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12.2.2007 | Von:
Bohdan Hud

Das ukrainisch-polnische Verhältnis

Ethnopolitische Konflikte

In den Jahren 1918 bis 1921 war das ukrainisch-polnische Verhältnis von den bilateralen Beziehungen zwischen ihren neu entstandenen Staaten geprägt. Der nächste Konflikt, nun von ethnopolitischem Charakter, schien unvermeidlich. Es ging um die umstrittenen Territorien der rechtsufrigen Ukraine, die von einer gemischten ukrainisch-polnischen Bevölkerung besiedelt waren. Der Kampf umdas Territorium und die Grenzen zwischen der Ukrainischen Volksrepublik (UVR) mit dem Zentrum in Kiew und Polen (II.Rzeczpospolita) dauerte bis Ende 1919. Nur die Tatsache, dass sich die Führer der beiden Staaten, Symon Petljura und Jozef Pilsudski, der manifesten Bedrohung von Seiten des gemeinsamen Feindes, des bolschewistischen Russlands, bewusst wurden, zwang die Konfliktparteien schließlich zu einem Waffenstillstand.

Der nächste Schritt zu einer Verständigung zwischen der UVR und der Rzeczpospolita wurde ein militärisch-politisches Bündnis, der Warschauer Vertrag von 1920, kraft dessen Polen sich verpflichtete, den Ukrainern bei der Wiedererrichtung eines unabhängigen ukrainischen Staates Hilfe zu leisten. Jedoch endete die gemeinsame antibolschewistische Aktion (Kiewer Feldzug) im selben Jahr mit einem Misserfolg: Ohne die Hilfe des Westens konnten die Verbündeten das bolschewistische Russland nicht überwinden. In dieser Situation unterschrieb Polen im März 1921 in Riga einen Friedensvertrag mit der Russischen Föderation und ihrem Satelliten, der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik (Ukrainische SSR). Polen hatte sich so das östliche Galizien und das westliche Wolhynien gesichert, die in der Zwischenkriegszeit zum Zentrum einer neuen Runde des ukrainisch-polnischen Konfliktes wurden.[10] Dieser westliche Teil der Ukraine wurde 1939 von der Sowjetunion annektiert und der Ukrainischen SSR zugeschlagen.

In Galizien hatten sich die ukrainisch-polnischen Beziehungen seit Mitte des 14. Jahrhunderts entwickelt. Die Dominanz des polnischen Adels führte dazu, dass die galizischen Ukrainer oder Ruthenen praktisch jeden Einfluss verloren. Die Einverleibung Galiziens in die Habsburgermonarchie gereichte den Ruthenen zum Vorteil, denn sie erhielten die Möglichkeit einer zwar begrenzten, aber doch realen national-kulturellen Entwicklung. Der polnische Adel leistete heftigen Widerstand, hatte er doch weiterhin die führenden Posten in der örtlichen Selbstverwaltung wie auch im wirtschaftlichen und kulturellen Lebens des Landes inne. Die Beziehungen zwischen Ruthenen und Polen verschärften sich innerhalb kurzer Zeit. Aus Dankbarkeit gegenüber dem Kaiserthron halfen die galizischen Ukrainer der Regierung im Jahre 1848, den polnischen Aufstand in Lemberg zu unterdrücken. Aber Wien ließ die gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Galizien unverändert und tolerierte ausdrücklich den polnischen Adel, der nach Einführung der galizischen Autonomie 1861 nun sogar die ganze Macht erhielt.

Doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs das nationale Selbstbewusstsein der galizischen Ruthenen. Es bildete sich eine zahlenmäßig starke Schicht der ukrainisch-galizischen Intellektuellen heraus, unter deren Einfluss sich die Bauern immer deutlicher darüber klar wurden, dass die soziale Befreiung Hand in Hand mit der nationalen gehen müsse, und aktiv im Kampf gegen die Allzuständigkeit des polnischen Adels teilnahmen. Ein schlagendes Beispiel für die bäuerliche, gegen den Adel und zugleich gegen die Polen gerichtete Bewegung war der Streik des Jahres 1902, organisiert von der ukrainischen Radikalen Partei. Besonders heftig war der Kampf für das allgemeine und gleiche Wahlrecht und für die Einrichtung der ukrainischen Universität in Lemberg. In seinem Verlauf gab es zahlreiche Opfer auf beiden Seiten. Der Statthalter Galiziens Graf Andrzej Potocki wurde der Wahlfälschung beschuldigt und von dem ukrainischen Studenten Myroslav Sicyns'kyj erschossen. Im Jahre 1910 fiel der Ukrainer Adam Kocko den blutigen Zusammenstößen zwischen ukrainischen und polnischen Studenten an der Universität Lemberg zum Opfer.[11]

