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30.7.2007 | Von:
Reinhard Zedler

Politische Bildung in der dualen Berufsausbildung

Bildungsauftrag der Berufsschule

Die duale Berufsausbildung bietet vielfältige Anlässe und Chancen für die politische Bildung Auszubildender/Berufsschüler. Aber im Alltag werden die pädagogischen Potenziale, die in der betrieblichen Berufsausbildung bestehen, oftmals nicht genutzt. Deshalb bleibt als Domäne politischer Bildung in der Berufsausbildung der Politikunterricht in der Berufsschule.

Die Berufsschule vermittelt berufliche und allgemeinbildende Lerninhalte unter besonderer Berücksichtigung der Anforderungen der Berufsausbildung. Ausgehend von dieser Aufgabenstellung hat die Kultusministerkonferenz (KMK) in der Rahmenvereinbarung über die Berufsschule 1991 die Bildungsbereiche und Ziele der Berufsschule bestimmt: "Die Berufsschule vermittelt eine berufliche Grund- und Fachbildung und erweitert die vorher erworbene allgemeine Bildung. Damit will sie zur Erfüllung der Aufgaben im Beruf sowie zur Mitgestaltung der Arbeitswelt und Gesellschaft in sozialer und ökologischer Verantwortung befähigen."[8] Nach der KMK sind die Ziele der Berufsschule die Vermittlung einer Berufsfähigkeit, die Förderung beruflicher Flexibilität und der Weiterbildungsbereitschaft sowie des Verantwortungsbewusstseins.[9]

Die Fächer für die allgemeinbildenden Inhalte der Berufsschule lehnen sich in der Regel an die Unterrichtsfächer der allgemeinbildenden Schulen an. In der "Vereinbarung über den Abschluss der Berufsschule" der KMK werden folgende Inhaltsbereiche benannt: "Deutsch, Fremdsprachen, Politik/Wirtschaft, Religion (Ethik) und Sport".[10] Da die Lehrpläne für die allgemeinbildenden Unterrichtsinhalte von den Bundesländern in eigener Zuständigkeit erstellt werden, kommt es zu unterschiedlichen Benennungen und Kombinationen der Fächer. In Bayern heißt das Fach Politik/Wirtschaft an gewerblichen Berufsschulen "Sozialkunde". Hingegen gehören zum allgemeinen Unterricht an kaufmännischen Berufsschulen die berufsübergreifenden Fächer Politik, Deutsch, Sport/Gesundheitsförderung, Religion und Fremdsprachen, sofern diese nicht dem berufsspezifischen Unterricht zuzuordnen sind.

Trotz der unterschiedlichen Fächerbezeichnung in den Ländern bleibt festzuhalten, dass an gewerblichen wie kaufmännischen Berufsschulen das Fach "Politik" gegeben wird. Nach den Stundentafeln der Berufsschulen aller Bundesländer wird mindestens eine Stunde Politik im Rahmen des durchschnittlich 10- bis 12-stündigen Unterrichts pro Woche erteilt. Lediglich die Stadtstaaten haben in der Berufsschule einen Politikunterricht von zwei Wochenstunden, der jedoch auch Wirtschaftskunde-Inhalte einschließt. Diese Stundentafeln verdeutlichen, dass der Politikunterricht an Berufsschulen im Vergleich zu den allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufe II nicht weit genug entwickelt ist. Gleichwohl gehört Politik/Sozialkunde zu den Fächern der Abschlussprüfung.

Der allgemeinbildende Unterricht kann aus berufspädagogischer Sicht vier Aufgaben erfüllen: Er kann der Nachholung dienen, zudem der Verstärkung, dem Ausgleich oder dem Ersatz.[11] Im Hinblick auf politische Bildung kommen vor allem die Aufgaben der Verstärkung und der Kompensation in Frage. Dabei äußert sich die Aufgabe der Verstärkung etwa darin, dass der Politikunterricht in den Dienst des berufsbezogenen Unterrichts gestellt wird. Damit kann der angestrebte Beruf ganzheitlicher erworben und verstärkt ausgefüllt werden. In einem gewissen Gegensatz zu dieser Funktion steht die Ausgleichsfunktion des allgemeinbildenden Unterrichts, denn der Berufsschulunterricht soll nicht allein am berufsbezogenen Unterricht orientiert sein. So befasst sich der Politikunterricht mit allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Fragestellungen, weniger mit arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitischen Aspekten.

Daneben stellt sich der Berufsschule auch der Auftrag, Auszubildenden/Berufsschülern zu helfen, sich in der politischen Welt zu informieren und zu orientieren. Es geht darum, Schülerinnen und Schüler dabei zu unterstützen, politisch-gesellschaftliche Zusammenhänge und Entscheidungen in ihren Auswirkungen auf gegenwärtiges und künftiges Zusammenleben zu verstehen und beurteilen zu lernen sowie verantwortlich zu handeln.[12] Auf diese Weise fördert Politikunterricht die Identitätsfindung junger Menschen.

Fußnoten

8.
Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder (Hrsg.), Rahmenvereinbarung über die Berufsschule, Bonn 1991.
9.
Vgl. Reinhard Zedler, Das Bild der Berufsschule im ausgehenden 20. Jahrhundert, Köln 2006, S. 42.
10.
Vereinbarung über den Abschluss der Berufsschule. Beschluss der KMK vom 1. 6. 1979 in der Form vom 4.12. 1997.
11.
Vgl. A. Schelten (Anm. 4), S. 156ff.
12.
Vgl. Ludwig Henkel, Vermittlung politischer Handlungsfähigkeit - Ein Beispiel aus der Praxis der Berufsschule, in: Gegenwartskunde, 43 (1994), S. 489.