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23.4.2007 | Von:
Paula-Irene Villa

Der Körper als kulturelle Inszenierung und Statussymbol

Ausblick: Körperliche (Re-)Produktionen sozialer Ordnung

Nun werden durch die Einsicht in die Wirkmächtigkeit leiblich wirksamer Inkorporierungen weder individuelle Handlungsfähigkeit noch die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, obsolet. Soziale Ordnung zu verkörpern, meint weder, dass man gewissermaßen einen 'Stempel' schlicht aufgedrückt bekommt und als Individuum passiv dieser Prägung harrt, noch, dass die soziale Ordnung ein einfaches Schema wäre, so dass an einer Verkörperung eine soziale Verortung evident wäre. Vielmehr ist die Verkörperung sozialer Ordnung und damit auch sozialer Ungleichheit ein fortwährender, komplexer und in gewisser Weise 'unordentlicher' Prozess. Sozialisatorische Praxen mitsamt ihrer somatischen Aspekte kommen niemals zum Stillstand, wenngleich spezifische Phasen und Momente der leiblichen Biographie schwerer wiegen als andere.[20] Zudem - und dies wird in der Forschung bislang nicht hinreichend reflektiert - sind die Formen sozialer Ungleichheit sowohl auf der Makroebene des Sozialen wie auf der Mikroebene hochgradig komplex. Ungleichheitslagen und Differenzachsen laufen intersektional, das heißt verschiedene Dimensionen sind miteinander verknüpft, und dadurch verändern sie sich wechselseitig.[21] Wenn also etwa von der Klassenlage in einem an Karl Marx zwar anknüpfenden, diesen aber erweiternden Sinne wie bei Pierre Bourdieu die Rede ist, so kann diese schlechterdings jenseits von Geschlecht, Ethnizität oder auch Alter und Sexualität gedacht werden. Der Status einer Person im Rahmen der Sozialordnung ergibt sich eben nicht aus einer einzigen Dimension, sondern aus einer Vielzahl von Verortungen und Zugehörigkeiten bzw. Ausschlüssen. Ein Beispiel: Wenn eine Person sehr gebildet ist, etwa eine Reihe akademischer Titel besitzt, so kann diese in der Regel nur dann einen entsprechenden Status erreichen, wenn das passende gesellschaftliche Umfeld gegeben ist. Nun lässt sich trefflich darüber streiten, welche Ungleichheitslagen und Differenzachsen zu einem 'wirklichen' Unterschied in Bezug auf die Positionierung im sozialen Raum führen, und ob nicht eine Dimension wie das Alter schwerer bzw. leichter wiegt als etwa das Geschlecht oder die Zugehörigkeit zu einer Klassenlage. Auf jeden Fall aber ist zu konstatieren, dass der Blick auf nur je eine Dimension nicht reicht, wenn es um das Verständnis der kollektiven wie individuellen Ausprägungen sozialer Ungleichheit geht.

Bezieht man die hier nur angedeutete Komplexität der Struktur sozialer Ungleichheit auf den Körper im Alltagshandeln, so lässt sich zusammenfassend sagen, dass wir am Körper unserer Mitmenschen deren Zugehörigkeit zu den verschiedenen sozialen Gruppen erkennen; wir 'lesen' also all die körpergebundenen Zeichen, die uns über die soziale Position unserer Handlungspartner Aufschluss geben. Wir verkörpern im konkreten Tun immer auch unsere Zugehörigkeiten zu sozialen Gruppen. Solche Verkörperungen sind einerseits erstaunlich beharrlich und konventionell, andererseits auf interessante Weise veränderlich und kreativ. Unser Körperhandeln ist demnach beides zugleich: Reproduktion sozialer (Ungleichheits-)Strukturen und eigensinnige Produktion. Der entsprechende Begriff, mit dem die Gleichzeitigkeit von Neuschöpfung und Wiederholung auf der körperlichen Ebene gedacht und analysiert werden kann, lautet Mimesis.

Mimetisches Handeln ist immer körpergebundenes Handeln und meint eine "Anähnlichung" an etwas Gesehenes oder Gedachtes.[22] Wenn Kinder beispielsweise ihre Eltern bei bestimmten Aktivitäten nachahmen, so kopieren sie etwas, das sie zugleich variieren. Denn eine Nachahmung kann niemals eine wirkliche Kopie sein; dazu sind Menschen zu unterschiedlich und die Situationen, in denen Gesten oder körperliche Handlungen vollzogen werden, je verschieden. Doch nicht nur Kinder ahmen im körperlichen Modus nach, wir tun es alle ständig. Wir möchten so aussehen wie XY, so wirken wie die Nachbarin, so lässig sein wie die Kollegin usw. Die Berücksichtigung von Mimesis kann also verstehen helfen, wie das, was zunächst wie eine reine Inkorporierung gegebener Stereotype oder Normen aussieht, womöglich eine kleine Variation, eine eigensinnige Aneignung, eine womöglich gar nicht beabsichtigte Subversion darstellt. Und so ist die Verkörperung sozialer Ordnung und sind kulturelle Körperkonstruktionen immer beides zugleich: Reproduktion von etwas Gegebenem und kreative Produktion von etwas Neuem. Sozialer Wandel hat damit auch eine körpergebundene Seite.

Fußnoten

20.
Zur körperlichen und leiblichen Dimension biographischer Verläufe vgl. Anke Abraham, Der Körper im biographischen Kontext. Ein wissenssoziologischer Beitrag, Wiesbaden 2002, und Peter Alheit et al. (Hrsg.), Biographie und Leib, Gießen 1999.
21.
Vgl. Gudrun-Axeli Knapp, "Intersectionality" - ein neues Paradigma feministischer Theorie? Zur transatlantischen Reise von "Race, Class, Gender", in: Feministische Studien, 23 (2005) 1, S. 68 - 81.
22.
Ausführlich hierzu vgl. Gunter Gebauer/Christoph Wulf, Spiel - Ritual - Geste. Mimetisches Handeln in der sozialen Welt, Reinbek b. Hamburg 1998.