APUZ Dossier Bild

30.7.2007 | Von:
Stefanie Reiter
Richard Wolf

Politische Bildung für Migrantinnen und Migranten

Adressaten und Teilnehmende

Ebenso wie über die allgemeine Bildungsbeteiligung von Migranten ist sehr wenig über die Teilnehmenden an politischen Bildungsaktivitäten aus den Kreisen der Migranten bekannt. In einer neueren Evaluation der politischen Jugendbildung in Deutschland wurde der ethnische Herkunftskontext der Teilnehmenden untersucht.[14] Der Anteil von Kursteilnehmern mit ausländischer Herkunft betrug 2002 rund 22 Prozent; davon entfielen je sieben Prozentpunkte auf die Staaten der EU und die Türkei und je vier Prozentpunkte auf die ehemalige Sowjetunion und auf andere Länder. Die Kategorie "andere Länder" enthält in der Reihenfolge der häufigsten Nennungen Nicht-EU-Staaten in Mittel- und Südeuropa und auf dem Balkan, ferner Länder in Afrika, im Nahen und Mittleren Osten sowie die (erst 2004 der EU beigetretenen) baltischen Staaten.[15] Abgesehen von diesen Hinweisen auf den Herkunftskontext sind der Studie keine Angaben zur Gruppe der Teilnehmer an Jugendbildung mit Migrationshintergrund zu entnehmen.

Eine andere Regionalstudie wurde von Angela Pawlik zur Partizipation von Migranten am allgemein bildenden Programm der City-Volkshochschule Mitte in Berlin durchgeführt.[16] In diesen Programmbereich fallen auch Angebote der politischen Bildung. Die Autorin versuchte, ein Profil der Gruppe der ausländischen Kursteilnehmer zu erstellen und dieses einem Profil der deutschen Teilnehmer gegenüberzustellen.[17] Es nahmen insgesamt 175 Teilnehmer an der Befragung teil, das entspricht einer Ausschöpfungsquote von 51 Prozent; 34 Personen (19,4 Prozent) wiesen einen Migrationshintergrund auf. Dieser Anteil lag deutlich unter dem im Bezirk Mitte gemeldeten Gesamtanteil von 27 Prozent mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Innerhalb der sehr heterogenen Gruppe waren EU-Bürger über- und Teilnehmende aus der Türkei unterrepräsentiert. Die Kursteilnehmer waren zu 53 Prozent weiblich; die 30 - 39-Jährigen bildeten mit 35 Prozent die stärkste Altersgruppe. Die Mehrheit der Migranten, 62 Prozent, konnte einen formalen Schul- oder Studienbildungshintergrund mit einer Dauer von mehr als 14 Jahren aufweisen. Nach Schülern und Studenten stellten Arbeitslose die drittgrößte Gruppe der Teilnehmer dar. Interessant ist, dass das Profil der Teilnehmer von Angeboten nicht mit der Zusammensetzung der im Einzugsgebiet der VHS lebenden Ausländer übereinstimmt. Bei der Planung von Kursangeboten reicht die bloße Orientierung an den Merkmalen der Verteilung der ansässigen Migranten offensichtlich nicht aus, da sich diese Angaben nicht mit den potenziell mobilisierbaren Gruppen decken.

Eine weitere wichtige Quelle für Informationen zu Adressaten der politischen Bildung stellen evaluierte Modellprojekte dar. Allen Teilnehmern an Kursen in Form von Modellprojekten, zu denen im Rahmen der Expertisenerstellung Evaluationsergebnisse vorlagen, ist gemeinsam, dass es sich bei ihnen hauptsächlich um besonders motivierte Personen mit einer in der Regel hohen formalen (Aus-)Bildung handelte. Da die Kurse in deutscher Sprache abgehalten wurden, mussten die Teilnehmenden über ausreichende Deutschkenntnissen verfügen. Oft motivierte gerade der Wunsch nach einer Verbesserung dieser Kenntnisse zum Kursbesuch. Andere eher niedrigschwellige Angebote scheinen auch von politisch weniger stark interessierten Personen angenommen oder zumindest passiv genutzt zu werden. Während kreative Zugänge (z.B. in der Form der Konzipierung von und Mitwirkung an der Aufbereitung von Migrationsgeschichte im Rahmen von Ausstellungen) von einem eher engen Segment gewählt werden, werden die Resultate solcher Maßnahmen von einem recht breiten Publikum wahrgenommen. Im Gegensatz zu diesen Angeboten, die auch politik- bzw. bildungsferne Gruppen erreichen können, ist zu den Teilnehmern aus so genannten Empowermentansätzen anzumerken, dass diese in der Regel bereits im Vorfeld hohes politisches Interesse aufweisen und teilweise schon als Mitglieder von Migrantenselbstorganisationen politisch aktiv sind. Das überwiegende Motiv für die Teilnahme ist die Optimierung der eigenen Partizipationsmöglichkeiten. Für diese Adressatengruppe ist anzunehmen, dass tendenziell nur geringe Weiterbildungsbarrieren bestehen.

