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31.8.2007 | Von:
Peter Rieker

Fremdenfeindlichkeit und Sozialisation in Kindheit und Jugend

Entwicklung und Ausprägung fremdenfeindlicher Orientierungs- und Handlungsmuster werden maßgeblich durch frühe Erfahrungen in sozialen Beziehungen bestimmt. Es ist daher notwendig, die in der Familie aber auch mit Gleichaltrigen gesammelten Erfahrungen zu analysieren.

Einleitung

Fremdenfeindliche Orientierungen sind in Deutschland und anderen europäischen Ländern weit verbreitet - dies zeigt eine ganze Reihe von Untersuchungen der vergangenen Jahre.[1] Die Ursachen für Fremdenfeindlichkeit werden in der sozialwissenschaftlichen Forschung aus unterschiedlicher Perspektive untersucht.






Gegenwärtig dominieren Erklärungsansätze, die sich auf gesamtgesellschaftliche und sozialstrukturelle Bedingungen beziehen: Sozioökonomische Benachteiligung, sozialer Wandel, Individualisierung. Bekannt ist vor allem der Ansatz der Bielefelder Forschungsgruppe um Wilhelm Heitmeyer, wonach feindselige Einstellungen gegenüber sozial schwachen Gruppen eine Folge der wachsenden sozialen Spaltung und Desintegration unserer Gesellschaft sind.[2] Die fehlende soziale Integration führt gemäß dieser Erklärung zu Orientierungsproblemen, die unter anderem durch Nationalstolz und Feindseligkeit gegenüber Fremden kompensiert werden. Zusammenhänge zwischen sozialem Wandel, sozialer Desintegration oder Verunsicherung und Fremdenfeindlichkeit konnten empirisch bisher allerdings nicht klar belegt werden.[3]

Hinzu kommt, dass diese Erklärungsansätze die erheblichen Einstellungsunterschiede, die es innerhalb unserer Gesellschaften gegenüber Fremden, Ausländern oder Menschen mit Migrationshintergrund gibt, nicht zufriedenstellend erhellen. Dafür ist es hilfreich, zwischen unterschiedlichen Ausprägungen von Fremdenfeindlichkeit zu differenzieren und nach den Bedingungen zu fragen, die zu diesen Unterschieden beitragen.

Möglichkeiten zum Verständnis unterschiedlicher Einstellungen gegenüber Fremden sowie den Bedingungen, unter denen diese sich entwickelt haben, bietet die Sozialisationsforschung. Sie konzentriert sich vor allem auf die Kindheit und das Jugendalter und kann beispielsweise die Ausprägung bestimmter Handlungs- und Orientierungsweisen mit den Bedingungen des Aufwachsens oder den Erfahrungen, die in sozialen Beziehungen gemacht wurden, in Zusammenhang bringen. Besonders relevant ist für Kinder zunächst die Sozialisation in der Familie, später gewinnen andere soziale Kontexte (Freunde, Kindergarten, Schule, Medien) zunehmend an Bedeutung.

Es gibt gute Gründe dafür, sich im Zusammenhang mit Fremdenfeindlichkeit mit Fragen der Sozialisation zu beschäftigen.

    - Die vorliegenden Ergebnisse liefern Hinweise darauf, dass z.B. fremdenfeindlich motivierte Straftäter schon früh auffällig geworden sind. Sie kamen nicht nur als Jugendliche wegen Gewaltdelikten schon in Kontakt mit der Polizei, sondern waren häufig bereits als Kinder wegen massiver Gewaltanwendung aufgefallen. Einige der späteren Täter wurden deswegen bereits aus Kindergärten und über die Hälfte von ihnen aus Schulen verwiesen.[4] Menschen mit fremdenfeindlichen Orientierungen beschreiben zum Teil Sozialisationsbedingungen, die sie selbst mit der Entwicklung ihrer Orientierungen und Handlungsweisen in Zusammenhang bringen.

    - Vergleicht man die Bedingungen, unter denen Menschen mit fremdenfeindlichen Affinitäten aufgewachsen sind, mit denen solcher Menschen, die gegenüber Fremden eher offen eingestellt sind, fallen Besonderheiten auf.
Im Folgenden geht es vor allem um verschiedene Aspekte der Sozialisation in der Familie, aber auch um die Erfahrungen, die in Beziehungen zu Gleichaltrigen gemacht werden. Zudem sollen die Zusammenhänge zwischen diesen Erfahrungen und der Entwicklung fremdenfeindlicher, rechtsextremer und ethnozentrischer Orientierungs- und Handlungsweisen betrachtet und die vorliegenden Erkenntnisse analysiert werden.

Fußnoten

1.
Zum GMF-Survey: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände. Folge 5, Frankfurt/M. 2007; zum DJI-Jugendsurvey: Corinna Kleinert, Fremdenfeindlichkeit, Einstellungen junger Deutscher zu Migranten, Wiesbaden 2004; zur ALLBUS: Susanne Rippl, Fremdenfeindlichkeit - ein Problem der Jugend?, in: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 25 (2005), S. 362 - 380; zum Eurobarometer: Meinhard Moschner, Fremdenfeindlichkeit als Schwerpunkt im Eurobarometer 53, Trendfragen seit 1988, in: ZA-Information, 47 (2000), S. 69 - 72. Für die Schweiz: Sandro Cattacin/Brigitta Gerber/Massimo Sardi/Robert Wegener, Monitoring misantropy and rightwing extremist attitudes in Switzerland, Geneva 2006.
2.
Vgl. Wilhem Heitmeyer, Was hält die Gesellschaft zusammen? Problematische Antworten auf soziale Desintegration, in: Ders. (Hrsg.) (Anm.1), S. 37 - 47.
3.
Vgl. Wulf Hopf, Rechtsextremismus von Jugendlichen: Kein Deprivationsproblem?, in: Zeitschrift für Sozialisationsforschung und Erziehungssoziologie (ZSE), 14 (1994), S. 194 - 211; Maren Oepke, Rechtsextremismus unter ost- und westdeutschen Jugendlichen, Einflüsse von gesellschaftlichem Wandel, Familie, Freunden und Schule, Opladen 2005.
4.
Vgl. Klaus Wahl, Entwicklungspfade und Sozialisationsprozesse, in: Ders. (Hrsg.), Skinheads, Neonazis, Mitläufer. Täterstudien und Prävention, Opladen 2003, S. 90 - 143.