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2.3.2007 | Von:
Hans-Joachim Busch

Demokratische Persönlichkeit

Das lebenspolitische Subjekt und seine inneren Voraussetzungen

Lebenspolitik hat als Träger ein Subjekt, das sich selbstreflexiv mit seiner Körperlichkeit, den Beziehungen zum anderen Geschlecht und seinen Bedürfnissen auseinander zu setzen und darüber stimmig zu kommunizieren vermag. Zugleich kann ein solches Subjekt seine Lebenspraxis im Zusammenhang sehen mit den großen gesellschaftlichen Erfordernissen in Zeiten der Globalisierung von Wirtschaft und Politik: Sicherung und Ausbau demokratischer Strukturen, Entmilitarisierung und Schaffung dauerhaften Friedens, Humanisierung und ökologisch verträgliche Gestaltung von Wirtschaft und Technik, Entwicklung von Alternativen zum System ungebremsten kapitalistischen Wachstums. Im Rahmen dieser Konzeption können seitens einer psychoanalytischen Politischen Psychologie die erforderlichen persönlichkeitsstrukturellen Voraussetzungen formuliert werden: a) konstitutionelle Intoleranz gegenüber dem Krieg und der Schädigung der Umwelt; b) Angsttoleranz/Weltangst; c) Resistenzfähigkeit gegenüber Massenregressionen und Aufrechterhaltung von Kritikfähigkeit sowie Vorurteilseinsicht. Ich will im Folgenden kurz erläutern, was damit gemeint ist.

a) Freud hat bei allem ihm eigenen Pessimismus doch seine Hoffnung in den zu seiner Zeit schon aufkeimenden Pazifismus gesetzt. Ihm zufolge sind die Erstarkung der Vernunft und die Verinnerlichung der Aggressionsneigung die wirksamsten Mittel des Kulturmenschen, sich gegen kriegerische Motive zu immunisieren. Vernunft und Beherrschung der Aggression führen gewissermaßen zu einem "Verlernen" kriegerischer Handlungsmuster. Es ist, wie Freud 1933 schreibt,[9] ein geradezu körperlicher Ekel, eine konstitutionelle Intoleranz gegen den Krieg, die den Menschen von den destruktiven, vernichtenden Lösungsformen seiner sozialen Konflikte Abstand nehmen und pazifistisch werden lassen.[10] Dementsprechend muss politische Bildung solche Kräfte fördern und stärken, die vernünftige, kommunikative Formen des Umgangs mit Konflikten hervorbringen und zur Rücksicht gegenüber unseren natürlichen Lebensgrundlagen motivieren. Es geht von der frühkindlichen Sozialisation in der Familie an darum, dass Konflikte ausgetragen und durchsichtig gemacht werden, und zwar in einer Haltung der gegenseitigen Anteilnahme, Einfühlung, Achtung und Fairness. Zunächst ist es also Aufgabe der Eltern, mittels eines solchen Erziehungsstils für die Grundlage einer konfliktstarken Persönlichkeitsentwicklung ihrer Kinder zu sorgen. Für die anderen Sozialisationsinstitutionen gilt dies entsprechend. Sie sollen an die in der Familie eingeübten Muster anknüpfen und sie weiterentwickeln bzw. dort nicht eingetretene Bildungsprozesse nachholen oder doch wenigstens deren Fehlen kompensieren. Solche Sozialisationsverhältnisse bieten die besten Aussichten, dass Individuen mit Selbstvertrauen heranwachsen, die es gewohnt sind, ihre Bedürfnisse und Interessen auszusprechen und die anderer anzuerkennen und bezüglich der bestehenden Differenzen einen Konsens auszuhandeln.