Das Berichtssystem Weiterbildung (BSW) liefert im Bereich der subjektiven Wahrnehmung der Weiterbildungslandschaft und der motivationalen Aspekte wichtige Hinweise: Danach wünschen sich 48 Prozent der Ausländer mehr Information und Beratung über Weiterbildungsmöglichkeiten.[18] Hinsichtlich der Interessen und Weiterbildungseinstellungen lässt sich der Studie entnehmen, dass Unterschiede zwischen Deutschen und Ausländern in Hinblick auf das Image von Weiterbildung im Allgemeinen vorliegen. So meinen mehr Deutsche als Ausländer, dass jeder ständig bereit sein sollte, sich weiterzubilden (96 bzw. 91 Prozent). Deutsche stimmen der Aussage "Wer im Beruf erfolgreich sein will, muss sich weiterbilden" öfter zu als Ausländer (94 bzw. 89 Prozent). Eine große Weiterbildungsbarriere scheinen für Ausländer die mit dem Kursbesuch verbundenen Kosten darzustellen. So geben 55 Prozent der Ausländer an, dass ihnen Weiterbildung schlicht zu teuer sei; das äußerten nur 35 Prozent der befragten Deutschen.[19]

Bernd Schmidt und Rudolf Tippelt greifen die Daten des BSW auf und beschreiben in einer eigenen Studie objektive und subjektive Gründe für die Differenzen in der Weiterbildungsbereitschaft von Deutschen und Personen mit Migrationshintergrund.[20] Im Rahmen einer telefonischen Umfrage mit 3008 Probanden, unter denen sich jedoch lediglich 88 Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft befanden, thematisierten sie Weiterbildungsverhalten, Weiterbildungsinteressen und subjektiv wahrgenommene Weiterbildungsbarrieren. So äußerten 63 Prozent der nicht-teilnehmenden Ausländer (n = 43), dass sie mehr Beratung bräuchten, um zu wissen, welche Weiterbildung für sie in Frage käme. In der deutschen Vergleichsgruppe (n = 1 239) waren es dagegen nur 17 Prozent.

Neben einer befürchteten Überforderung scheinen die Barrieren bei Ausländern auch in der Motivation sowie der fehlenden Unterstützung durch den Partner zu liegen. So zählt zu den Zugangsbarrieren der Weiterbildung - mit Blick auf oftmals unzureichende Deutschkenntnisse - der Mangel an zweisprachigen Angeboten.[21] Zudem fühlen sich Personen mit Migrationshintergrund den Lernanforderungen nicht gewachsen oder müssen erst wieder ans Lernen herangeführt werden. Ein weiterer Grund besteht darin, dass sich Migranten unzureichend über Bildungsangebote informiert fühlen.

Aus den hier erwähnten Studien geht hervor, dass zu den am ehesten beeinflussbaren Variablen im Bereich der Motive zur Nichtteilnahme an Weiterbildungsangeboten vor allem die Erhöhung der Transparenz von Weiterbildungsangeboten durch eine umfangreiche Bildungsberatung und eine zielgruppengerechte Ansprache sowie die Schaffung zielgruppenadäquater Angebote zählen.

Fußnoten

14.
Vgl. Achim Schröder/Nadine Balzter/Thomas Schroedter, Politische Jugendbildung auf dem Prüfstand. Ergebnisse einer bundesweiten Evaluation, Weinheim-München 2004.
15.
Vgl. ebd., S. 110ff.
16.
Vgl. Angela Pawlik, Partizipation von Migrant(inn)en. Zur Teilnahme am allgemeinbildenden Programm der City-VHS Mitte, in: DIE, IV (2003).
17.
Leider ist das Sample so klein, dass die lokal begrenzten Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren sind und nicht verallgemeinert werden können.
18.
Vgl. Helmut Kuwan, Berichtssystem Weiterbildung IX. Ergebnisse der Repräsentativbefragung zur Weiterbildungssituation in Deutschland. Bundesministerium für Bildung und Forschung, Bonn-Berlin, 2005; www.bmbf.de/pub/ berichtssystem_weiterbil dung_9. pdf, S. 248 (4.6. 2007).
19.
Vgl. ebd., S. 264f.
20.
Vgl. Bernd Schmidt/Rudolf Tippelt, Bildungsberatung für Migrantinnen und Migranten, in: Report. Literatur- und Forschungsreport Weiterbildung, (2006) 2.
21.
Vgl. G. Brüning (Anm. 5).