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12.2.2007 | Von:
Bohdan Hud

Das ukrainisch-polnische Verhältnis

Gegenspieler Moskau

Einige Jahre erbitterten Krieges brachten keiner Seite den Sieg. Auf der Suche nach Unterstützung unterschrieb Chmel'nyc'kyj 1654 in Perejaslaw ein Abkommen mit Russland, das dessen Protektorat über das Saporoscherheer vorsah. Dieses Abkommen, mit dem sich die Kosaken der russischen Herrschaft unterstellten, hatte fatale Folgen für die Ukraine und ebenso für Polen. Es zog das Moskowitische Reich in die osteuropäische Politik hinein, half jedoch den Kosaken nicht, ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen. Mehr noch, es schuf die bedrohliche Aussicht, dass die polnische Herrschaft nur durch die Moskauer Despotie abgelöst wurde. Das Abkommen von Hadjac zwischen der Ukraine und Polen, welches endlich auch das "dritte Element" in der Rzeczpospolita berücksichtigen sollte, erwies sich sehr bald als Fehlschlag. Nach einem erbitterten Bürgerkrieg mit schrecklichen Verbrechen auf beiden Seiten wurde das Abkommen weder in Polen noch in der Ukraine angenommen.

In erster Linie profitierte Moskau davon. Gemäß dem 1667 im Dorf Andrusovo in der Nähe von Smolensk unterzeichneten Waffenstillstand zwischen dem Zarenreich und der Rzeczpospolita fielen die ukrainischen Gebiete auf dem linken Ufer des Dnipro (das "Linksufrige", livoberezzja) an Moskau. Die rechtsufrige Ukraine (pravoberezzja) verblieb formell unter dem Einfluss Polens. Indes endete der Kampf um dieses Gebiet erst nach dem Nordischen Krieg 1711, als es erneut ein fester Bestandteil des polnischen Staates wurde.

Die neuerliche Annexion des rechtsufrigen Gebietes begünstigte die polnischen Großgrundbesitzer, die ihre gewaltigen Latifundien rasch wiederherstellten. Für die Rzeczpospolita blieben diese Ländereien der Quell eines beständig schwelenden religiösen und sozialen Konfliktes. Die ukrainischen Bauern im rechtsufrigen Gebiet revoltierten mehr als einmal gegen die polnische Adelsherrschaft; diese Unruhen gingen als Hajdamakenaufstände in die Geschichte ein. Unordnung und Anarchie, die unter den Bedingungen einer schwachen Königsherrschaft und adliger Willkür auf diesen Ländereien herrschten, lieferten den Russen immer wieder geeignete Anlässe, sich in die inneren Angelegenheiten der Rzeczpospolita einzumischen und eine Politik des divide et impera durchzuführen, indem sie die ukrainische orthodoxe Bevölkerung gegen Katholiken und Unierte unterstützte.

Schlagendes Beispiel einer solchen Politik wurde der groß angelegte Hajdamakenaufstand im Jahre 1768, ausgelöst durch prorussische Kräfte, die Kolijivscyna (Kolij, "großes Messer"). Zu Opfern des Gemetzels, das dieHajdamaken verübten, wurden Tausende aus der polnischen, ukrainischen (unierten) und jüdischen Bevölkerung der rechtsufrigen Ukraine. Unter dem Vorwand, Ordnung in den Territorien zu schaffen, die unmittelbar an das Russische Reich grenzten, ließ Zarin Katharina II. russische Truppen einmarschieren und unterdrückte die Kolijivscyna. Einige Jahre später führte sie gemeinsam mit Preußen und Österreich die erste Teilung der Rzeczpospolita durch. Auf die erste Teilung folgten die zweite (1793) und die dritte (1795) Teilung Polens, und der gewaltige Vielvölkerstaat hörte auf zu bestehen.[5] Als Folge der Teilungen gelangte fast die gesamte rechtsufrige Ukraine an das Russische Reich, mit Ausnahme Ostgaliziens mit dem Zentrum in L'viv (Lemberg) und der nördlichen Bukowina mit Cernivci (Czernowitz), die an die Österreichische Monarchie fielen.

