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30.7.2007 | Von:
Stefanie Reiter
Richard Wolf

Politische Bildung für Migrantinnen und Migranten

Migranten können mit herkömmlichen Weiterbildungsangeboten bislang kaum adäquat erreicht werden. Für die Gestaltung zielgruppengerechter Angebote ist eine systematische Evaluation notwendig.

Einleitung

In einer Demokratie ist es wichtig, dass allen gesellschaftlichen Gruppen die Möglichkeit geboten wird, ihre Sichtweisen in den politischen Diskurs einzubringen und dafür zu sorgen, dass ihre Interessen Berücksichtigung finden. Problematisch wird es, wenn breite Bevölkerungsschichten vom politischen Willensbildungsprozess ausgeschlossen bleiben. Dieser Ausschluss kann dadurch erfolgen, dass Gruppen der formale Zugang zur politischen Ebeneverwehrt ist, da sie bestimmte rechtliche Voraussetzungen, etwa die Staatsangehörigkeit, nicht erfüllen. Ein weiterer Grund für geringe Partizipationsmöglichkeiten kann aber auch darin liegen, dass manche Gruppen nicht über ausreichendes Wissen und einschlägige Erfahrungen verfügen, um sich adäquat in den politischen Diskurs einbringen zu können.








Hinsichtlich der in Deutschland lebenden Migrantinnen und Migranten treffen in der Regel beide Gründe zu, auch wenn die Änderung des Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 2000 zumindest den formalen Zugang erleichtert hat. Doch das Problem eines fehlenden breiten Wissens über das politische System und die politischen Partizipationsmöglichkeiten bleibt. Hinzu kommt, dass das Zusammenspiel von schwierigem formalem Zugang und mangelhaftem Wissen zu Frustration, schwindendem Interesse an und schwindender Identifikation mit den politischen Institutionen der Aufnahmegesellschaft führen kann.[1] Die Förderung politischer Partizipation kann somit auch als Integrationsförderung verstanden werden.

Nach der Änderung ihres Erlasses hat sich die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) im Januar 2001 für Migrantinnen und Migranten als Adressaten für Maßnahmen der politischen Bildung geöffnet.[2] Die Themen Migration und Integration wurden als Querschnittsthemen nachhaltig verankert.[3] Bevölkerungsteile mit Migrationshintergrund, die bislang verhältnismäßig wenig angesprochen oder erreicht worden sind, werden nicht nur als Zielgruppe, sondern auch als Träger der politischen Bildung verstärkt in den Blick genommen.[4] Um unterschiedliche Zielgruppen erreichen zu können, bedarf es auf deren jeweilige Bedürfnisse zugeschnittener Programme und Konzepte, die sie ansprechen und für die sie sich engagieren. So zeigt sich häufig, dass an klassischen Weiterbildungsangeboten vor allem jene teilnehmen, die bereits gut gebildet sind. Dagegen werden relevante Zielgruppen mit herkömmlichen Angeboten häufig nicht mehr adäquat erreicht.[5]

Für die Gestaltung zielgruppenadäquater Formate und für die Angebotsplanung im Bereich der politischen Bildung für Migranten wäre eine empirisch abgesicherte Datenbasis hilfreich, die Aufschluss über die Angebotslage sowie über Bedürfnisse und Interessen der potenziellen Teilnehmenden liefern könnte. Doch leider ist in Deutschland die Datenlage zur politischen Bildung von Migranten - ebenso wie zum allgemeinen Weiterbildungsverhalten und zu ihren Weiterbildungsinteressen - nach wie vor unzureichend. Während die berufliche Aus- und Weiterbildung von Personen mit Migrationshintergrund auch statistisch erfasst wird, scheint dieser Zielgruppe in Hinblick auf politische Bildung nur wenig Aufmerksamkeit zuzukommen. Die spärlichen Daten lassen sich zudem in der Regel nicht miteinander in Bezug setzen und sind nur mit Vorsicht zu interpretieren. Das hängt zum einen mit der mangelnden Repräsentativität der meisten Untersuchungen zusammen. Zum anderen liegen die Schwierigkeiten hinsichtlich der Vergleichbarkeit der Daten auch in Definitionsproblemen und wenig eindeutigen Zuordnungskriterien hinsichtlich der Begriffe "Migrationshintergrund" und "politischer Bildung" begründet.[6]

