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12.2.2007 | Von:
Bohdan Hud

Das ukrainisch-polnische Verhältnis

Von der Kiewer Rus zur Kosakenrevolution

In den ersten Jahrhunderten waren die Beziehungen zwischen der Kiewer Rus und Polen nicht von Feindschaft gekennzeichnet. Die Beziehungen zwischen den Herrschern fügten sich in das damals übliche Schema der auswärtigen Politik ein; sie waren durch Fehden zwischen den Fürsten wie durch Bündnisse und Koalitionen zwischen Feinden von gestern gekennzeichnet.

Die Gleichwertigkeit der Beziehungen zwischen den beiden größten Staaten Mittelosteuropas wurde durch den verheerenden Tatareneinfall der "Goldenen Horde" 1240/41 nachhaltig gestört. Die Rus, in einzelne Fürstentümer aufgeteilt, errang die verlorene Macht nie mehr zurück. Dem polnischen Königreich dagegen gelang es, den Tatarenansturm zurückzuschlagen. Danach entwickelte es sich in allen Bereichen des staatlichen und kulturellen Lebens. Unter den Bedingungen der Krise der ruthenisch-ukrainischen Staatlichkeit annektierte Polen schließlich im Jahre 1387 Galizien, das mit Unterbrechungen bis 1939 Bestandteil des polnischen Staates bleiben sollte.

In den folgenden Jahrhunderten erwies sich die Politik der litauischen Fürsten, nach Osten vorzustoßen, als sehr erfolgreich. Sie schufen ein gewaltiges Reich, das von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichte und in dem die litauischen Gebiete nur ein Zehntel des gesamten Territoriums ausmachten. Den Rest bildeten die weißrussischen und ukrainischen Länder. In dieser Lage wurde dank gelungener Diplomatie auch das Vordringen Polens nach Osten möglich. Litauen war gezwungen, seine östlichen Grenzen zunächst vor den Überfällen der Tataren, später gegen den Moskauer Staat zu schützen, und suchte Unterstützung bei seinem westlichen Nachbarn. Die im Jahre 1385 in Krevo geschaffene Union zwischen dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen begründete ein dynastisches Bündnis zwischen beiden Staaten, das im Jahre 1413 durch die Union von Horodlo vertieft wurde. Damit waren die Grundlagen fürdie Vorherrschaft des polnisch-litauischen Elements im künftigen Vielvölkerstaat geschaffen, da mit der Union die Privilegien der litauischen Herrscher römisch-katholischen Glaubensbekenntnisses festgeschrieben und die ruthenischen Eliten von der Macht ferngehalten wurden.[3]

Die endgültige Herausbildung dieser Rzeczpospolita (res publica) wurde anderthalb Jahrhunderte später vollendet. Der neue Staat entstand als Folge der Union von Lublin im Jahre 1569. Zu seiner größten Schwäche sollte die Abwesenheit des dritten, ruthenischen "Elementes" in der Föderation "zweier Völker" werden. Dieser Umstand wurde immer wieder zum Anlass heftiger ukrainisch-polnischer Konflikte, welche 1596 zur religiösen Union zwischen der ukrainischen orthodoxen und der römisch-katholischen Kirche führte und das Entstehen der "Unierten" - später "Griechisch-Katholischen" - Kirche sowie neue Spaltungen innerhalb der ukrainischen Gesellschaft zur Folge hatte.

Gleichwohl hatte die Union von Lublin für die ukrainischen Länder nicht nur negative Folgen, waren sie doch nun mehrheitlich im Rahmen eines einzigen staatlichen Organismus vereint, was die Bindungen zwischen dem Westen und dem Osten der Ukraine stärkte. Mehr noch, der Beitritt zu einem Staatswesen, das unter dem Einfluss europäischer kultureller Prozesse stand, bedeutete die Übertragung dieser Einflüsse auch auf die ukrainischen Länder. Nicht von ungefähr waren das Ende des 16. und der Beginn des 17. Jahrhunderts eine Periode der Entwicklung der Bildung und des Buchdrucks, der Architektur, der Literatur und der bildenden Künste. Außerdem gehörte die Rzeczpospolita, in der die Feuer der Inquisition nicht brannten und in der neben der römisch-katholischen Kirche weiterhin die orthodoxe bestand und sich der Protestantismus entfalten konnte, unter religiösem Aspekt damals zu den tolerantesten Staaten Europas.

