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2.3.2007 | Von:
Hans-Joachim Busch

Demokratische Persönlichkeit

Identität

Gerade die Frage des Patriotismus berührt aufs Engste unsere Identität. Menschliche Individuen schließen sich sozialen Gruppen- oder Groß-Identitäten (Kirchen, Nationen) an und fügen sich in sie ein. Sie beziehen von dort einen Gutteil ihrer Identität, etwa als Bewohner einer bestimmten Stadt, als Deutscher, Europäer oder als Christ. Mit der Einstellung des Verfassungspatriotismus werden diese herkömmlichen Identitäten aber gerade zugunsten einer weltweiten (universalistischen) Gattungsidentität überwunden. Das ist ein unter dem heute so gängigen Schlagwort der Globalisierung allzu häufig unberücksichtigt bleibender Aspekt. Schon Freud hatte ja, wie wir gesehen haben, einen solchen "Kulturweltbürger" im Blick. Mit einer derartigen universalistischen Identität ist eines gerade nicht gemeint: Dass der Einzelne in den Groß-Identitäten aufgeht. Im Gegenteil: Die Identität einer demokratischen Persönlichkeit bewegt sich in einer ausgewogenen Balance zwischen dem Verfolgen einer individuellen Biographie und den Belangen des Großen und Ganzen. Sie hat stets zwei Seiten, zwischen denen sie ihren Kurs suchen muss - personale und soziale Identität.

Bei aller Flexibilität und Kompetenz, derer es hierfür bedarf, muss aber klar sein, dass Identität gleichzeitig nicht ohne eine tief greifende Bindungserfahrung auskommen kann. Urvertrauen ist, wie der Psychoanalytiker Erik H. Erikson betont hat,[15] die Substanz, ohne die sich Identität nicht ausprägen würde. Sie wird, gleichsam als biographische Wegzehrung, in den frühesten Eltern-Kind-Beziehungen durch das Erleben warmer, hingebungsvoller Zuwendung erworben. Und sie sorgt, wie Alexander Mitscherlich hervorhob,[16] für die nötige Beheimatung in der Welt, eine Beheimatung, die uns überhaupt erst gestattet, Liebe zu den Menschen und Dingen aufzubringen. Jede demokratische Beteiligung hat hier ihre Wurzel.

Fußnoten

15.
Vgl. Erik H. Erikson, Kindheit und Gesellschaft, Stuttgart 1971(4).
16.
Vgl. A. Mitscherlich (Anm. 3).