Zu den wenigen verfügbaren Datenquellen zur Weiterbildungsbeteiligung von Migranten zählen das Berichtssystem Weiterbildung (BSW) als Langzeituntersuchung zur Weiterbildungsbeteiligung der deutschen Wohnbevölkerung im Alter von 19 bis 64 Jahren sowie Einzelangaben aus Volkshochschulstatistiken. Andere bundesweite Datenquellen liefern kaum Auskunft zu Nationalität bzw. Migrationshintergrund und Weiterbildungsverhalten, wenngleich das 2000 gestartete Projekt "Verbund Weiterbildungsstatistik" des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) einen Versuch darstellt, auf den Erfahrungen mit der Volkshochschulstatistik aufzubauen und das Angebot an Maßnahmen zur politischen Bildung durch die Entwicklung eines regelmäßigen und zuverlässigen Erhebungs- und Auswertungsverfahrens systematisch statistisch zu erfassen. Neben Entscheidungsproblemen über die Zuordnung von Veranstaltungen zu einzelnen Kategorien politischer Bildung gibt es derzeit jedoch Vorbehalte bezüglich der Repräsentativität dieser Daten.[7] Doch es existieren keine anderen Daten, welche die Trägerstrukturen im Bereich Weiterbildung erfassen. Die Weiterbildungsstatistik im Verbund wird kontinuierlich ausgebaut, um langfristig alle Einrichtungen der beteiligten Weiterbildungsträger zu umfassen.[8] Das Vorhaben stellt einen wichtigen Schritt zur Erstellung einer fundierten Datenlage im Bereich der politischen Bildung dar.

Neben bundesweiten Erhebungsdaten existieren regionale Daten wie beispielsweise die Wohnungs- und Haushaltserhebung "Leben und Wohnen in Nürnberg 2001", welche ebenfalls Hinweise auf die Weiterbildungsbeteiligung von Migranten liefern können.[9] Aus den angeführten bundesweiten und regional begrenzten Studien geht eine im Vergleich zu deutschen Bürgern tendenziell geringere Beteiligung von Personen mit Migrationshintergrund an allgemeinen Weiterbildungsveranstaltungen und Angeboten zur politischen Bildung hervor.

Konzepte und Programme

Im insgesamt relativ kleinen, sehr heterogenen Feld der Anbieter von Maßnahmen zur politischen Bildung von Migranten können Typen identifiziert werden, die aufgrund ihrer langjährigen Arbeit im Bereich der politischen Bildung oder der Beratung und Betreuung von Migranten über Erfahrungen verfügen. Neben den von Trägern organisierten Angeboten gibt es Selbstlernkonzepte im Bereich der politischen Bildung von Migranten. Konzepte und Programme zur politischen Bildung von Migranten lassen sich in zwei grundlegende Typen unterteilen: in primär auf Wissensvermittlung abzielende Kurse und Seminare sowie in vorwiegend auf eine Stärkung der Migrantenselbstorganisation anvisierende Maßnahmen.

Zur erstgenannten Gruppe zählen Projekte zu Orientierungskursen, die in der Ausgestaltung meist hinsichtlich der didaktischen Vorgehensweise und der Hauptzielgruppe variieren. Die Zielgruppenansprache unterscheidet sich vor allem nach der Aufenthaltsdauer der Teilnehmenden in Deutschland, welche in der Regel im Sprachniveau sowie auch im Abstraktheitsgrad der Inhalte berücksichtigt wird. Teilweise sind solche Kursangebote auch auf die Bedürfnisse spezifischer Zielgruppen zugeschnitten.[10] Enge Zielgruppendefinitionen stellen jedoch insgesamt eher eine Ausnahme dar. Oft wird mit bildungspolitischen Maßnahmen zur Wissensvermittlung ganz allgemein die Zielgruppe aller interessierten Personen mit Migrationshintergrund angesprochen. In Einzelfällen bleibt eine explizite Zielgruppenansprache sogar ganz aus. Weitgefasste Zielgruppen scheinen gerade bei Angeboten zur politischen Wissensvermittlung, die sich an ein häufig vorgebildetes Publikum richten, unabdingbar zu sein, um eine genügend große Anzahl an Teilnehmenden mobilisieren zu können. Teilweise regen solche Angebote auch zur Anwendung und Umsetzung gelernter Inhalte an.

