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30.7.2007 | Von:
Reinhard Zedler

Politische Bildung in der dualen Berufsausbildung

Politische Einstellungen Jugendlicher

In Untersuchungen der 1980er Jahre wird die Situation der politischen Bildung an Berufsschulen allgemein als defizitär gekennzeichnet. Allerdings besitzen viele dieser Untersuchungen nur begrenzte Aussagekraft.[13] Denn erstens wurde mehr oder weniger global nach der Beurteilung und Einschätzung der Berufsschule und ihrer Unterrichtsfächer gefragt. Zweitens wandten sich die Forscher nur an Auszubildende/Berufsschüler, es fehlen Aussagen von Lehrern, Schulleitern und Schulaufsichtsbehörden. Für die Berufsschule gibt es bisher keine objektivierten Leistungsmessungen etwa in Form einer Input-Output-Analyse.

Der Verfasser hat recherchiert, inwieweit neuere Untersuchungen über "Politische Einstellungen Auszubildender/Berufsschüler" vorliegen und ein Zusammenhang zwischen dem Bildungsauftrag der Berufsausbildung und Lernergebnissen aufgezeigt werden könnte. Einen ersten Zugang liefert die Shell-Jugendstudie "Jugend 2006". Hier waren bei den "Statusgruppen" neben Hauptschülern, Realschülern, Gymnasiasten und Studierenden auch "in Berufsausbildung/Erwerbstätige" und "Arbeitslose/Nicht-Erwerbstätige" einbezogen. Es wurden das Interesse an Politik und die Einstellungen Jugendlicher zur Demokratie untersucht. Demnach hält die große Mehrheit der Jugendlichen die Demokratie in Deutschland für eine gute Staatsform; nur neun Prozent in den westdeutschen und 14 Prozent in den ostdeutschen Ländern sind anderer Meinung.[14] Diese allgemeine Zufriedenheit ist jedoch nach den Lebenslagen und eingeschränkten gesellschaftlichen Chancen zu differenzieren. Nach der Zusammenhangsanalyse äußern sich überproportional häufig Arbeitslose (59 Prozent) bzw. Jugendliche, die mit ihrer schulischen/beruflichen Lage unzufrieden sind (54 Prozent), distanziert zu den Verhältnissen in Deutschland und zur Demokratie.

Die Werte der Analyse verdeutlichen zwar den Zusammenhang zwischen Zufriedenheit mit der Demokratie und der jeweiligen Lebenslage und Bildungssituation, aber für die Fragestellung nach politischen Einstellungen und Orientierungen Auszubildender ist die Auswertung nicht weiterführend. Denn erfahrungsgemäß bestehen Unterschiede zwischen Gymnasiasten und Auszubildenden in der Berufsausbildung. Die Erfahrungen Jugendlicher in der Arbeitswelt sind andere als die gleichaltriger Schüler oder Studenten. Es bleibt rätselhaft, warum die Shell-Forschungsgruppe beim Merkmal "Sozialer Status" nicht "Auszubildende" gesondert ausgewiesen hat, obwohl doch solche Jugendlichen und junge Erwachsenen in die Befragung einbezogen waren.

Auch das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat mehrere Untersuchungen über "Politische und gesellschaftliche Einstellungen" von Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorgelegt, in denen Auszubildende einbezogen waren. Grundlage der jüngsten Studie ist die 3. Welle des Jugendsurveys. Die Stichprobe umfasste ca. 2 000 Personen von 12 bis 15 Jahren und etwa 7 000 Personen von 16 bis 29 Jahren. Die Auswertung des DJI-Jugendsurveys über politische Beteiligung kommt zum Ergebnis, dass Politik für Jugendliche und junge Erwachsene noch randständiger als früher geworden ist. Dabei ist das Verhaltensrepertoire politischer Artikulation breit, es reicht von der Beteiligung an Wahlen über Unterschriftensammlungen und Demonstrationen bis hin zu Briefen an politisch Verantwortliche.[15] Als wichtigen Einflussfaktor für dieses breite Repertoire politischer Beteiligung haben die Forscher des DJI Bildung bzw. das Bildungsniveau ausgemacht. In der Untersuchung wurden beim Bildungsniveau folgende allgemeinbildenden Abschlüsse unterschieden: Hauptschulabschluss, Mittlere Reife und Fachhochschulreife/Abitur.

Diese Differenzierung ist auch bei einer anderen Auswertung zu berücksichtigen, bei der Einstellung Jugendlicher zur Demokratie. In allen drei Wellen des DJI-Jugendsurveys verweisen die Ergebnisse wie bei der Shell-Jugendstudie auf eine hohe Akzeptanz demokratischer Ideale bei jungen Menschen in Ost und West gleichermaßen.[16] Nach der DJI-Analyse führen ein niedrigeres Bildungsniveau, die Wahrnehmung sozialer Benachteiligung und soziale Verunsicherung bei jungen Menschen zu einem distanzierten Verhältnis zur Demokratie. Das Bildungsniveau ist ein bedeutsamer Bedingungsfaktor für Demokratieeinstellungen. Doch auch bei differenzierter Auswertung kann nicht gesagt werden, wie sich Auszubildende verhalten, und schon gar nicht, welchen Einfluss politische Bildung auf ihre Bewertung der Demokratie haben könnte.

Der Verfasser hat deshalb Datenbanken analysiert und andere Institute nach neueren Untersuchungen zu dieser Thematik befragt, etwa das Soziologische Forschungsinstitut an der Universität Göttingen (SOFI) und das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung - jedes Mal war das Ergebnis Fehlanzeige. Zuletzt hat sich das Bundesinstitut für Berufsbildung in einer repräsentativen Verlaufsstudie mit dieser Thematik befasst.[17] Aber diese Längsschnittuntersuchung von Auszubildenden in den Jahren 1992 und 1996 wurde nicht fortgesetzt.

Fußnoten

13.
Vgl. Gerhard P. Bunk, Einführung in die Arbeits-, Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Heidelberg 1982, S. 94.
14.
Vgl. Shell Deutschland Holding (Hrsg.), Jugend 2006, Frankfurt/M. 2006, S. 110ff.
15.
Vgl. Martina Gille/Sabine Sardei-Biermann/Wolfgang Gaiser/Johann de Rijke, Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland, Wiesbaden 2006, S. 286.
16.
Vgl. Johann de Rijke/Wolfgang Gaiser/Martina Gille/Sabine Sardei-Biermann, Wandel der Einstellungen junger Menschen zur Demokratie in West- und Ostdeutschland, in: Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.), Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, (2006) 3, S. 341ff.
17.
Vgl. Klaus Schweikert, Aus einem Holz? Lehrlinge in Deutschland, Bielefeld 1999, S. 40ff.