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2.3.2007 | Von:
Thymian Bussemer

Psychologie der Propaganda

Schwache Propagandawirkungen

Propaganda kann demzufolge nicht aus dem Nichts heraus agieren und völlig neue Themen auf der Agenda platzieren. Vielmehr muss sie an Stimmungen und Themen anknüpfen, diese bündeln und zuspitzen. Trifft diese Wirkungsvermutung zu, ist Propaganda nur noch zur Hälfte der Agent der sie betreibenden Gruppen. Zur anderen Hälfte wird sie zur Ausdrucksform von Bedürfnissen der Empfänger. Sie ist also ein Medium, in dem Interessen verhandelt werden, und sie kann nur Erfolg haben, wenn sie authentische Interessen "von unten" vertritt. Diese Reziprozität - die Antizipation von vorhandenen Interessen durch Propagandisten und die Akzeptanz und Weiterverbreitung der auf siezugeschnittenen Propagandabotschaften durch die Rezipienten - ist nach heutigem Verständnis der eigentliche Kern der Propagandakommunikation. Das bedeutet, dass sie keine Inhalte doktrinär verordnen, sondern nur Bedeutungen verhandeln kann - im Guten wie im Schlechten.

"Die Idee, man könne die Menschen mit klug dosierten und programmierten kommunikativen Angeboten zu irgendwelchen gewünschten Verhaltensweisen nötigen, ist zum einen autoritär, vor allem aber illusionär. Weder politische Beteiligung noch innere Sammlung, noch die Zuwendung zur Schriftkultur sind durch eine kommunikative Angebotsplanung erzwingbar; der Spieltrieb, die Zerstreuungssucht, die sinnlichen Kommunikationsbedürfnisse sind nur von innen, nicht von außen domestizierbar. (...) Es weht der kalte Wind der Selbstverantwortung. Jeder muß selbst entscheiden, was er mit seinem Mittwochabend macht. Er hat viele Optionen; auch die Option zur dumpfen Wiederholung des Gewohnten. Der kalte Wind macht nicht automatisch klar im Kopf. Aber per Saldo ist er gesünder als die kontrollierte und gelegentlich feuchtwarme Temperatur eines betreuten Biotops."[29]

Um so zu urteilen wie hier Peter Glotz, bedarf es eines gerüttelten Maßes an Vertrauen in die Mündigkeit der Menschen, das freilich nicht mit einem kommunikationspolitischen Laissez-faire verwechselt werden sollte. Das Publikum wird in dieser Konzeption zwar persuasiver Kommunikation ausgesetzt, Medienpolitiker und Kommunikationswissenschaftler setzen aber darauf, dass es sich davon nicht nachhaltig irritieren lässt. Die Erkenntnisse der Psychologie, die über Propagandawirkungsprozesse vorliegen, deuten darauf hin, dass dieses Vertrauen gerechtfertigt sein könnte. Hier verschränken sich die zum Teil widersprüchlichen Ergebnisse der Propagandapsychologie und die daraus abgeleiteten Konstitutionsbedingungen demokratischer Öffentlichkeit zu einem demokratiepolitischen Dilemma: Die Akzeptanz von Propaganda in der modernen Gesellschaft wird vor allem durch die Annahme legitimiert, dass Propaganda nur schwache Wirkungen beim Publikum auslöst, weil ein pluralistisches Mediensystem, ein autonomer Journalismus und die politische Bildungsarbeit zur Begrenzung der Wirkungsmacht von Propaganda beitragen. Den Beweis dafür, dass diese Hypothese zutrifft, ist die Medienwirkungspsychologie aber bislang schuldig geblieben.

Fußnoten

29.
Peter Glotz, Die beschleunigte Gesellschaft. Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus, München 1999, S. 210.