Neben diesen rein bildungspolitischen Maßnahmen gibt es zahlreiche Angebote in Kombination mit Sprachvermittlung oder auch mit sehr niedrigschwelligen Aktivitäten, die sich nicht als Maßnahmen zur politischen Bildung deklarieren, in denen jedoch Elemente politischer Bildung einfließen. In einigen Fällen werden solche Angebote, die primär aus anderen Gründen (wie beispielsweise Freizeitgestaltung oder Spracherwerb) besucht werden, strategisch genutzt, um "bildungsferne" Zielgruppen an Informationen zur politischen Bildung heranzuführen.[11] Niedrigschwellige Angebote, die auch institutionenferne oder bildungsungewohnte Personen ansprechen, finden sich im Schnittfeld von politischer Bildung zu historischem Lernen, Kunst und Kultur.

Zu den Konzepten, welche vorwiegend auf Empowerment ("Selbstbemächtigung" bzw. "Selbstkompetenz") und eine Stärkung des Selbsthilfepotenzials von Migranten ausgerichtet sind, zählen Aktivitäten der Landesgemeinschaft der kommunalen Migrantenvertretungen in Nordrhein-Westfalen (LAGA NRW) und des Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit (IDA).[12] Diese Angebote richten sich an politisch Interessierte und zum Teil auch an bereits politisch Aktive. Besonders erfolgversprechend scheinen Maßnahmen zu sein, die Wissensvermittlung mit Anwendungsbezug und stark aktivierenden Elementen verknüpfen. Als positives Beispiel einer Verzahnung von Wissensvermittlung mit politischer Partizipation fällt vor allem das Konzept des Internationalen Begegnungszentrums Friedenshaus (IBZ) in Bielefeld auf.[13] Aber auch das Modellprojekt Ost-West-Integration (OWI) zeigt beispielsweise in Hamburg eine erfolgreiche Kombination von Angeboten, die unterschiedliche Zielgruppen an politische Bildung heranführen konnten und nun zum Teil von Migrantenorganisationen in Eigenregie durchgeführt werden.

Betrachtet man die Inhalte der angebotenen Maßnahmen, so wird deutlich, dass diese sich hauptsächlich um Wissen über gesellschaftliche Strukturen und Prozesse sowie um Kenntnisse zur Verbesserung der Partizipationsmöglichkeiten gruppieren. Ferner enthalten die Module Informationen zur unmittelbaren Lebensbewältigung (z.B. Informationen zum Umgang mit Behörden). Gelegentlich werden auch Aspekte der interkulturellen Verständigung thematisiert. Innerhalb der bei fast jedem Träger angebotenen Wissensinhalte sind die Teilelemente nahezu identisch: Geschichte, Migration, Staatsaufbau, Rechte und Pflichten des Staatsbürgers, sozialpolitische Themen und aktuelle Politik. Ferner werden die Bereiche Geographie, Kunst, Kultur und Politik auf lokaler und europäischer Ebene thematisiert.

Adressaten und Teilnehmende

Ebenso wie über die allgemeine Bildungsbeteiligung von Migranten ist sehr wenig über die Teilnehmenden an politischen Bildungsaktivitäten aus den Kreisen der Migranten bekannt. In einer neueren Evaluation der politischen Jugendbildung in Deutschland wurde der ethnische Herkunftskontext der Teilnehmenden untersucht.[14] Der Anteil von Kursteilnehmern mit ausländischer Herkunft betrug 2002 rund 22 Prozent; davon entfielen je sieben Prozentpunkte auf die Staaten der EU und die Türkei und je vier Prozentpunkte auf die ehemalige Sowjetunion und auf andere Länder. Die Kategorie "andere Länder" enthält in der Reihenfolge der häufigsten Nennungen Nicht-EU-Staaten in Mittel- und Südeuropa und auf dem Balkan, ferner Länder in Afrika, im Nahen und Mittleren Osten sowie die (erst 2004 der EU beigetretenen) baltischen Staaten.[15] Abgesehen von diesen Hinweisen auf den Herkunftskontext sind der Studie keine Angaben zur Gruppe der Teilnehmer an Jugendbildung mit Migrationshintergrund zu entnehmen.