Die Nachfahren der litauisch-ruthenischen Fürsten- und Bojarengeschlechter wurden im Laufe von zwei bis drei Generationen latinisiert, indem sie die westliche, europäische Kultur, polnisch vermittelt, übernahmen. Durch den Übergang zum Katholizismus verloren die ruthenischen Eliten jedoch die Verbindung zu breiten Schichten der "rzeczpospolitischen" ruthenischen Bevölkerung. Sie verschmolzen organisch mit dem Milieu der polnisch-litauischen Aristokratie und genossen die "goldenen Freiheiten" der Adelsimmunität. Wie der polnische Schriftsteller Tadeusz Konwicki treffend bemerkte, "infizierten" die Polen die Ukrainer mit der lateinischen Tradition, während die Ukraine-Rus der Rzeczpospolita einen verwöhnten Magnatenstand übergab, der seinerseits die Polen mit dem Großen Osten "ansteckte".[4] Es sollte aber auch hervorgehoben werden, dass viele Vertreter des mittleren und kleinen ruthenisch-litauischen Adels der orthodoxen Kirche treu blieben oder sich, wie in Wolhynien und Galizien, dem Protestantismus anschlossen.

Während sich der litauisch-ruthenische Adel geradezu organisch in die Struktur der Rzeczpospolita einfügte, geriet das Zaporoger Kosakentum in ständig neue Konflikte mit den politischen und wirtschaftlichen Eliten. Die Rolle des Kosakentums wuchs in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts rasch an. In dieser Zeit entstanden in der Ukraine zahlreiche Adelsgüter, in denen Getreide angebaut und Vieh für den Verkauf gezüchtet wurde. Gute und rasche Erwerbsmöglichkeiten spornten die Großgrundbesitzer an, ihre Ländereien auszuweiten und die ukrainischen Bauern zu Leibeigenen zu machen. Diese Vorgänge spitzten sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts zu, als Westeuropa, während es vom Dreißigjährigen Krieg verwüstet wurde, zum Hauptabnehmer von ukrainischem Brot und Fleisch aufstieg. Die Bauern versuchten, sich der Leibeigenschaft zu entziehen. Viele flohen in die unbesiedelten Steppengebiete, etwa in das "Land hinter den Stromschnellen" (Zaporizzja), wo sie sich den Kosaken anschlossen. Hier liegt die Ursache für zahlreiche Aufstände der Kosaken-Bauern. Ferner begünstigte der Beitritt von Vertretern des ukrainischen Adels zum Kosakentum dessen Umwandlung in eine mächtige militärisch-politische Organisation, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts an der Spitze der ukrainischen religiösen und sozialen Bewegung stand.

Vor allem die mächtigen Fürsten des Grenzgebietes wollten das ukrainische Kosakentum vernichten. Die kosakischen quasistaatlichen und sozialen Strukturen bildeten für sie das Haupthindernis für die völlige Unterwerfung der ukrainischen Gebiete. Der Konflikt zwischen dem Magnatentum und den Kosaken drohte sich zu einem nationalreligiösen und sozialen ukrainisch-polnischen Konflikt mit tragischen Folgen für beide Völker auszuweiten. Vorboten der künftigen Katastrophe wurden die Kriege zwischen den Kosaken und dem Adel in den 1620er und 1630er Jahren, die sich zur ukrainischen Revolution unter Führung von Bohdan Chmel'nyc'kyj auswuchsen. Es wurde deutlich, dass alle Schichten des ukrainischen Volkes - vom Adel und der höheren Geistlichkeit bis hin zu den Bauern - die Grundlagen der Union von Lublin kategorisch ablehnten. Das 1569 ignorierte "dritte Element" der polnisch-litauischen Föderation drängte nun auf einen eigenen Staat. Selbst die weitgehende Autonomie der Wojewodschaften von Kiew, Tschernihiw und Brac?aw nach dem Abkommen von Zboriv 1649 konnte es nicht zufrieden stellen. Chmel'nyc'kyj strebte danach, ein ruthenisches Fürstentum in den Grenzen der ehemaligen Kiewer Rus einschließlich Galiziens zu errichten. Das war für die polnische Seite nicht annehmbar.

Fußnoten

3.
Vgl. Karol Grünberg, Sprengel Boles?aw. Trudne sasiedztwo. Stosunki polsko-ukrain'skie w X-XX wieku, Warschau 2005, S. 38.
4.
Kazimierz Podlaski, Bilorusy - litovci - ukrajinci: nasi vorohy cy braty?, München 1986, S. 147.