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29.6.2007 | Von:
Aribert Heyder
Anna Kaczmarek

Auswirkungen von Bildung auf das gesellschaftliche Miteinander

Welche Einstellungen und Eigenschaften spielen eine Rolle bei dem Zusammenhang zwischen unterschiedlicher Schulbildung und Vorurteilen?

Einleitung

Seit Menschengedenken gibt es überall auf der Welt Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen zwischen sozialen Gruppen. Die Aufzählung dieser Fälle wäre schier unendlich. Seien es nun Nationen oder ethnische Gruppen innerhalb von Nationen, religiöse Gruppen oder Mehrheit gegen Minderheit - gemeinsam ist allen der intergruppale Kontext: Es geht immer um "Wir gegen die Anderen". Das systematisch Gemeinsame sind dabei die nach einer bestimmten Logik und Struktur ablaufenden gruppendynamischen Prozesse. Damit gehen Entwicklungs- und/oder Stabilisierungsprozesse der sozialen Identitätsbildung zur Herstellung einer positiv bewerteten Eigengruppenidentität in Abgrenzung zu einer negativ bewerteten Fremdgruppenidentität einher.[1] Der Eigengruppe zugeschriebene Eigenschaften werden dabei stets positiv, jene der Fremdgruppe negativ bewertet. Das nimmt insbesondere dann "befremdliche" Züge an, wenn es um den gleichen Sachverhalt geht, wie folgendes profanes Beispiel zeigt: "Wir sind trinkfest, Ihr seid alkoholabhängig!"










Bei all diesen sozialen Konstruktionen bzw. Konfliktverläufen spielen Ideologien, intergruppale negative Einstellungen und damit Vorurteile eine zentrale Rolle, ebnen und "rechtfertigen" sie doch das Verhalten und die Handlungen der jeweils beteiligten Akteure bzw. Akteursgruppen. Diese Vorurteile und assoziierten Einstellungen, welche in der Regel einem friedlichen gesellschaftlichen Miteinander abträglich sind, bilden den Gegenstand dieser empirischen Studie und werden im Hinblick auf Gruppen unterschiedlicher Bildungsniveaus untersucht.[2]

Die bereits im Jahre 1906 von William G. Sumner[3] formulierte grundsätzliche Idee, dass Vorurteile gegenüber verschiedenen Gruppen miteinander in Beziehung stehen, findet in der aktuellen Vorurteilsforschung zunehmend Beachtung.[4] So sind etwa verschiedene Vorurteile Bestandteil der "Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" (GMF),[5] welche seit dem Jahr 2002 in einem Langzeitprojekt untersucht wird.[6] Im Zentrum des Projektes steht die Erklärung eines Syndroms gruppenbezogener menschenfeindlicher Einstellungen. "Der Begriff Menschenfeindlichkeit bezieht sich auf das Verhältnis zu spezifischen Gruppen und meint nicht ein interindividuelles Feindschaftsverhältnis. (...) Nicht nur Personen fremder Herkunft erleben Feindseligkeit, sondern auch solche gleicher Herkunft, aber mit abweichend empfundenem oder deklariertem Verhalten."[7]

Beim GMF-Syndrom handelt es sich um neun Einstellungskonstrukte: Fremdenfeindlichkeit, Islamphobie, Antisemitismus, Homophobie, Behindertenabwertung, Obdachlosenabwertung, Rassismus, Sexismus und Etabliertenvorrechte. Aus einer differenzierenden Perspektive der Einstellungsforschung repräsentieren die ersten sechs genannten Konstrukte Vorurteile gegenüber den Minderheiten Ausländer, Muslime, Juden, Homosexuelle, Behinderte und Obdachlose, während die zuletzt aufgeführten generalisierte Einstellungen im Sinne einer Ideologie der Ungleichwertigkeit darstellen.[8]

Die Ausprägungen von Einstellungen wie die des GMF-Syndroms variieren stark im Hinblick auf Niveaus unterschiedlich hoher Schulbildung. Dies ist eines der am weitesten verbreiteten und einheitlichsten empirischen Ergebnisse der internationalen Vorurteilsforschung in den vergangenen Jahrzehnten. Mit zunehmendem Bildungsniveau wird die Ausprägung von Vorurteilen schwächer.[9] In den meisten Studien dieser Art wird jedoch der formale Schulabschluss als eine "demografische Variable" verwendet,[10] was der Komplexität der dahinterliegenden Wirkungsmechanismen nicht gerecht wird.

In einer Studie aus dem Jahr 2003[11] wurden daher verschiedene Komponenten, die mit der Höhe der Bildung einhergehen, theoretisch herausgearbeitet und im Hinblick auf deren Wirkungen auf das GMF-Syndrom empirisch untersucht. Hierbei handelte es sich um die bildungsrelevanten Konstrukte kognitive Fähigkeiten, soziale Kompetenz (mit den Komponenten Empathie und Fähigkeit zur

Perspektivenübernahme), Werteorientierungen (bestehend aus Leistungsorientierung und Konformität) und sozialer Status.

Im nun folgenden empirischen Teil werden zunächst die Ausprägungen der GMF-Einstellungen der deutschen Bevölkerung getrennt nach Bildungsniveaus betrachtet. Im Anschluss daran folgt die Untersuchung der Zusammenhänge der bildungsrelevanten Konstrukte mit dem GMF-Syndrom.

Fußnoten

1.
Vgl. Henri Tajfel/John C. Turner, The Social Identity Theory of Intergroup Behaviour, in: William G. Austin/Steven Worchel (Hrsg.), Psychology of Intergroup Relations, Chicago 1986.
2.
Aufgrund des begrenzten Umfangs muss sich die vorliegende Studie primär auf die Dokumentation der empirischen Ergebnisse beschränken. Weiterführende Erläuterungen und Interpretationen finden sich in den angegebenen Quellen.
3.
William G. Sumner, Folkways. A study of the sociological importance of usages, manners, customs, mores and morals, New York 1959 (zuerst 1906).
4.
Vgl. William A. Cunningham/John B. Nezlek/Mahzarin R. Banaji, Implicit and explicit ethnocentrism: Revisiting the ideologies of prejudice, in: Personality and Social Psychology Bulletin, 10 (2004), S.1332 - 1346.
5.
Die hier verwendeten Daten stammen aus dem GMF-Survey 2006 des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, Universität Bielefeld. Diese Datenerhebung wurde gefördert durch ein Stiftungskonsortium unter Federführung der Volkswagen Stiftung.
6.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 5, Frankfurt/M. 2006.
7.
Ders. (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 2, Frankfurt/M. 2002, S. 19.
8.
Vgl. Aribert Heyder, Vorurteile gegenüber Minderheiten in Deutschland - Ausgewählte Erklärungsansätze und empirische Analysen repräsentativer Daten; Dissertationsschrift http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2006/3598/pdf/HeyderAribert-2006 - 08 - 30.pdf (30.3. 2007)
9.
Studien aus den 1950er Jahren zeigen jedoch z.B. auch, dass gerade deutsche Akademiker starke antisemitische Einstellungen hegten. Vgl. dazu: Friedrich Pollock, Gruppenexperiment: Ein Studienbericht, Frankfurt/M. 1955.
10.
Wulf Hopf, Ungleichheit der Bildung und Ethnozentrismus, in: Zeitschrift für Pädagogik, 6 (1999), S. 847 - 865.
11.
Vgl. Aribert Heyder, Bessere Bildung, bessere Menschen? Genaueres Hinsehen hilft weiter, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 2, Frankfurt/M. 2003. S. 78 - 99.