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2.3.2007 | Von:
Hans-Jürgen Wirth

Macht, Narzissmus und die Sehnsucht nach dem Führer

Der Wille zur Macht und die Sehnsucht nach dem Führer

Narzissmus ist nicht nur eine der zentralen psychischen Voraussetzungen zur Ausübung von Macht, sondern die Ausübung von Macht ist auch eine wirkungsvolle Stimulanz für das narzisstische Selbsterleben. Wer erfolgreich seinen Willen durchzusetzen vermag, fühlt sich narzisstisch gestärkt. Menschen, die unter einem gestörten Selbstwertgefühl leiden, entwickeln häufig als Bewältigungsstrategie ein übersteigertes Selbstbild, das durch die Ausübung von Macht eine Stärkung erfährt. Beispielsweise kommt es in Paarbeziehungen häufig vor, dass der eine Partner - von untergründigen Selbstwertzweifeln geplagt - ständig versucht, den anderen zu dominieren. Er zwingt ihm seinen Willen auf, um sich selbst zu beweisen, dass er der Wertvollere, Klügere, Überlegene ist. Bei solchen paardynamischen Machtkämpfen tritt der inhaltliche Aspekt - welche Entscheidungen und Handlungen nun im Einzelnen gefällt werden sollen - mehr und mehr in den Hintergrund zugunsten der bloßen Tatsache, den eigenen Willen wieder einmal durchgesetzt zu haben. Die Machtausübung dient der narzisstischen Gratifikation. Ein Mensch, der stark darauf angewiesen ist, sein labiles Selbstwertgefühl laufend durch demonstrative Beweise seiner Großartigkeit zu stabilisieren, wird sich an die einmal erreichten Positionen klammern, die ihm die Ausübung von Macht gestatten.

Konstellationen, welche die Ausübung von Macht begünstigen, können darin bestehen, dass die Partner besonders bereitwillig sind, sich auf die Bedürfnisse eines pathologischen Narzissten einzulassen, weil dies ihren eigenen pathologischen Wünschen nach Anpassung und Unterwerfung entgegenkommt. Schon Wilhelm Reich hat "zwei narzisstische Typen" unterschieden:[18] Der Typus des phallischen Narzissten zeichnet sich durch eine übersteigerte und demonstrativ zur Schau getragene Selbstsicherheit aus, um damit sein latentes Minderwertigkeitsgefühl zu kompensieren. Ihm könnte man raten: "Mach dich nicht so groß, so klein bist du doch gar nicht." Beim zweiten Typus des Narzissten ist es genau umgekehrt: Er leidet unter einem manifesten Minderwertigkeitsgefühl, hinter dem sich latente Größenphantasien verbergen. Auf ihn trifft das Motto zu: "Mach dich nicht so klein, so groß bist du doch gar nicht." In der Terminologie des Paartherapeuten Willi würde man vom phallischen Narzissten und vom Komplementär-Narzissten sprechen, die sich in einer Kollusion ergänzen können.[19] Das Modell der Kollusion, also des unbewussten Zusammenspiels zweier sich unbewusst ergänzender Partner, trifft auch für die Interaktion zwischen Führer und Großgruppe (Freud spricht von "Masse") zu. Der geltungsbedürftige Führer ist nur dann erfolgreich, wenn er auf ein Publikum trifft, das bereit ist, sein Spiel mitzumachen. Der pathologische Narzissmus des Führers verzahnt sich mit der wie auch immer gearteten Pathologie seiner Interaktionspartner.

Die Sehnsucht nach einem guten, weisen Führer stellt eine Regression, ein Zurückfallen auf eine kindliche Stufe der psychischen Entwicklung dar. In der Kinderzeit waren es die Eltern, die das Leben geordnet haben, die man um Rat fragen und denen man Vertrauen schenken konnte. Wenn es nun in der Gesellschaft der Erwachsenen jemanden gäbe, der, mit natürlicher Autorität ausgestattet, das Leben ordnen würde, dann wäre das aus dieser kindlichen Sicht ein idealer Zustand. Viele Menschen fühlen sich von den Anforderungen und der Komplexität der modernen Gesellschaft überfordert und sehnen sich danach, in einer kindlichen Position zu verharren und Elternfiguren zu haben, einen König, einen guten Führer, die scheinbar wissen, "wo es lang geht", die Entscheidungen fällen und dabei verantwortungsvoll und wohlwollend vorgehen. Der kindliche Wunsch, so verständlich er ist, funktioniert jedoch aus verschiedenen Gründen nicht. So besteht immer die Gefahr, dass die Herrscher ihre Machtposition ausnutzen und gar keine so guten Eltern sind. Auch reale Eltern sind ja nicht immer weise und gütig, sondern häufig auch fehlerhaft und unfähig zu erziehen; in Extremfällen missbrauchen sie ihre Kinder sogar.

