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31.8.2007 | Von:
Wolfgang Kühnel

Gruppen, Konflikte und Gewalt im Jugendstrafvollzug

Die Konflikt- und Gewaltdynamik im Strafvollzug zeigt sich weniger in Gruppenbeziehungen oder Subkulturen als in interpersonalen Beziehungen. Der Grund dafür sind die Lebensbedingungen in der Haft.

Einleitung

Seit Jahren verweisen Kriminologen und Strafrechtler auf gravierende Probleme im Jugendstrafvollzug: Regelungsdefizite aufgrund eines fehlenden Jugendstrafvollzugsgesetzes, steigende Belegungszahlen im geschlossenen Vollzug bei gleichzeitiger Unterauslastung des offenen Vollzugs, Zunahme des Anteils an Untersuchungsgefangenen, ein Trend zu einer restriktiven Vollzugspraxis insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern, Zunahme des Anteils nichtdeutscher und Aussiedlerjugendlicher, einen Anstieg der wegen Gewaltdelikten (Tötungs-, Körperverletzungs-, Raub- und Sexualdelikte) einsitzenden Jugendstrafgefangenen und eine Verjüngung der Altersstruktur.[1]




Zu diesen Problemen zählt ebenso die Präsenz von rechtsextremen Gewalttätern in der Haft.[2] Analysen und Praxisberichten zufolge lassen sich im rechtsextremen Milieu unterschiedliche Personengruppen unterscheiden:[3] In den Haftanstalten sind überwiegend Insassen, die in hohem Maße aggressionsgewöhnt und wegen zahlreicher Gewaltdelikte gegen Jugendliche mit Migrationshintergrund sowie gegen Jugendliche aus "anderen" (u.a. linken) Zusammenhängen einsitzen. Eine feste Verankerung mit der rechtsextremen Ideologie ist bei ihnen nicht unbedingt vorhanden. Das ist anders bei sogenannten Gesinnungstätern. Obwohl auch diese Täter wegen Gewaltdelikten verurteilt sind, treten sie in der Haft durch eine gewisse Zurückhaltung und Disziplin hervor. Der Umgang mit Gruppen wie diesen ist eine große Herausforderung, nicht nur für die Bediensteten und Sozialarbeiter in der Haft, sondern für unsere Gesellschaft insgesamt.

In anderer Weise wird Gruppenbildung bei ausländischen Inhaftierten oder bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund beobachtet.[4] Bei ihnen definiert sich die Gruppenzugehörigkeit durch ethnische oder nationale Merkmale. In ihrer Orientierung auf Dominanz, Männlichkeit, Stärke, Risikobereitschaft und in ihrer Bindung an einen Ehrenkodex unterscheiden sich ausländische Gefangene allerdings nicht nennenswert von deutschen Insassen.

Fußnoten

1.
Vgl. Bernd-Rüdiger Sonnen, Jugendstrafvollzug in Deutschland. Rechtliche Rahmenbedingungen und kriminalpolitische Entwicklungen, in: Mechthild Bereswill/Theresia Höynck (Hrsg.), Jugendstrafvollzug in Deutschland. Grundlagen, Konzepte, Handlungsfelder. Beiträge aus Forschung und Praxis, Mönchengladbach 2004, S. 57 - 78.
2.
Hierzu gibt es bisher nur wenige verlässliche Studien: Vgl. Wolfgang Frindte/Jörg Neumann, Fremdenfeindliche Gewalttäter. Biographien und Tatverläufe, Wiesbaden 2002; Andreas Maneros/Bettine Steil/Anja Galvao, Der soziobiographische Hintergrund rechtsextremer Gewalttäter, in: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform (MschrKrim), 86 (2003) 5, S. 364 - 372; Figen Özsöz, Rechtsextreme Gefangene im Strafvollzug, in: MschrKrim, 90 (2007) 1, S. 30 - 47.
3.
Vgl. z.B. Christoph Flügge, Rechte Gewalttäter in Haft - und was dann?, in: ZfStrVo, (2002) 2, S. 82 - 86; Werner Nickolai/Joachim Walter, Rechtsorientierte gewalttätige Jugendliche in und außerhalb des Strafvollzugs. Wie reagiert die Sozialarbeit? in: ZfStrVo (1994) 2, S. 69 - 74.
4.
Vgl. Britta Bannenberg, Migration - Kriminalität - Prävention, Gutachten zum 8. Deutschen Präventionstag, in: Hans-Jürgen Kerner/Erich Marks (Hrsg.), Internetdokumentation Deutscher Präventionstag, Hannover 2003, www.praeventionstag. de/content/8_praev/gutachten.htm.