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2.3.2007 | Von:
Thymian Bussemer

Psychologie der Propaganda

Propaganda und Massenpsychologie

Die Hervorbringung moderner, systematisch geplanter und auf das in der Industrialisierung entstandene Massenmediensystem bezogener Propaganda[2] beginnt Ende des 19. Jahrhunderts mit einer Denkschule, die sich bis heute als Massenpsychologie bezeichnet. Zur Zeit ihrer Entstehung um 1880 herum sah sich die Bourgeoisie in den europäischen Ländern zunehmend bedrängt, weil die Arbeiterklasse ihr die kurz zuvor erworbenen sozialen und politischen Mitspracherechte in der Gesellschaft streitig machte. Das Bürgertum reagierte darauf mit einer Abwendung vom bis dahin gültigen liberalen Theorem einer gleichberechtigten Teilhabe aller an der gesellschaftlichen Diskussion, die faktisch seit der Aufklärung jene Doktrin abgegeben hatte, mit der die Bourgeoisie ihre eigenen Mitspracherechte eingefordert hatte. Was sich schon in den Schriften einiger Vordenker abgezeichnet hatte, wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts virulent: Die Herrschaft der öffentlichen Meinung erschien als Herrschaft der Vielen und der Mittelmäßigen: "So beklagt Mill geradezu das 'Joch der öffentlichen Meinung, die 'moralischen Zwangsmittel der öffentlichen Meinung'; und sein großes Plädoyer 'On Liberty' richtet sich bereits gegen die Gewalt der Öffentlichkeit, die bis dahin als Garantie der Vernunft gegen Gewalt überhaupt gegolten hatte. Es zeige sich 'in der Gesamtheit eine wachsende Neigung, die Gewalt der Gesellschaft durch die Macht der öffentlichen Meinung ins Ungehörige auszudehnen'."[3]

Dieses Unbehagen angesichts des Primats der Gleichheit vor der Freiheit transformierte sich zusehends in eine soziologisch und psychologisch verbrämte Massentheorie. Diese war nicht mehr um das liberale Erbe besorgt, sondern hielt den Liberalismus für eine gescheiterte, wenn nicht sogar von Anfang an falsche Lehre. Entsprechend verstand sie sich nicht als Diagnose gesellschaftlicher Fehlentwicklungen, sondern als Handlungswissenschaft, die konkrete Anleitungen zum Weg aus der vermeintlichen Krise liefern und die bedrohte Herrschaft der Eliten sichern helfenwollte. Zu ihrem Forschungsprogramm erhob die Massenpsychologie das rationale Studium des Irrationalen: Ihre Vertreter gaben vor, die Gesetzmäßigkeiten innerer psychologischer Prozesse aufdecken und in ein wissenschaftlich fundiertes, sozialpsychologisches System überführen zu können. Die Industrialisierung und die durch sie ausgelösten Prozesse wurden als Ursache für die herrschende gesellschaftliche Anomie begriffen. Das Gegenbild zum rationalen, aufgeklärten Menschen war im Denken von Autoren wie Gabriel Tarde, Gustave Le Bon oder Scipio Sighele nicht mehr der in (vor)feudalen Stammeszusammenhängen gefangene, unaufgeklärte Mensch, sondern die "Masse": "Mit der Transformation der Gesellschaft zur Massengesellschaft tritt somit an die Stelle des aufgeklärten, selbstkritischen und autonomen Individuums in der Tradition des von der Aufklärung entwickelten Menschenbildes die Persönlichkeit des 'Gefolgsmenschen'. Dieser kompensiert im Interesse der Erhaltung von Orientierungsfähigkeit in einem undurchsichtig gewordenen gesellschaftlichen System den real erfahrenen Sinnverlust seiner selbst durch die unkritische Subordination in die seiner Disposition entzogenen Sozialbeziehungen und durch die Überidentifikation mit von außen stammenden Wertsystemen und Normen."[4]

Prominentester Vertreter dieser neuen Denkrichtung war der französische Arzt Gustave Le Bon, der behauptete, verstanden zu haben, nach welchen Regeln Massen funktionierten und wie man sie manipulieren könne.[5] Le Bon gelang es, seine auf Alltagserfahrungen beruhenden Erkenntnisse als wissenschaftliche Beobachtungen auszugeben: Plötzlich war ein Programm verfügbar, mit dem sich die traditionelle Ordnung der Gesellschaft wiederherstellen ließ. Dazu mussten nur die Massen so manipuliert werden, dass sie sich dem Willen der Eliten fügten. Das Mittel dazu hieß Propaganda: "Die Kenntnis der Psychologie der Massen", schrieb Le Bon, "ist heute das letzte Hilfsmittel für den Staatsmann, der diese nicht etwa beherrschen - das ist zu schwierig geworden -, aber wenigstens nicht allzu sehr von ihnen beherrscht werden will. Die Massenpsychologie zeigt, wie außerordentlich wenig Einfluß Gesetze und Einrichtungen auf die ursprüngliche Natur der Massen haben und wie unfähig diese sind, Meinungen zu haben außer jenen, die ihnen eingeflößt wurden; Regeln, welche auf rein begrifflichem Ermessen beruhen, vermögen sie nicht zu leiten. Nur die Eindrücke, die man in ihre Seele pflanzt, können sie verführen."[6]