Eine andere Regionalstudie wurde von Angela Pawlik zur Partizipation von Migranten am allgemein bildenden Programm der City-Volkshochschule Mitte in Berlin durchgeführt.[16] In diesen Programmbereich fallen auch Angebote der politischen Bildung. Die Autorin versuchte, ein Profil der Gruppe der ausländischen Kursteilnehmer zu erstellen und dieses einem Profil der deutschen Teilnehmer gegenüberzustellen.[17] Es nahmen insgesamt 175 Teilnehmer an der Befragung teil, das entspricht einer Ausschöpfungsquote von 51 Prozent; 34 Personen (19,4 Prozent) wiesen einen Migrationshintergrund auf. Dieser Anteil lag deutlich unter dem im Bezirk Mitte gemeldeten Gesamtanteil von 27 Prozent mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Innerhalb der sehr heterogenen Gruppe waren EU-Bürger über- und Teilnehmende aus der Türkei unterrepräsentiert. Die Kursteilnehmer waren zu 53 Prozent weiblich; die 30 - 39-Jährigen bildeten mit 35 Prozent die stärkste Altersgruppe. Die Mehrheit der Migranten, 62 Prozent, konnte einen formalen Schul- oder Studienbildungshintergrund mit einer Dauer von mehr als 14 Jahren aufweisen. Nach Schülern und Studenten stellten Arbeitslose die drittgrößte Gruppe der Teilnehmer dar. Interessant ist, dass das Profil der Teilnehmer von Angeboten nicht mit der Zusammensetzung der im Einzugsgebiet der VHS lebenden Ausländer übereinstimmt. Bei der Planung von Kursangeboten reicht die bloße Orientierung an den Merkmalen der Verteilung der ansässigen Migranten offensichtlich nicht aus, da sich diese Angaben nicht mit den potenziell mobilisierbaren Gruppen decken.

Eine weitere wichtige Quelle für Informationen zu Adressaten der politischen Bildung stellen evaluierte Modellprojekte dar. Allen Teilnehmern an Kursen in Form von Modellprojekten, zu denen im Rahmen der Expertisenerstellung Evaluationsergebnisse vorlagen, ist gemeinsam, dass es sich bei ihnen hauptsächlich um besonders motivierte Personen mit einer in der Regel hohen formalen (Aus-)Bildung handelte. Da die Kurse in deutscher Sprache abgehalten wurden, mussten die Teilnehmenden über ausreichende Deutschkenntnissen verfügen. Oft motivierte gerade der Wunsch nach einer Verbesserung dieser Kenntnisse zum Kursbesuch. Andere eher niedrigschwellige Angebote scheinen auch von politisch weniger stark interessierten Personen angenommen oder zumindest passiv genutzt zu werden. Während kreative Zugänge (z.B. in der Form der Konzipierung von und Mitwirkung an der Aufbereitung von Migrationsgeschichte im Rahmen von Ausstellungen) von einem eher engen Segment gewählt werden, werden die Resultate solcher Maßnahmen von einem recht breiten Publikum wahrgenommen. Im Gegensatz zu diesen Angeboten, die auch politik- bzw. bildungsferne Gruppen erreichen können, ist zu den Teilnehmern aus so genannten Empowermentansätzen anzumerken, dass diese in der Regel bereits im Vorfeld hohes politisches Interesse aufweisen und teilweise schon als Mitglieder von Migrantenselbstorganisationen politisch aktiv sind. Das überwiegende Motiv für die Teilnahme ist die Optimierung der eigenen Partizipationsmöglichkeiten. Für diese Adressatengruppe ist anzunehmen, dass tendenziell nur geringe Weiterbildungsbarrieren bestehen.

Das Berichtssystem Weiterbildung (BSW) liefert im Bereich der subjektiven Wahrnehmung der Weiterbildungslandschaft und der motivationalen Aspekte wichtige Hinweise: Danach wünschen sich 48 Prozent der Ausländer mehr Information und Beratung über Weiterbildungsmöglichkeiten.[18] Hinsichtlich der Interessen und Weiterbildungseinstellungen lässt sich der Studie entnehmen, dass Unterschiede zwischen Deutschen und Ausländern in Hinblick auf das Image von Weiterbildung im Allgemeinen vorliegen. So meinen mehr Deutsche als Ausländer, dass jeder ständig bereit sein sollte, sich weiterzubilden (96 bzw. 91 Prozent). Deutsche stimmen der Aussage "Wer im Beruf erfolgreich sein will, muss sich weiterbilden" öfter zu als Ausländer (94 bzw. 89 Prozent). Eine große Weiterbildungsbarriere scheinen für Ausländer die mit dem Kursbesuch verbundenen Kosten darzustellen. So geben 55 Prozent der Ausländer an, dass ihnen Weiterbildung schlicht zu teuer sei; das äußerten nur 35 Prozent der befragten Deutschen.[19]

