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23.4.2007 | Von:
Robert Gugutzer

Körperkult und Schönheitswahn - Wider den Zeitgeist - Essay

Wider den Zeitgeist

Die Rede von Körperkult und Schönheitswahn klingt nach einem vertrauten, sehr deutschen Diskurs. Er erinnert stark an den alten Diskurs der deutschen Innerlichkeit, demzufolge allein Inhalt, Wesen und Sein zählen, Form, Äußerlichkeit und Schein hingegen per se das Minderwertige sind. Dass Sinnstiftung auch über Muskelbildung oder Ästhetisierungspraktiken statt über intellektuelle Anstrengungen gelingen kann, gilt hier als ausgeschlossen. Dabei gilt die aktuelle Zeitgeistkritik gar nicht so sehr den bedauernswerten Individuen, die ihre Körper malträtieren und über die Maßen ästhetisieren, als vielmehr der Konsum- und Mediengesellschaft, die uns vorgaukelt, schön, schlank, sportlich und sexy sein zu müssen, um etwas zu gelten und erfolgreich im Leben zu sein. Etwas mehr Gelassenheit und Pragmatismus in der Bewertung der aktuellen Körperpraktiken scheint hier dringend angebracht.

In der "Multioptionsgesellschaft" (Peter Gross) ist auch der menschliche Körper zur Option geworden. Für immer mehr Menschen ist der eigene Körper nicht mehr ein gott- oder naturgegebenes Schicksal, das man ergeben hinzunehmen habe. Stattdessen erlauben relativer Zeit- und materieller Wohlstand sowie eine hoch entwickelte Technik, den eigenen Körper als ein "reflexives Projekt" (Anthony Giddens) zu behandeln, in das man Erfolg versprechend investieren kann. Dass hier auch traditionelle Werte wie Disziplin, Wille und Anstrengung eine Rolle spielen, ist offenkundig. So gesehen sollten selbst konservative Zeitgeistkritiker den Körperarbeitern der Gegenwart etwas Anerkennung zollen können. Sharon Stone mag dabei Überzeugungsarbeit leisten: "Es ist gar nicht so leicht, so schön zu sein, wie man aussieht", so die amerikanische Filmschauspielerin. Das stimmt wohl, fürs eigene Schönsein muss man etwas tun. Dass es jedoch lohnt, dafür ist Sharon Stone wohl nicht das schlechteste Beispiel.