Damit war ein Programm umrissen, das für die nächsten fünfzig Jahre den Grundstein propagandistischen Denkens bilden sollte. Bei Le Bon finden sich erstmals Züge des später so mächtigen Gedankens, dass diejenigen, denen es gelingt, kollektive Phantasien, Bilder und Images zu kreieren und in Umlauf zu bringen, auch diejenigen sein werden, die das kollektive Bewusstsein kontrollieren können. Serge Moscovici spricht von drei Elementen, die "in der Massenpsychologie so gut wie invariant bleiben werden: Zuerst die Macht der Idee, von der alles abhängt, dann der unmittelbare Übergang vom Bild zur Handlung und schließlich die Vermengung von erlebter und suggerierter Wirklichkeit."[7] Die Herrschaft über die propagandistisch aufgeladenen Bilder fällt im Denken der Massenpsychologie einem Führer zu, der mittels charismatischer Herrschaft die Massen "bändigen" kann.

Ihren ersten großen Praxistest durchlief die auf der Massenpsychologie basierende Propaganda bei der nationalen Mobilisierung im Ersten Weltkrieg. Dieser wird vielfach nicht nur als erster moderner Propagandakrieg beschrieben, sondern auch als ein Krieg, in dem Propaganda ein bislang unbekanntes Ausmaß an Ideologisierung durchlief. "Kultur gegen Zivilisation", "Freiheit gegen Sklaverei", "Selbstbestimmung gegen Imperialismus" - auf der Klaviatur solch dramatisierender Kontraste wurde von allen Parteien kräftig gespielt, wobei Briten und Amerikaner um einiges erfolgreicher waren als Deutsche und Österreicher. Übereinstimmend hielten die Strategiepapiere aller kriegführenden Generalstäbe fest, es gehe darum, den Massen bestimmte Botschaften "einzuhämmern".

Die hinter diesem Programm stehenden sozialpsychologischen Überlegungen waren zu diesem Zeitpunkt schon einer mehrfachen konzeptionellen Revision unterzogen worden. 1916 hatte Wilfred Trotter die These entwickelt, dass Menschen ähnlich wie Tiere auf äußere Reize reflexhaft mit einem festgelegten Repertoire von Antworten reagieren,[8] während Sigmund Freud 1921, drei Jahre nach Kriegsende, in seiner Schrift "Massenpsychologie und Ich-Analyse"[9] die Theorien Le Bons mit seinen Überlegungen zur Rolle des Unterbewussten zusammenführte. Diese beiden Verzweigungen der Massentheorie - ein biologistischer Diskursstrang auf der einen und eine Wendung ins Tiefenpsychologische auf der anderen Seite - sollten die Auseinandersetzung um die Psychologie der Propaganda in den 1920er und 1930er Jahren bestimmen. Gerade Deutschland wurde in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Ausgang im deutschen Nachkriegsdiskurs maßgeblich auf ein "Propagandadefizit" zurückgeführt wurde, zum Laboratorium für die Weiterentwicklung von Propagandatheorien. Wissenschaftler wie der Soziologe Johann Plenge,[10] der Werbetheoretiker Hans Domizlaff[11] - auf den das bizarre Postulat zurückgeht, man müsse "ins Gehirn der Masse kriechen" - oder auch der Zeitungskundler Edgar Stern-Rubarth[12] arbeiteten an einer Weiterentwicklung und Verfeinerung des Propagandainstrumentariums. Beflügelt wurden dieses Diskussionen auch von den Impulsen, die damals von der modernen Werbung, der Psychotechnik und anderen Denkschulen ausgingen.

Fußnoten

2.
Propaganda als Kommunikationstechnik ist wesentlich älter. Die Prägung des Begriffs geht zurück auf die "sacra congregatio de propaganda fide", eine Gründung des Papstes Gregor XV. aus dem Jahre 1622. Diese Akademie des Vatikans hatte die Aufgabe, sich im Zuge der Gegenreformation systematisch damit zu beschäftigen, wie die römisch-katholische Kirche ihre Missionstätigkeit professionalisieren könnte. Der lateinische Begriff "propagare" (ausbreiten, fortpflanzen) wurde hier erstmalig auf den Bereich der Kommunikation angewandt.
3.
Jürgen Habermas (1962), Strukturwandel der Öffentlichkeit, Neuwied-Berlin 1971, S. 162.
4.
Wolfgang Joußen, Massen und Kommunikation. Zur soziologischen Kritik der Wirkungsforschung, Weinheim 1990, S. 33f.
5.
Vgl. Gustave Le Bon (1895), Psychologie der Massen, Stuttgart 1982.
6.
Ebd., S. 6.
7.
Serge Moscovici (1981), Das Zeitalter der Massen. Eine historische Abhandlung über die Massenpsychologie, München-Wien 1984, S. 115.
8.
Vgl. Wilfred Trotter, Instincts of the Herd in Peace and War, London 1916.
9.
Sigmund Freud (1921), Massenpsychologie und Ich-Analyse. Die Zukunft einer Illusion, Frankfurt/M. 1995.
10.
Vgl. Johann Plenge, Deutsche Propaganda. Die Lehre von der Propaganda als praktische Gesellschaftslehre, Bremen 1922.
11.
Vgl. Hans Domizlaff, Propagandamittel der Staatsidee, Altona 1932.
12.
Vgl. Edgar Stern-Rubarth, Die Propaganda als politisches Instrument, Berlin 1921.