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29.6.2007 | Von:
UlrichTrautwein
Jürgen Baumert
Kai Maaz

Hauptschulen = Problemschulen?

Ist Hauptschule gleich Hauptschule?

Die Zusammensetzung der Schülerschaft hat in jeder der in Deutschland angebotenen Schulformen einen Effekt auf den Lernerfolg. Die Hauptschule scheint jedoch diejenige Schulform zu sein, in der die Leistungsentwicklung am stärksten durch kritische Kompositionsmerkmale beeinflusst und beeinträchtigt wird.[6] Kollektive Belastungsfaktoren sind: der Anteil von Wiederholern, ein niedriges Leistungs- und Fähigkeitsniveau, Konzentration von Schülern aus extrem bildungsfernen Familien und ein steigender Anteil von Jugendlichen aus Elternhäusern mit besonderen sozialen und privaten Belastungen. Gleichzeitig ist die Variabilität der Zusammensetzung der Schülerschaft an Hauptschulen erheblich. Es lässt sich deshalb die Frage stellen, ob sich Schulen mit einer Kumulation von Belastungsfaktoren finden lassen. Jürgen Baumert und Kollegen haben dies anhand der PISA-2000-Stichprobe mithilfe eines statistischen Verfahrens, das Schulen nach Ähnlichkeit gruppiert, untersucht. Ihre Analysen erbrachten drei Typen von Hauptschulen; deren Charakteristika sind in Tabelle 1 (Vgl. PDF-Version) dargestellt.

Den ersten Typus kann man als die Modalform der Hauptschule bezeichnen. Zu dieser Klasse gehören 45 Prozent aller Hauptschulen in der Bundesrepublik. Hauptschulen vom zweiten Typus sind solche in schwierigem Milieu. In diesen Schulen findet man eine Kumulation von Risiko- und Belastungsfaktoren: Rund die Hälfte der Schüler haben mindestens eine Klasse wiederholt. Ebenso viele stammen aus Migrantenfamilien, in denen zu Hause nicht Deutsch gesprochen wird. 40 Prozent der Eltern verfügen über keine abgeschlossene Berufsausbildung. Fast ein Drittel der Familien sind von Arbeitslosigkeit betroffen, und das Leistungsniveau der Schulen ist extrem niedrig. Diese Klasse, zu der 16 Prozent aller Hauptschulen gehören, stellt die eigentliche Problemgruppe unter den Hauptschulen dar. Den Gegenpol bilden Hauptschulen des dritten Typus, deren Profil auf ein günstiges Milieu schließen lässt. Die mittleren Leistungswerte dieser Hauptschulen liegen im unteren Bereich der Leistungsverteilung von Realschulen.

Tabelle 2 (Vgl. PDF-Version) zeigt die Verteilung der Hauptschulen auf die drei Typen, getrennt für die Länder der Bundesrepublik. Diese Kreuztabelle belegt bemerkenswerte regionale Verteilungsmuster. Hauptschulen mit einem Kompositionsprofil, das für ein schwieriges Milieu steht, machen einen substanziellen Anteil unter den Hauptschulen in den Stadtstaaten, in Hessen und Nordrhein-Westfalen aus. Das Saarland, in dem im Jahr 2000 über 80 Prozent dieses Schultyps zur Problemkategorie gehörten, hat mittlerweile die Hauptschule als selbstständige Schulform aufgelöst. Hauptschulen, die sich durch besonders günstige Schülerzusammensetzungen auszeichnen, findet man in nennenswertem Umfang nur in Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz.

Mit nur zwei Merkmalen des Einzugsgebiets von Hauptschulen gelingt es, drei Viertel der Schulen der Problemgruppe korrekt zu identifizieren. Die beiden Merkmale sind der Hauptschüleranteil im Einzugsgebiet (je geringer der Prozentsatz der Schüler eines Einzugsgebiets ist, die eine Hauptschule besuchen, desto wahrscheinlicher handelt es sich um Schule des problematischen Typus) sowie der Anteil ausländischer Schüler in der vergleichbaren Altersgruppe (je höher der Anteil ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine problematische Hauptschule handelt). Dieser Befund deutet darauf hin, dass sich eine Sicherung der Arbeitsfähigkeit an Hauptschulen vermutlich nur erreichen lässt, wenn sie Anlaufstelle für eine ausreichend breite und heterogene Schülerklientel ist.

Fußnoten

6.
Vgl. ebd.