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2.3.2007 | Von:
Wolfgang Frindte
Siegfried Preiser

Präventionsansätze gegen Rechts-
extremismus

Evaluationskonzept und Qualitätssicherung

Evaluation bedeutet die Bewertung eines Sachverhalts nach bestimmten Kriterien. Man unterscheidet eine "formative" Begleitevaluation, bei der Erfahrungen während der Umsetzung ausgewertet und unmittelbar zu Optimierungen herangezogen werden, und eine "summative" Wirkungsevaluation, mit der nachweisbare Effekte festgestellt werden, beispielsweise eine Verringerung fremdenfeindlicher Einstellungen oder ein Rückgang von Gewalttaten. Wirkungsevaluationen benötigen klar definierte und beobachtbare Erfolgskriterien. Bei quantifizierbaren Kriterien wird vielfach die "Effektstärke" als Vergleichsmaß für die Wirkung einer Präventions- oder Interventionsmaßnahme herangezogen.[18]

Für eine aussagekräftige Wirkungsevaluation gilt eine Reihe von Anforderungen. 1. Es muss definiert werden, welche Wirkungen erzielt werden sollen. 2. Um Veränderungen zu erfassen, müssen die Ausprägungsgrade der Erfolgskriterien vor und nach der Maßnahme erhoben werden. 3. Um sicherzustellen, dass beobachtbare Veränderungen auf die Maßnahme zurückzuführen sind und nicht auf anderweitige Einflüsse, müssen Veränderungen auch bei einer Kontrollgruppe erfasst werden, die nicht an dieser Maßnahme teilnimmt. 4. Im Idealfall werden die untersuchten Personen per Zufall der Interventionsgruppe und der Kontrollgruppe zugeteilt. Zumindest muss deren Vergleichbarkeit gesichert sein. Nur so lässt sich ausschließen, dass weitere, nicht kontrollierte Einflüsse für die Unterschiede verantwortlich sind. 5. Um Voreingenommenheiten möglichst wenig Raum zu geben, sollten Evaluationsstudien durch neutrale wissenschaftliche Einrichtungen durchgeführt werden. 6. Die Effekte müssen durch statistische Signifikanzprüfungen abgesichert werden, um sicherzustellen, dass die Unterschiede nicht auf zufälligen Einflüssen beruhen. 7. Schließlich soll die Effektstärke quantifiziert werden, möglichst im Vergleich zu einer Kontrollgruppe.

Bei der Qualitätssicherung geeigneter Projekte gegen Rechtsextremismus stößt man auf vielfältige Probleme, die im Folgenden kurz erläutert werden.

Komplexität: Auch wenn es ganz unterschiedliche Erklärungsansätze für Rechtsextremismus gibt, herrscht in der Forschung doch Einigkeit darüber, dass rechtsextremistische Gewalt aus einem komplexen Zusammenwirken zahlreicher gesellschaftlicher, familiärer, individueller und situativer Einflüsse entsteht. Präventions- und Interventionsansätze sollten deshalb auf verschiedenen Ebenen ansetzen, beispielsweise durch eine Vernetzung von Schule, Polizei, Sozialarbeit und Jugendhilfe. Komplex angelegte Ansätze erscheinen besonders Erfolg versprechend, sind aber auch am schwersten zu evaluieren.

Spezifität: Projekte gegen Rechtsextremismus müssen die regionalen Bedingungen, die lokalen Risiko- und Schutzfaktoren, die involvierten Gruppen und Institutionen berücksichtigen. Insofern ist es - wie im neuen Aktionsprogramm vorgesehen - durchaus folgerichtig, die Verantwortung für die Maßnahmen auf die unteren (lokalen bzw. kommunalen) Ebenen zu verlagern. Dort fehlen allerdings Fachleute der Qualitätssicherung, die Erfolgsaussichten verlässlich beurteilen könnten. Für kleinere lokale Projekte sind auch systematische wissenschaftliche Evaluationen kaum zu finanzieren. Schließlich sind die Projekterfahrungen nicht unbedingt auf andere Orte übertragbar.

Vergleichbarkeit: Es gibt Programme, die fremdenfeindliche Einstellungen zwar nicht verringern, aber die Rate rechtsextremistischer Gewaltkriminalität senken. Es gibt Programme, die zwar nicht die Zielgruppe rechtsextremer Jugendlicher erreichen, aber das demokratische Bewusstsein und gesellschaftliche Engagement der ehrenamtlichen Helfer fördern. Sind das nun gute oder schlechte Programme? Nicht erst die Effekte, auch die Präventionsziele und Zielgruppen liegen auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Deshalb lassen sie sich schwer vergleichen. Dennoch gibt es gemeinsame Anforderungen, die alle Programme zu erfüllen haben (s.unten).

Innovative Konzepte: "Die Wichtigkeit von Evaluationen darf (...) nicht dazu führen, dass nur bereits evaluierte Projekte gefördert werden; für innovative Modelle und für Pilotprojekte muss Raum bleiben. Auch gibt es immer wieder Situationen, in denen gehandelt werden muss, ohne dass die verfügbaren Strategien bereits evaluiert sind."[19] Auch wenn Evaluationsergebnisse für geplante Projekte noch nicht vorliegen, sollten Erfolg versprechende Programme und Maßnahmen umgesetzt bzw. fortgeführt werden können. Andererseits sollten wissenschaftliche Grundsätze und Erfordernisse nicht politischem Aktionismus geopfert werden, weil bei womöglich ausbleibenden Effekten Ressourcenverschwendung und Enttäuschungen drohen. Um auch innovativen Konzepten eine Chance zu geben, müssen deren Erfolgschancen vorab auf der Basis von praktischen Erfahrungen und wissenschaftlichen Theorien bewertet werden.

Fußnoten

18.
Vgl. z.B. Andreas Beelmann/Michael Saur/Diana Schulze, Präventionserfordernisse bei ideologiemotivierter Devianz, in: Rudolf Egg (Hrsg.), Extremistische Kriminalität: Kriminologie und Prävention, Wiesbaden 2006.
19.
BMI/BMJ (Anm. 16), S. 684.