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23.4.2007 | Von:
Paula-Irene Villa

Der Körper als kulturelle Inszenierung und Statussymbol

Hexis: Der "intuitive" soziale Sinn

Der "Leib [fungiert] als eine Art Gedächtnisstütze" für alle normativen und kognitiven Aspekte der Sozialisation - so Bourdieu.[18] In diesem Sinne werden abstrakte, allgemeine und meist diffuse soziale Werte derart "inkorporiert", dass sie zu spezifischen Körperhaltungen und Gefühlen werden.[19] Dies zu betonen ist auch deshalb so wichtig, weil über (körper-)soziologische Zugänge die Wirkmächtigkeit sozialer Ordnung im Alltag der Menschen nur dann angemessen verstanden werden kann, wenn auch die affektiven Konsequenzen und die affektive Basis sozialer Ordnung gesehen werden. Konkreter: Unangemessenes Handeln oder mangelnde soziale Kompetenz werden beispielsweise als Scham über das eigene Unvermögen erlebt. Es ist uns peinlich, wenn wir etwas nicht wissen oder beherrschen, das sich in einem bestimmten Kontext als normal oder selbstverständlich erweist. Das Wissen um den eigenen Status etwa ist auch auf der leiblichen Ebene verankert und führt zum Beispiel dazu, dass manche Menschen sich bestimmte Leistungen und Aufgaben zutrauen, während anderen vor denselben Aufgaben und Leistungen Angst und Bange wird. Diese authentischen Affekte sind Teil und Resultat sozialisatorischer Praxen. Zudem ist die leibliche Ebene unserer soziostrukturellen Verortung etwa in Ungleichheitslagen wie Klasse und Geschlecht wesentlich dafür, dass wir einen "sozialen Sinn" (Pierre Bourdieu) entfalten, ein gewissermaßen intuitives Gefühl für unsere soziale Stellung im gesellschaftlichen Gefüge. Meist wissen wir ohne lange oder überhaupt bewusst darüber nachzudenken, was sich an spezifischen sozialen Orten gehört - und was nicht. Das führt wiederum dazu, dass auf- und absteigende Mobilitätsprozesse, beispielsweise zwischen verschiedenen Milieus, trotz dafür objektiv günstiger Bedingungen oftmals mit starken individuellen Verunsicherungen und mit mangelnder Anerkennung einhergehen. Dies kann so stark werden, dass insbesondere Aufwärtsmobilität gebremst wird oder ganz zum Erliegen kommt.

Fußnoten

18.
Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt/M. 1982, S. 739.
19.
Vgl. ebd., S. 729.