Bernd Schmidt und Rudolf Tippelt greifen die Daten des BSW auf und beschreiben in einer eigenen Studie objektive und subjektive Gründe für die Differenzen in der Weiterbildungsbereitschaft von Deutschen und Personen mit Migrationshintergrund.[20] Im Rahmen einer telefonischen Umfrage mit 3008 Probanden, unter denen sich jedoch lediglich 88 Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft befanden, thematisierten sie Weiterbildungsverhalten, Weiterbildungsinteressen und subjektiv wahrgenommene Weiterbildungsbarrieren. So äußerten 63 Prozent der nicht-teilnehmenden Ausländer (n = 43), dass sie mehr Beratung bräuchten, um zu wissen, welche Weiterbildung für sie in Frage käme. In der deutschen Vergleichsgruppe (n = 1 239) waren es dagegen nur 17 Prozent.

Neben einer befürchteten Überforderung scheinen die Barrieren bei Ausländern auch in der Motivation sowie der fehlenden Unterstützung durch den Partner zu liegen. So zählt zu den Zugangsbarrieren der Weiterbildung - mit Blick auf oftmals unzureichende Deutschkenntnisse - der Mangel an zweisprachigen Angeboten.[21] Zudem fühlen sich Personen mit Migrationshintergrund den Lernanforderungen nicht gewachsen oder müssen erst wieder ans Lernen herangeführt werden. Ein weiterer Grund besteht darin, dass sich Migranten unzureichend über Bildungsangebote informiert fühlen.

Aus den hier erwähnten Studien geht hervor, dass zu den am ehesten beeinflussbaren Variablen im Bereich der Motive zur Nichtteilnahme an Weiterbildungsangeboten vor allem die Erhöhung der Transparenz von Weiterbildungsangeboten durch eine umfangreiche Bildungsberatung und eine zielgruppengerechte Ansprache sowie die Schaffung zielgruppenadäquater Angebote zählen.

Ergebnisse

Die Frage nach den Adressaten für Maßnahmen zur politischen Bildung für Migranten kann nicht pauschal beantwortet werden. Die Zielgruppe "Migranten" gibt es nicht. Dafür sind die potenziellen Zielgruppen viel zu heterogen. Im Hinblick auf bestehende Konzepte und Projekte zur politischen Bildung für Migranten lassen sich folgende Ergebnisse festhalten.

Im sehr heterogenen Feld von Trägern und Angeboten der politischen Bildung für Migranten lassen sich zwei grundlegende Typen von Maßnahmen identifizieren: primär auf Wissensvermittlung abzielende Kurse und Seminare sowie vorwiegend eine Stärkung der Migrantenselbstorganisation anvisierende Maßnahmen. Besonders erfolgversprechend scheinen Maßnahmen, die Wissensvermittlung mit Anwendungsbezug und stark aktivierenden Elementen verknüpfen.

Nach wie vor ist sehr wenig über die Teilnehmenden an politischen Bildungsaktivitäten aus den Kreisen der Migranten bekannt. Insgesamt lassen sich gebildete Personen mit ausreichenden Deutschkenntnissen, die bereits weitgehend in andere gesellschaftliche Bereiche integriert sind, am ehesten für politische Bildung gewinnen. Hier können auch theoretische Themen Anklang finden. Bei bereits vorliegenden politischen Interessen und der Bereitschaft zur Partizipation liefern vor allem individuell abgestimmte Empowermentansätze Wissen und Anregungen zur praktischen Umsetzung.

Bei Migranten ohne ausreichende Deutschkenntnisse und einer oft erst kurzen Verweildauer im Land können stark am Lebenskontext orientierte und auch Alltagswissen vermittelnde Angebote nachgefragt werden. Hier kann es sinnvoll sein, Angebote für spezifische Gruppen zu konzipieren und in der Herkunftssprache der Teilnehmer abzuhalten bzw. als zweisprachiges Modul - zum Beispiel auch im Rahmen von sprachvermittelnden Kursen - anzubieten. Die Kombination von politischen Inhalten mit Sprachförderung, sozialem Austausch oder Freizeitaktivitäten ist ebenfalls ein wirksamer Weg, um politisch wenig interessierte Teilnehmer an politische Bildung heranzuführen.

