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2.3.2007 | Von:
Hans-Joachim Busch

Demokratische Persönlichkeit

Verfassungspatriotismus

Prägen sich diese Eigenschaften aus, so kommt damit auch ein solidarisches, verfassungspatriotisches, weltbürgerliches Bewusstsein in Reichweite, das den gegenwärtigen, mit der Globalisierung und den damit geschaffenen postnationalen Bedingungen verbundenen Erfordernissen gewachsen ist. Auf die Notwendigkeit eines solchen Bewusstseins, das sich politisch nicht mehr an überkommenen nationalstaatlichen Gebilden orientiert, sondern eine demokratisch verfasste übernationale Ordnung wie etwa die EU oder die UN im Auge hat, hat der Sozialphilosoph Jürgen Habermas Ende des vergangenen Jahrhunderts aufmerksam gemacht.[13] An der Politischen Psychologie ist es, zu klären, wie das einzelne Bewusstsein zur gehobenen Haltung des Verfassungspatriotismus, gar zur erhabenen Größe eines moralisch geläuterten Selbstverständnisses kosmopolitischer Solidarität gelangt und wie es die Enttäuschungen übersteht, die der Globalisierungsprozess mit sich bringt, ohne in Neo-Nationalismus und Apathie abzugleiten. Dieser Aufgabe sieht sich eine demokratische Persönlichkeit heute in besonderem Maße gegenüber.

Auch hier muss betont werden, dass es sich dabei nicht um eine Frage bloßen Lernens, einer optimalen Anpassung handelt. Um die psychischen Voraussetzungen eines demokratischen Bewusstseins zu erwerben, bedarf es eines bestimmten Sozialisationsklimas. Schon der Begriff gibt darauf einen Hinweis; denn eine gewisse Emotion, etwas Feierliches, schwingt immer mit, ist von Patriotismus die Rede. Zwar kann vom damit ursprünglich implizierten Gefühl, sich dem eigenen Staat bzw. der Nation freudig in der Schlacht zu opfern, heutzutage nicht mehr die Rede sein; doch auch Verfassungspatriotismus kann, jenseits rein rationaler Begründungen, auf Begeisterung für die Sache nicht verzichten.[14] Ohne Schwung, ohne etwas Mitreißendes kommt er nicht aus.

Verfassungspatriotismus ist eine hochmoralische innere Einstellung, die nicht leicht zu erringen ist. Sie basiert auf der moralischen Fähigkeit, allgemeine Werte höher zu schätzen als die bestimmter Interessengruppen, etwa Nationen oder Unternehmen. Sie setzt voraus, sich von konventionellen Moralvorstellungen freimachen zu können, Neues, andere Perspektiven, vorurteilslos in Betracht ziehen zu können und sich für deren Geltung einzusetzen. Es ist ganz offensichtlich, dass es nur einer dementsprechend sozialisierten, geläuterten Persönlichkeit möglich ist, die hierfür notwendigen Eigenschaften wie Besonnenheit, Gleichmut, Unbeirrbarkeit und Weitblick aufzubringen, ohne sich von Partikularinteressen und kurzsichtigem, emotionsgeladenem Denken bestimmen zu lassen. Das kann sie nur, wenn die genannten psychodynamischen Bedingungen erfüllt sind.

Fußnoten

13.
Vgl. J. Habermas (Anm. 8).
14.
Vgl. Dolf Sternberger, Verfassungspatriotismus, in: ders., Schriften. Bd. X, Frankfurt/M. 1982; Thomas Schmid, Ein Vaterland der Bürger, in: Die Zeit vom 5.3. 1993. Zur auch bei Mitscherlich betonten sozialisatorischen Bedeutung von Beheimatung vgl. Hans-Joachim Busch, Heimat als ein Resultat von Sozialisation - Versuch einer nicht-ideologischen Bestimmung, in: Wilfried Belschner u.a. (Hrsg.), Wem gehört die Heimat? Beiträge der politischen Psychologie zu einem umstrittenen Phänomen, Opladen 1995.