Bis in die jüngste Zeit vertrat man in der ukrainischen Geschichtsschreibung die Ansicht, dass mit dem Wandel der staatlichen Zugehörigkeiten der ukrainisch-polnische Konflikt nur in Ostgalizien überdauerte. In den Gebieten der rechtsufrigen Ukraine unter russischer Herrschaft, die Anfang des 19. Jahrhunderts in die Kiewer, Podolische und Wolhynische Gubernie aufgeteilt wurden, sei dagegen der ukrainisch-russische Konflikt zum dominierenden geworden. Doch in den vergangenen Jahren erlangte die Konzeption des ukrainischen Emigrationshistorikers Ivan Lysjak Rudnyc'kyj[6] und des französischen Forschers Daniel Beauvois[7] immer breitere Beachtung, wonach sich in Kiew, Podolien und Wolhynien bis zum Ende des Ersten Weltkrieges ein heftiger ethnosozialer Konflikt zwischen den polnischen Großgrundbesitzern und dem ukrainischen Kleinbauerntum gehalten habe. Der Anlass dafür lag darin, dass die russische Regierung, nachdem sie die polnisch-litauische Staatlichkeit aufgelöst hatte, auf regionaler Ebene gezwungen war, auf die Erfahrungen des polnischen Adels zurückzugreifen und ihn in das System der lokalen Selbstverwaltung einzubeziehen, wobei sie den Polen die Mehrheit der Posten in den Gubernien (Gouvernements) und Kreisen überließ. Auch wurden die Rechte der polnischen Großgrundbesitzer auf die Ländereien bestätigt, die sich in ihrer Verfügung befanden, zusammen mit den bäuerlichen Leibeigenen.[8] Auf diese Weise blieben die polnischen Einflüsse in der rechtsufrigen Ukraine weitgehend erhalten, und auch die feudalen Strukturen, die sich im 17. und 18. Jahrhundert herausgebildet hatten, wurden konserviert.

Erfolgreich betrieb die Zarenregierung weiterhin eine Politik des divide et impera. Einerseits brachte sie die orthodoxe ukrainische Bevölkerung gegen die katholischen Polen auf, besonders während der polnischen Aufstände 1830/31 und 1863/64, andererseits leistete sie den polnischen Großgrundbesitzern tätige Hilfe bei der Unterdrückung der antifeudalen Bauernbewegungen. Insgesamt gelang es dem Zaren, dank einer rücksichtslosen Unterdrückung, der die polnischen Großgrundbesitzer ihre ukrainischen Untergebenen aussetzten, die Masse der Bauern auf ihre Seite zu ziehen. Diese traten aktiv auf der Seite der Russen im Kampf gegen die adligen Revolutionäre auf, besonders während der Jahre 1863 und 1864. Prorussische Haltungen nahm auch die schmale ukrainische Intelligenz ein, die den Weg der direkten Zusammenarbeit mit der zaristischen Regierung einschlug, um den polnischen Einfluss in der Ukraine zu bekämpfen.

Vorherrschend war indes nicht der nationale, sondern der ethnosoziale Konflikt, da im absolutistischen Zarenreich offene Äußerungen nationalen Selbstbewusstseins und nationaler Gegensätze unmöglich waren. Stattdessen schwelte der Konflikt in der Ukraine auf dem Lande und brachte sich ständig mit bäuerlichen Unruhen in Erinnerung, deren zwischenzeitlicher Höhepunkt in die Jahre der russischen Revolution 1905 - 1907 fällt. Sein endgültiger Austrag fällt in die letzten Jahre des Ersten Weltkrieges, als nach der demokratischen Februarrevolution von 1917 der Bauernaufstand in Russland den polnischen Großgrundbesitz völlig vernichtete.[9]

Fußnoten

5.
Vgl. Leonid Zaskil'njak, Krykun Mykola. Istorija Pol'sci: Vid najdavnisich casiv do nasych dniv, Lemberg 2002, S. 232 - 249.
6.
Vgl. I. Lysjak-Rudnyc'kyj (Anm. 2).
7.
Vgl. Daniel Beauvois, Trójkat ukrain'ski. Szlachta, carat i lud na Wo?yniu, Podolu i kijowszczyz'nie. 1793 - 1914, Lublin 2005, S. 92 - 96.
8.
Vgl. Andreas Kappeler, Rossija - mnogonacional'naja imperija. Vozniknovenije. Istorija. Raspad, Moskau 2000 (russ. Ausgabe von: Rußland als Vielvölkerreich. Entstehung - Geschichte - Zerfall, München 1993 2 ), S. 65.
9.
Vgl. Bohdan Hud', Zahybel' Arkadiji. Etnosocial'ni aspekty ukrainis'ko-pol's'kych konfliktiv XIX - persoji polovyny XX stolittja, Lemberg 2006, S. 243 - 306.