Es ist wichtig, eine exakte Bedarfsanalyse im lokalen Umfeld durchzuführen, um Interessentengruppen aufzuspüren. Dabei reicht es nicht aus, die soziodemographische Verteilung im Einzugsgebiet der Angebote zu betrachten. Es müssen vielmehr Informationen über Interessen, Bedürfnisse und auch Weiterbildungsschranken erfasst werden. Bei diesem Vorgehen ist die Zusammenarbeit mit lokalen Einrichtungen, die von Migranten aufgesucht werden, sowie mit Migrantenselbstorganisationen unerlässlich. Der Erfolg von Angeboten hängt jedoch nicht nur davon ab, ob passende Angebote vorhanden sind, sondern auch davon, ob diese Angebote vorteilhaft kommuniziert werden und Weiterbildungsbarrieren abgebaut werden können. Als erfolgreich hat sich der Einsatz von "Brückenmenschen" erwiesen, da diese über persönliche Ansprache einen Zugang zu potenziellen Teilnehmern generieren können. Auch spielen geschulte Mitarbeiter von Beratungsstellen oder Kulturzentren, die im besten Fall ohnehin von Migranten aufgesucht werden, eine wichtige Rolle in der Bildungsberatung. Die Bereitstellung von Kinderbetreuungsangeboten kann zum Abbau von Motiven der Nicht-Teilnahme an bildungspolitischen Veranstaltungen beitragen, da gerade für Frauen das Vorhandensein solcher Angebote oft für die Entscheidung zur Teilnahme an einer Maßnahme relevant ist.

Auch die mit dem Kursangebot verbundenen Kosten können ein ernsthaftes Hindernis für die Teilnahme darstellen. Hier ist es wichtig, Fördermöglichkeiten zu finden, um Maßnahmen kostengünstig und möglichst kontinuierlich anbieten zu können. Denn nur eine Kontinuität von Trägern und Angeboten ermöglicht die Schaffung von Netzwerken und Kooperationen mit Migrantenselbstorganisationen. Im Rahmen von kontinuierlichen Strukturen können Erfahrungen mit der Ausgestaltung von Angeboten gesammelt und sinnvolle Zugangsstrategien entwickelt und erprobt werden. Eine systematische Erfassung von Angaben zu Kursteilnehmern und die Evaluation des Erfolgs von Maßnahmen sind weitere notwendige Schritte zur Gestaltung zielgruppengerechter Angebote.
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Fußnoten