In demokratischen Gesellschaften sollte sich die Beziehung zwischen den gewählten Politikern und dem Volk nicht nach dem Muster von Eltern-Kind-Beziehungen strukturieren, sondern ein Verhältnis unter erwachsenen Partner sein. Dies erfordert auch bei der Bevölkerung ein hohes Maß an Mitverantwortung, d.h. auch Geduld, Frustrationstoleranz und Kompromissfähigkeit. Ein Teil der Politikverdrossenheit ist nicht auf das reale Versagen von Politikern zurückzuführen, sondern auf die Enttäuschung, dass demokratische Prozesse grundsätzlich durch langwierige Entscheidungsfindung und Kompromisse charakterisiert sind. Kompromiss- und Konsensbildung haftet immer das negative Image der Halbherzigkeit an. Die Wunschfantasie vom weisen Führer, der mit harter, aber gerechter und klarer Hand eindeutig seine Entscheidungen fällt, entspringt dem Bedürfnis, unter dem Schutz einer allmächtigen Elternfigur gut aufgehoben zu sein.

Wenn das Bedürfnis, sich mächtigen Elternfiguren zu unterwerfen, übergroß wird, kann es sogar dazu kommen, dass sadistische und brutale Diktatoren geliebt und bewundert werden. So wie Kinder ihre Eltern auch dann lieben, wenn diese sie missbraucht oder misshandelt haben, werden auch sadistische Herrscher geliebt. Aus der seelischen Sicht von Kleinkindern ist es immer noch besser, schlechte Eltern zu haben als gar keine. Die Eltern werden von Schuld entlastet, indem die Kinder die Verantwortung für die Schandtaten der Eltern auf sich nehmen und die Eltern von Schuld reinwaschen und idealisieren. Der gleiche Prozess spielt sich zwischen politischen Führerfiguren und ihren Anhängern ab - eine masochistische Unterwerfung, mit der eigene Ängste und Unsicherheiten kompensiert werden.

Pathologische Narzissten sind häufig besonders erfolgreich bei der Durchsetzung ihres eigenen Willens, weil ihnen die Ausübung von Macht innere Stabilität verleiht. Es kommt hinzu, dass die soziale Pathologie, die die narzisstisch gestörte Führerpersönlichkeit im sozialen Feld induziert, von den Spaltungen profitiert, "die innerhalb dieses Feldes bereits vorhanden sind und die Konflikte in der administrativen Struktur der sozialen Organisation widerspiegeln. Intrapsychischer Konflikt und sozialer Konflikt verstärken einander auf diese Weise gegenseitig."[20] Der Mächtige dominiert und unterdrückt die Gruppe, über die er Macht ausübt, nicht nur, sondern umgekehrt befindet sich der Mächtige auch in psychischer Abhängigkeit von den Untergebenen. Wenn er auf die narzisstische Zufuhr, auf die Liebe und Anerkennung durch die Beherrschten angewiesen ist, haben diese unzählige Möglichkeiten, ihn zu manipulieren und auszunutzen. Das starke Bedürfnis des Mächtigen, geliebt und bewundert zu werden, zwingt ihn, den Wünschen der Gruppe nachzukommen und ihre Erwartungen zu erfüllen. Dies gilt sowohl für den Kontakt des Mächtigen mit seinen engsten Mitarbeitern als auch für den mit den Mitgliedern seiner Partei, mit den verschiedenstenLobbyisten bis hin zum Kontakt mit den"verehrten Wählerinnen und Wählern". Eigentlich müsste er überall die Ich-Stärke haben, sich abzugrenzen und seine Entscheidungen unter sachlichen Gesichtspunkten zu treffen, die das Wohl des Ganzen im Auge haben. Seine narzisstische Bedürftigkeit hindert ihn häufig daran.

Fußnoten

18.
Vgl. Wilhelm Reich (1922), Zwei narzisstische Typen, in: ders., Frühe Schriften I. Aus den Jahren 1920 bis 1925, Frankfurt/M. 1977, S. 144 - 152.
19.
Vgl. J. Willi (Anm. 5).
20.
O. F. Kernberg (Anm. 16), S. 27f.