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2.3.2007 | Von:
Hans-Joachim Busch

Demokratische Persönlichkeit

Kulturfähigkeit des Menschen und Unbehagen in der Kultur

Die Bedeutung dieser Aufgabe für die Kulturfähigkeit des Menschen wird häufig übersehen und unterschätzt. Bei allem Fortschritt und aller Zivilisiertheit steckt doch in uns immer auch ein Stück Natur. Das hat sehr viel mit unserer Leiblichkeit zu tun, damit, dass wir "Menschen aus Fleisch und Blut" sind. Dieser sinnlich-körperliche Anteil unseres Wesens, zu dem ganz erheblich auch die sexuellen und aggressiven Strebungen beitragen und aus dem sich unser Gefühlsleben speist, wird in der Sozialisation mit den gesellschaftlichen Anforderungen in Einklang gebracht; er lässt sich jedoch nicht restlos auflösen in das, was die Gesellschaft verlangt, erwartet oder an Sanktionen verhängt. Und er sorgt mit dafür, dass wir uns als Individuen nicht vollständig an unser Gemeinwesen anpassen, sondern uns Unabhängigkeit bewahren. Wir können Bedürfnisse artikulieren, Erwartungen aussprechen, Forderungen stellen, die immer auch etwas von uns (und dieser Differenz) enthalten und nicht bloß sozial vorgegeben sind. Wir können somit als Subjekte auftreten und in die Geschehnisse eingreifen. Sie sind wichtige Bestandteile des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Lebens; ihre Handlungsweise ist schwer vorherzusehen. Das macht noch einmal deutlich, wie sehr es darauf ankommt, die Erkenntnis gesellschaftlicher Verhältnisse zu vertiefen, indem Einsicht in die Motive der Einzelnen dafür, sich von politischen Bewegungen ab- oder ihnen zuzuwenden, zu gewinnen versucht wird.

In der Untersuchung dieser Zusammenhänge liegt der Sinn einer politischen Psychologie. Bereits Freud nahm in vielen seiner Schriften direkt Stellung zu kulturellen und politischen Themen. Jenseits seiner psychoanalytischen Praxis entfaltete er seine Ansichten zum Verhältnis des Individuums zu seiner Kultur, zur Psychologie des Krieges, der Masse und der Religion. Freud sah hier besonders die Schwierigkeit, die Kulturfähigkeit des Menschen überhaupt zu entwickeln und zu sichern. Gegen die Unbequemlichkeiten, Zumutungen und Triebverzichtsforderungen, die im Laufe der Zivilisation zunehmen, lehnt sich im Individuum immer etwas auf. Zwar werden die Vorzüge des Fortschritts durchaus empfunden, und niemand wollte sie missen, doch wirklich zufriedener, gar glücklicher stimmen sie uns nicht. Das tiefe "Unbehagen in der Kultur",[4] das uns plagt, wird davon nicht geschlichtet. Es besteht in dem Gefühl der Schuld, das die vielen kulturfeindlichen Regungen unseres Inneren uns bereiten. Wir spüren dunkel, aber doch unabweisbar, dass unsere Eignung zu Kulturwesen seelisch auf tönernen Füßen steht.

Dieses Unbehagen wird, wie Freud erkennen musste, genährt durch eine Gefahr, die vorher nicht vorhanden und daher auch kaum ins menschliche Bewusstsein gedrungen war. Es ist der hohe Grad an Destruktivität, an von Menschen hervorgebrachter massenhafter Vernichtungskraft, wie er sich erstmals in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts, aber auch in den nicht nur umweltschädigenden, sondern lebensbedrohlichen Folgen unserer für friedlich gehaltenen Technologie offenbart hat. Für Freud standen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch ausschließlich die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs im Vordergrund, auf die er in seinen Schriften reagierte. Seine Frage war, ob und wie die Menschen es schaffen, sich mit ihren aggressiven Energien auseinander zu setzen, sodass diese nicht in Gefahr geraten, zu entgleisen und Tod und Vernichtung über die Menschheit zu bringen. Die Frage war damit auch, ob es ihnen gelänge, Strebungen der Bindung, der Zuwendung, Pflege, der Einfühlung, des Verstehens, kurz, des friedlichen und befriedigenden Aufbaus sozialer Beziehungen und menschlicher Kultur auszubilden, die dauerhaften und sicheren Schutz vor dem unkontrollierten massenhaften Ausbruch von Destruktivität böten.

Fußnoten

4.
Sigmund Freud (1930), Das Unbehagen in der Kultur, in: ders., Studienausgabe, Bd. IX (Anm. 2).