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2.3.2007 | Von:
Hans-Joachim Busch

Demokratische Persönlichkeit

Masse und autonomes Subjekt

Freud hat ferner die Entwicklung von Massenbewegungen untersucht und dabei wichtige Erkenntnisse darüber gewonnen, wie sich Menschen willig einem Führer oder einer Weltanschauung unterordnen und ihr Gewissen dabei "an der Garderobe abgeben". Einmal in eine solche verschworene Gemeinschaft verstrickt, entwickelt sich im individuellen Bewusstsein sehr schnell ein typischer Vorurteilsmechanismus, der nach dem simplen Muster: "Wir sind die Guten, die es richtig machen und über die geeigneten Fähigkeiten und die nötige Kultur verfügen; die anderen, Fremden, die von außen kommen, nicht dazugehören (dürfen), sind die Bösen, sind Feinde, vor denen es auf der Hut zu sein und die es zu bekämpfen gilt" funktioniert. Diese Massenpsychologie, von Freud 1921 noch an den Institutionen Kirche und Heer exemplifiziert,[5] war es, die von den Autoren der Frankfurter Schule und auch von Wilhelm Reich und Ernst Simmel für die Analyse von Faschismus und Antisemitismus aufgegriffen und weitergeführt wurde.[6]

Die hieraus stammenden Einsichten haben bis heute nichts an Aktualität eingebüßt, führt man sich den sozialen Konfliktstoff vor Augen, den das Verhältnis der angestammten Einwohner der modernen westlichen Gesellschaften zu Zuwanderern, Asylbewerbern, Menschen anderer Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierungen u. v. m. hervorbringt. Das Wesen der psychoanalytischen Einsicht ist dabei dies: Es sind affektive Bindungen, die sich zwischen den Einzelnen und dem Führer, einer Ideologie herstellen und die Mitglieder solcher Massen untereinander vereinen. Der Führer nimmt ihnen wie eine Elternfigur das Denken und moralische Urteil ab; ihm wird blind vertraut. Dass man sich mit den vielen in dieser Gemeinsamkeit einig weiß, verschafft zusätzliche Sicherheit. Zudem treten in der Verehrung der gemeinsamen Führerperson oder in der Hingabe an eine gemeinsame Religion oder Ideologie die Unterschiede der Anhänger, ihre persönlichen Merkmale und Besonderheiten in den Hintergrund. Die übrigen Mitglieder werden nicht nur allen anderen außerhalb dieser Gruppierung vorgezogen, sie werden, auf eine milde Form, geliebt. Man denke an freudetrunken sich umarmende Fußballfans, Parteianhänger, eine verschworene religiöse Gemeinschaft oder das enthusiasmierte Publikum eines Rockkonzertes.

Gewiss, ohne Affekte geht es nicht, aber das Ausufern von Affekten führt zum Verlust des Maßes in den sozialen Beziehungen; sie kann die Ausgrenzung der Andersdenkenden, der Fremden zur Folge haben und zu einem irrationalen, wirklichkeitsfernen Feindbild führen. Die Gefahr, die darin liegt, kann uns heute aufgrund einer Fülle von geschichtlichen Erfahrungen (gerade in Deutschland), nicht mehr unbekannt sein und muss uns beschäftigen. Sie ist deshalb so groß, weil sie sich, wie wir wissen, in einzelne (von Amokläufern und Selbstmordattentätern) und massenhafte Destruktivität umzusetzen pflegt. Aber auch schon in ihren subtilen, nur verbalen und gestischen Ausdrucksformen erzeugt sie ein unfriedliches soziales Klima.

Es ist für den Einzelnen heutzutage also nicht leicht, zu einer demokratischen Persönlichkeit zu werden. Auch in der spätmodernen Gesellschaft wirken viele Kräfte in die gegenteilige Richtung. Der Bildung autonomer Subjekte steht nach wie vor vieles im Wege. Neuere politikwissenschaftliche Ansätze sehen bereits ein postdemokratisches Zeitalter heraufziehen, in dem medienmächtige Führer im Stile eines Silvio Berlusconi die Bürger einlullen und entmündigen und ihnen ihr autoritäres Regime aufzwingen. Umso mehr bedarf es gerade heute einer Kritischen Politischen Psychologie,[7] die - in der dargelegten Tradition der Frankfurter Schule - nach den Möglichkeiten einer gelungenen politischen Sozialisation fragt. Das Subjekt, das ihr vorschwebt, lernt nicht nur, sich anzupassen, sondern seine Bedürfnisse und Interessen ins Spiel zu bringen. Es kann insbesondere auch als Subjekt in Betracht gezogen werden, das unter den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen in seinen Artikulationsmöglichkeiten beeinträchtigt und in Mitleidenschaft gezogen wird.

Die hier vertretene Politische Psychologie wählt nicht die Perspektive der Regierenden, die wissenschaftliche Erkenntnisse benutzen, um die Regierbarkeit des Wahlvolks zu erhöhen. Ihr Weg führt "von unten", von den Regierten, zu den politischen Institutionen und Machtträgern. Wie finden sich die Bedürfnisse und Interessen der Menschen in der Politik wieder, wie lässt sich ihr Einfluss mehren und die politische Veränderung der Gesellschaft so bewerkstelligen, dass deren größtmögliche Verwirklichung als Subjekte erreicht wird? In dieser Suche nach den Bedingungen und Möglichkeiten demokratischer Persönlichkeit steht sie in enger Verbindung mit dem Konzept der "Lebenspolitik" von Anthony Giddens und dem Begriff des "Verfassungspatriotismus" von Jürgen Habermas.[8]

Fußnoten

5.
Vgl. Sigmund Freud (1921), Massenpsychologie und Ich-Analyse, in: ebd.
6.
Vgl. Theodor W. Adorno (1950), Der autoritäre Charakter, Frankfurt/M. 1973; ders. (1951), Die Freudsche Theorie und die Struktur der faschistischen Propaganda, in: H. Dahmer (Anm. 1); Wilhelm Reich (1933), Massenpsychologie des Faschismus, Erw. Neuauflage, Köln 1970; Ernst Simmel (1946), Antisemitismus und Massen-Psychopathologie, in: Psyche, 32 (1978) 5 - 6.
7.
Vgl. Klaus Horn, Politische Psychologie. Schriften zur kritischen Theorie des Subjekts. Bd. I, hrsg. von Hans-Joachim Busch, Gießen 1998; Hans-Joachim Busch, Klaus Horns Konzept einer "Kritischen politischen Psychologie", in: Psychosozial, 22 (1999), S. 25 - 39.
8.
Vgl. Anthony Giddens (1990), Konsequenzen der Moderne, Frankfurt/M. 1995; Jürgen Habermas, Die postnationale Konstellation, Frankfurt/M. 1998.