b) Eine solche politische Sozialisation würde auch zu einem anderen Umgang mit Angst führen. Angst ist ein elementares Gefühl, das sich nicht aus der menschlichen Seele verbannen lässt. Mit ihm ist folglich auch in politischen Zusammenhängen zu rechnen. Natürlich ist es richtig, was das Sprichwort sagt: Angst ist kein guter Ratgeber. Es ist aber genauso falsch, Angst zu ignorieren. Die hier gemeinte Angst ist nicht Feigheit. (Wir kennen sie z.B. als Angst der Eltern um ihre Kinder.) Vielmehr handelt es sich um ernsthafte Sorge (vor Krieg, Zerstörung, Verstetigung von Konflikten). Kinder müssen von früh an erleben können, wie sich Erwachsene ernsthaft Sorgen machen und deshalb etwas verhindern, einer Gefahr begegnen wollen. Das verschafft ihnen Selbstvertrauen in den eigenen Mut, sich um politische und gesellschaftliche Probleme zu kümmern und für sie Lösungen zu suchen, indem sie die diesbezüglichen Ängste ernstgenommen haben. In diesem Sinne spricht Klaus Horn von "Angsttoleranz",[11] die zu schulen sei. Und die Sozialpsychologen Robert J. Lifton und Horst-Eberhard Richter plädieren für ein "Weltgewissen", das Wahrnehmen und Ausbilden einer "Weltangst" als Grundlage für die Einsicht in die dringenden Fragen der Gegenwart und Zukunft einer immer mehr die Existenzbedingungen auf ihrem Planeten beeinflussenden globalisierten Gesellschaft.[12]

c) Ein solches Bewusstsein hat es nicht einfach. Will es kritikfähig bleiben, muss es von früh an zu Unabhängigkeit und Eigenständigkeit angehalten und ermuntert werden. Das ist im Zeitalter der Massengesellschaft immens wichtig. Nicht nur, dass politische und wirtschaftliche Organisationen aus unterschiedlichen Interessen heraus Einfluss auszuüben versuchen; in vielen Situationen seines Alltags erfährt sich doch der Einzelne - und das ist die andere Seite der "Individualisierung" - als Teil einer anonymen Masse (als Beschäftigter in einem Großbetrieb, Kunde in einem Warenhaus, stimmberechtigtes Mitglied einer Wählerschaft, als Medienrezipient, im modernen Massenverkehr oder Massentourismus). Das kann leicht zu einer Entmutigung des Selbstgefühls und der Autonomie führen oder ihr zumindest Vorschub leisten. Es sich nicht einfach zu machen wie alle anderen, nicht den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, sich nicht den politischen, sozialen und ökonomischen Parolen, Slogans und Botschaften kritiklos unterzuordnen, sondern eine eigene Meinung zu bilden, ist nur einem durch gelungene Sozialisation gestärkten Ich möglich. Dieses verfügt über die Fähigkeit, sich von öffentlich kursierenden Formeln nicht einnehmen zu lassen, und über einen frühzeitig geübten Blick für die eigene Vorurteilsanfälligkeit. Auch ist es in der Lage, die Vielfalt seiner inneren Wünsche stimmig auszudrücken; klischeehafte Verkürzungen und emotionsarme Sprache sind in seinem Kommunikationsstil eher die Ausnahme.

Fußnoten

9.
Vgl. Sigmund Freud (1933), Warum Krieg?, in: ders., Studienausgabe, Bd. IX (Anm. 2).
10.
Man kann sagen, die "Menschennatur" wird kulturell weiter veredelt, im Sinne eines psycho-somatischen Fortschritts. Sie erwirbt eine körperliche Abneigung gegen Gewalt, die gewissermaßen "in Fleisch und Blut" übergeht. Vgl. dazu ausführlicher Hans-Joachim Busch, Subjektivität in der spätmodernen Gesellschaft. Konzeptuelle Schwierigkeiten und Möglichkeiten psychoanalytisch-sozialpsychologischer Zeitdiagnose, Weilerswist 2001, S. 278ff.
11.
Klaus Horn (1981), Gewalt in der Gesellschaft. Wie wir organisiert miteinander umgehen und wie wir Veränderungen in Gang setzen können, in: ders., Sozialisation und strukturelle Gewalt. Schriften zur Kritischen Theorie des Subjekts, Bd. III, hrsg. von Hans-Joachim Busch, Gießen 1996.
12.
Vgl. Robert J. Lifton (1987), Das Ende der Welt, Stuttgart 1994; Horst-Eberhard Richter, Umgang mit Angst, Hamburg 1992.