Prozesshaftigkeit ihrer Ver- und Entbindungen bei der politischen Sozialisation von Einzelnen und Gruppen. Zwar gelingt es den Wissenschaftlern zum Teil, das innerkulturelle Leben, die Symbolik, das Selbstverständnis und die Geschichte der Skinheads differenzierter darzustellen; auch wird die Jugendkulturalisierung der rechtsextremen Angebote gut belegt,[9] aber explizite Forschung zum Zusammenhang zwischen Skinheadkultur und Rechtsextremismus gibt es in Deutschland so gut wie gar nicht. Eher am Rande wird der Kontext retrospektiv in psychiatrischen Betrachtungen[10] und Straftäteranalysen auf Aktenbasis[11] thematisiert. Dabei fällt auf, dass der Skinheads zugeschriebene Anteil an rechtsextremen Straftaten je nach Studie stark variiert.[12] Wenn - was relativ selten vorkommt - das Interesse den Prozessen von rechtsextremen Ein- und Ausstiegen gilt,[13] dann wird auch hier kaum nach skinkulturellen, neonazistischen oder sonstigen Kontexten differenziert. Die wenigen vorliegenden Langzeitstudien zu den Bedingungen der Entstehung und Distanzierung von rechtsextremen Orientierungen fokussieren ebenfalls nicht in systematischer Weise Verkoppelungen von rechtsextremer und jugendkultureller Sozialisation.[14]

Vor dem Hintergrund der skizzierten Entwicklungen und des aktuellen Forschungsstandes ergibt sich damit die Notwendigkeit, die Zusammenhänge zwischen (Jugend-)Kultur und Rechtsextremismus genauer in den Blick zu nehmen und darin den Verläufen, Dynamiken und Mustern von Einstiegs- und Distanzierungsprozessen besondere Aufmerksamkeit zu widmen.[15]

Fußnoten

1.
Uwe Pörksen, Weltmarkt der Bilder. Philosophie der Visotypie, Stuttgart 1997.
2.
Vgl. Bundesministerium des Innern, Verfassungsschutzbericht 2006, Berlin 2007.
3.
Vgl. Bundesministerium des Innern, Verfassungsschutzbericht 2005, Berlin 2006; Bundesministerium des Innern 2007 (Anm. 2).
4.
Vgl. Bundesministerium des Innern, Verfassungsschutzbericht 2004, Berlin 2005.
5.
Vgl. ebd.
6.
"Oi", in seinem Ursprung vermutlich auf das englische "Joy" verweisend, wird als Schlacht- und Grußruf in allerlei Alltagssituationen, aber auch als Gattungsbegriff für eine besonders einfach gespielte, bodenständige Form des Punk verwendet, "Sharp" steht für "Skinheads against racial prejudice", "Rash" ist die Abkürzung für "Red and Anarchist Skinheads".
7.
Vgl. Bundesministerium des Innern 2007 (Anm. 2).
8.
Vgl. ebd.
9.
Vgl. z.B. Josef Drexler/Markus Eberwein, Skinheads in Deutschland. Interviews, Hannover-München 1987; Erika Funk-Hennigs, Zur Musikszene der Skinheads - ein jugendkulturelles und/oder rechtsextremistisches Phänomen unserer Gesellschaft?, in: Heiner Gembris/Rudolf-Dieter Kraemer/Georg Maas (Hrsg.), Musikpädagogische Forschungsberichte 1993, Augsburg 1994; Gabriele Rohmann, Spaßkultur im Widerspruch, Bad Tölz 1999; Susanne El-Nawab, Skinheads - Ästhetik und Gewalt, Frankfurt/M. 2001; Klaus Farin (Hrsg.), Die Skins. Mythos und Realität, Berlin 2001; Christian Menhorn, Die Skinheads. Portrait einer Subkultur, Baden-Baden 2001.
10.
Vgl. Andreas Marneros, Blinde Gewalt. Rechtsradikale Gewalttäter und ihre zufälligen Opfer, München 2005; Andreas Marneros u.a., Der soziobiographische Hintergrund rechtsextremistischer Gewalttäter, in: MSchrKrim, (2003) 5, S. 364 - 374 (MSchrKrim = Monatszeitschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform).
11.
Vgl. Helmut Willems/Stefanie Würtz/Roland Eckert, Erklärungsmuster fremdenfeindlicher Gewalt im empirischen Test, in: Roland Eckert (Hrsg.), Wiederkehr des "Volksgeistes"? Ethnizität, Konflikt und politische Bewältigung, Opladen 1994, S. 195 - 214; Robert Mischkowitz, Fremdenfeindliche Gewalt und Skinheads - Eine Literaturanalyse und Bestandsaufnahme polizeilicher Maßnahmen, Wiesbaden 1994; Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Skinheads und Rechtsextremismus. Instrumentalisierung einer Subkultur, Düsseldorf 2001; Helmut Willems/Sandra Steigleder, Täter-Opfer-Konstellationen und Interaktionen im Bereich fremdenfeindlicher, rechtsextremistischer und antisemitischer Gewaltdelikte. Eine Auswertung auf Basis quantitativer und inhaltsanalytischer Analysen polizeilicher Ermittlungsakten sowie von qualitativen Interviews mit Tätern und Opfern in NRW, Trier 2003.
12.
Zwischen 4,7 Prozent (Mischkowitz) und 44,9 Prozent, vgl. H. Willems/S. Steigleder (Anm.11).
13.
Vgl. Benno Hafeneger, Rechte Jugendliche. Einstieg und Ausstieg. Sechs biographische Studien, Bielefeld 1993; Burkhard Schröder, Aussteiger. Wege aus der rechten Szene, Ravensburg 2002; Birgit Rommelspacher, "Der Hass hat uns geeint". Junge Rechtsextreme und ihr Ausstieg aus der rechten Szene, Frankfurt/M.-New York 2006.
14.
Vgl. etwa Wilhelm Heitmeyer u.a., Die Bielefelder Rechtsextremismus-Studie. Erste Langzeituntersuchung zur politischen Sozialisation männlicher Jugendlicher, Weinheim-München 1992; Kurt Möller, Rechte Kids. Eine Langzeituntersuchung über Auf- und Abbau rechtsextremistischer Orientierungen bei 13- bis 15-Jährigen, Weinheim-München 2000; Klaus Wahl/Christiane Tramitz/Martin Blumtritt, Fremdenfeindlichkeit. Auf den Spuren extremer Emotionen, Opladen 2001.
15.
Die folgende Darstellung nimmt selektiv Bezug auf eine zwischen 2002 und 2005 durchgeführte qualitativ angelegte Studie, in der insgesamt 40 ost- und westdeutsche Jugendliche und junge Erwachsene, die sich dieser Szene zugehörig fühlen bzw. einmal zugehörig fühlten, begleitet und zu ihren Motiven, Entwicklungen und biographischen Hintergründen befragt wurden. Vollständig können die Ergebnisse nachgelesen werden in Kurt Möller/Nils Schuhmacher, Rechte Glatzen. Rechtsextreme Orientierungs- und Szenezusammenhänge - Einstiegs-, Verbleibs- und Ausstiegsprozesse von Skinheads, Wiesbaden 2007.