1.
Vgl. Claudia Diehl/Julia Urbahn, Die soziale und politische Partizipation von Zuwanderern in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, FES Library, 1999.
2.
Vgl. Heidi Behrens/Jan Motte, "... dass aus Immigranten Bürgerinnen und Bürger werden.", in: dies. (Hrsg.), Politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft. Zugänge - Konzepte - Erfahrungen, Schwalbach/Ts. 2006, S. 19.
3.
Dieser Beitrag beruht auf der von der bpb in Auftrag gegebenen Expertise, die von den Autoren im November 2006 erstellt wurde: Maßnahmen zur politischen Bildung für Migrantinnen und Migranten; www.bpb.de/files/2AELAY.pdf (4.6. 2007).
4.
Vgl. Bernd Hübinger, Politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft: Neue Aufgabenfelder und Perspektiven, Tagung am 9.5. 2003 in Düsseldorf; www.bpb.de/files/L0PRT9.pdf (1.6. 2007).
5.
Vgl. Gerhild Brüning, Benachteiligte in der Weiterbildung, in: dies./Helmut Kuwan (Hrsg.), Benachteiligte und Bildungsferne - Empfehlungen für die Weiterbildung, hrsg. vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung, Bielefeld 2002, S. 7. Vgl. auch H. Behrens/J. Motte (Anm. 2), S. 18.
6.
Zur Diskussion der beiden Begriffe vgl. unsere Expertise (Anm. 3).
7.
Die Repräsentativität ist begrenzt, zudem decken die Daten des Verbunds Weiterbildungsstatistik nur etwa 12,9 % aller deutschen Weiterbildungseinrichtungen ab. Betrachtet man den Bereich der allgemeinen Weiterbildung, so umfasst die Statistik nach Angaben der Autorin gut ein Drittel der Teilnahmefälle. Vgl. Elisabeth Reichart, Verbund Weiterbildungsstatistik liefert regelmäßig Institutionendaten zur allgemeinen Weiterbildung, in: DIE-Fakten. Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, Bonn 2006; www.die-bonn.de/esprid/ dokumente/doc-2006/ reichart06_02.pdf (4.6. 2007).
8.
Vgl. ebd., S. 4.
9.
So haben nach dieser statistischen Erhebung von den 458 Ausländern, die sich zum Besuch von Bildungsveranstaltungen äußerten, 19,5 % in den vergangenen zwei Jahren einen Kurs besucht. Im Vergleich dazu hatten 30,5 % der 3 666 befragten Deutschen an einem Kurs teilgenommen. Unter den Kursteilnehmern hatte weniger als 1 % der ausländischen Teilnehmer einen Kurs auf dem Gebiet "Politik und Gesellschaft" besucht, in der deutschen Vergleichsgruppe waren es 3 %. Vgl. Amt für Statistik und Stadtforschung Nürnberg, Ergebnisse der Wohnungs- und Haushaltserhebung "Leben und Wohnen in Nürnberg 2001", Nürnberg 2002.
10.
Die Otto Benecke Stiftung e. V. (OBS) (www.obs-ev.de) ist eine gemeinnützige Organisation, die im Auftrag der Bundesregierung tätig ist. Im Bereich der politischen Wissensvermittlung für Migranten bietet die OBS regelmäßig das Seminar "Leben in Deutschland - interkulturelles Kompetenztraining" in verschiedenen deutschen Städten für neu zugezogene Studenten und Akademiker mit Migrationshintergrund an.
11.
Seit über zehn Jahren wird an ausgewählten Volkshochschulen das vom Bundesministerium des Innern über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geförderte Projekt Ost-West-Integration (OWI) in einem rotierenden Verfahren durchgeführt (vgl. www.owi-projekt.de). Es soll einen Beitrag zur Weiterentwicklung politischer Bildung für und mit Migranten leisten. Inhaltlich behandeln die Aktivitäten für Zuwanderer alltägliches Orientierungswissen wie praxisbezogene Informationen über Behörden, Geldangelegenheiten, Schule, Beruf, Arbeitswelt und gesundheitliche Präventionsmaßnahmen. Im Rahmen von regionalen OWI-Projekten beispielsweise in Hamburg wurden verschiedene Veranstaltungsformen erprobt.
12.
Die 1996 gegründete LAGA NRW ist das demokratisch legitimierte Vertretungsorgan der kommunalen Migrantenvertretungen in diesem Bundesland; www.laga-nrw.de (4.6. 2007). Ebenso wie LAGA NRW zielt auch IDA e.V. auf eine Stärkung des Migrantenselbsthilfepotenzials ab; vgl. www.idaev.de (4.6. 2007).
13.
Das IBZ versteht sich als politisches und soziokulturelles Zentrum im Bereich der Migrationsarbeit, das einerseits eigene politische Forderungen nach außen hin vertritt und andererseits soziale Unterstützungsangebote zur Kompensation von migrationsbedingten Ungleichgewichten offeriert; vgl.www.ibz-bielefeld.de (4.6. 2007).
14.
Vgl. Achim Schröder/Nadine Balzter/Thomas Schroedter, Politische Jugendbildung auf dem Prüfstand. Ergebnisse einer bundesweiten Evaluation, Weinheim-München 2004.
15.
Vgl. ebd., S. 110ff.
16.
Vgl. Angela Pawlik, Partizipation von Migrant(inn)en. Zur Teilnahme am allgemeinbildenden Programm der City-VHS Mitte, in: DIE, IV (2003).
17.
Leider ist das Sample so klein, dass die lokal begrenzten Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren sind und nicht verallgemeinert werden können.
18.
Vgl. Helmut Kuwan, Berichtssystem Weiterbildung IX. Ergebnisse der Repräsentativbefragung zur Weiterbildungssituation in Deutschland. Bundesministerium für Bildung und Forschung, Bonn-Berlin, 2005; www.bmbf.de/pub/ berichtssystem_weiterbil dung_9. pdf, S. 248 (4.6. 2007).
19.
Vgl. ebd., S. 264f.
20.
Vgl. Bernd Schmidt/Rudolf Tippelt, Bildungsberatung für Migrantinnen und Migranten, in: Report. Literatur- und Forschungsreport Weiterbildung, (2006) 2.
21.
Vgl. G. Brüning (Anm. 5).