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30.7.2007 | Von:
Reinhard Zedler

Politische Bildung in der dualen Berufsausbildung

Ansatzpunkte für bessere politische Bildung

Trotz des Fehlens neuerer Forschungsergebnisse über politische Einstellungen und Orientierungen der 1,6 Millionen Auszubildenden und Berufsschüler bestehen Ansätze, die politische Bildung auch für diese große Gruppe junger Menschen zu verbessern. Politische Bildung in der Berufsausbildung hat zum Ziel, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu helfen, Zusammenhänge in der Politik zu erkennen, Urteile zu begründen und politische Handlungsfähigkeit zu erlangen. Es geht bei allen pädagogischen Interventionen darum, Kompetenz in den Dimensionen Erkenntnis-, Urteils- und Handlungsfähigkeit zu vermitteln. Ausgehend von dieser Zielsetzung ist die Praxis politischer Bildung und besonders der Politikunterricht an Berufsschulen in verschiedener Hinsicht zu verbessern.

Erstens: Die Berufsausbildung im dualen System bietet für die Integration von beruflicher und politischer Bildung prinzipiell einen chancenreichen Rahmen. Damit würde die im Alltag der Berufsausbildung seit langem bestehende Trennung von beruflicher und politischer Bildung überwunden. Die aktuelle Forderung, Schlüsselqualifikationen in der betrieblichen Berufsausbildung zu fördern, schließt soziales Lernen und den Erwerb der Fähigkeit zur Selbst- und Mitbestimmung ein. Diese nötige Integration erfordert von Betrieben und Berufsschulen Kooperation im Sinne des gegenseitigen Informierens, Abstimmens und der Zusammenarbeit. Da dieses Integrationsmodell didaktisch erst in Ansätzen besteht, ist der Politikunterricht an Berufsschulen in verschiedener Hinsicht zu optimieren. Das schulische Politiklernen kann aus berufspädagogischer Perspektive mit den Funktionen der Verstärkung und Kompensation Strukturen betrieblichen Handelns ausgleichen.

Zweitens: Einen Reformansatz des Politikunterrichtes an Berufsschulen bietet - wie für die gesamte Berufsausbildung - die Handlungsorientierung.[18] Handlungsorientierter Unterricht in Politik intendiert gleichermaßen inhaltlich-fachliches, methodisch-strategisches und sozial-kommunikatives Lernen.[19] Handlungsorientierter Unterricht zeichnet sich - im Gegensatz zum lehrerzentrierten Frontalunterricht - durch aktiv-produktives Lernen aus. In der Praxis zeigt sich immer wieder, wie bei schülerorientierter Unterrichtsgestaltung Aktivität und Unterrichtszufriedenheit zunehmen. Ein weiteres Merkmal ist, dass Kommunikation und Kooperation unter den Schülern und zwischen Lehrer und Klasse gleichberechtigt sind. Schüler werden an der Festlegung der Unterrichtsziele beteiligt und zur Gestaltung der Zusammenarbeit herausgefordert. Handlungsorientierter Unterricht erfordert vom Lehrer, über seine eigene Rolle nachzudenken. Gefragt ist im Politikunterricht nicht so sehr der "Unterrichter", sondern der Organisator, Moderator und Berater von Lernprozessen. Lehrer im Politikunterricht müssen Geduld aufbringen, weil es Schülern/Auszubildenden oft schwer fällt, Gegensätzlichkeiten auszuhalten, und sie beim Urteilen mit Entweder-Oder-Schemata ausweichen. Doch mit dieser Schlüsselqualifikation fördern Lehrer die Dialogfähigkeit und Gesprächsfähigkeit junger Menschen - ein wichtiges funktionales Ziel politischer Bildung.

Fußnoten

18.
Vgl. A. Schelten (Anm. 4), S. 176ff.
19.
Vgl. L. Henkel (Anm. 12), S. 497ff.