1914 erreichte der ukrainisch-polnische Konflikt in Galizien seinen Höhepunkt. Am Vorabend des Krieges konnte die Wiener Regierung ihn nur unter beträchtlichen Anstrengungen beilegen - jedoch nicht für lange Zeit. 1918 brach er mit dem Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie mit neuer Heftigkeit aus. Die in Lemberg am 1. November jenes Jahres proklamierte Westukrainische Volksrepublik (ZUNR) war vom ersten Tage ihres Bestehens an gezwungen, gegen den Aufstand der galizischen Polen zu kämpfen, die bald Hilfe aus Zentralpolen erhielten. In dem erbitterten "Krieg um Lemberg" errangen die Polen den Sieg. Jedoch verwandelte sich dieser Sieg, dessen Ergebnisdie Einverleibung Ostgaliziens in die II.Rzeczpospolita war, in der Zwischenkriegszeit für die Polen in ein ernstes Problem. Die ukrainische Nationalbewegung fand sich mit dem Verlust ihrer Staatlichkeit nicht ab, und die nationale und soziale Politik der polnischen Regierungen trug nicht dazu bei, die Ukrainer wenn schon nicht zu Freunden, dann wenigstens doch nicht zu Feinden des polnischen Staates zu machen.[12] Die polnische Schriftstellerin Maria Dombrowska bemerkte prophetisch, dass der polnische Staat für seine antiukrainische Politik noch "schwer bezahlen werde".[13]

So war es kaum verwunderlich, dass sich die ukrainischen Parteien, die legalen wie die illegalen, ausnahmslos in offener Opposition gegenüber Polen befanden. Besonders aktiv war das Wirken der Organisation ukrainischer Nationalisten (OUN). Massive Terroranschläge der OUN in den östlichen Wojewodschaften der II. Rzeczpospolita schufen in der Zwischenkriegszeit eine gespannte Atmosphäre der offenen ethnopolitischen Konfrontation.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges organisierten die OUN und auch prokommunistische Elemente eine Reihe bewaffneter Überfälle auf die zurückweichenden polnischen Streitkräfte, aber auch auf die Besitztümer polnischer Landeigner und Kolonisten. Andererseits hielten die ukrainischen Soldaten in der polnischen Armee (über 100 000) im Allgemeinen den Fahneneid und die Treue gegenüber dem polnischen Staat bis zum Ende, und ein ukrainischer General wurde sogar mit dem höheren militärischen Orden Virtuti Militari ausgezeichnet.[14]

Zur tragischen Zuspitzung in den ukrainisch-polnischen Beziehungen während des Zweiten Weltkriegs kam es in den Jahren 1943 und 1944. Seine Hauptursache war der Umstand, dass sich die polnische Exilregierung eindeutig dafür aussprach, die Gebiete Galiziens und Wolhyniens auch nach dem Krieg im polnischen Staat zu halten. Die Führung der OUN hingegen verlangte von den Polen, die Territorien als unabhängigen ukrainischen Staat anzuerkennen, der, wie sie meinte, nach einem für Deutschland günstigen Kriegsende entstehen würde. Um den gemischten Bevölkerungscharakter Galiziens und Wolhyniens zu verändern und deren Rückkehr zu Polen zu verhindern, proklamierte die OUN eine "Entpolonisierung" der westlichen Gebiete der Ukraine, nachdem sie die Polen aufgefordert hatte, ihre Heimstätten zu verlassen und in ethnisch polnische Gegenden umzusiedeln. Da diesem Aufruf nur eine unbedeutende Zahl von Polen folgte, begann die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) mithilfe der örtlichen Landbevölkerung, die polnischen Grundbesitzern und Kolonisten zu enteignen. Es kam zu massiven antipolnischen Aktionen. Ihnen fielen in erster Linie friedliche Einwohner polnischer Nationalität zum Opfer. Als Reaktion übten Einheiten der polnischen Heimatarmee (Armija Krajowa/AK) Vergeltung an der ukrainischen Zivilbevölkerung.

Einige ukrainische und polnische Forscher sind der Ansicht, dass das ukrainisch-polnische Gemetzel auf eine Provokation der sowjetischen Geheimdienste zurückzuführen sei. Bewiesen ist, dass sowjetische Partisaneneinheiten, die sich bald als Soldaten der AK, bald als Kämpfer der UPA ausgaben, entweder Polen oder Ukrainer töteten und damit einen brudermörderischen Krieg hervorriefen. Die Hauptlast der Verantwortung dafür liegt jedoch bei Ukrainern und Polen, denen es wie 1920 nicht gelang, sich gegen die gemeinsamen Feinde zu vereinen und so der nazistischen wie der sowjetischen Politik des divide et impera in die Hände spielten. Der Massenmord (auf polnischer Seite kamen zwischen 40 000 und 60 000 Menschen ums Leben, auf ukrainischer über 20 000) an Alten, Frauen und Kindern brachte keiner Seite einen Vorteil. Die Erinnerungen an das "Wolhynische Gemetzel" wurden zu einer Art Mine mit Zeitzünder, die nach der Wiedergeburt eines unabhängigen Polens und einer unabhängigen Ukraine die ukrainisch-polnischen Beziehungen vergifteten.

Fußnoten

10.
Vgl. Andrzej Chojnowski, Ukraina, Warschau 1997, S. 60 - 62.
11.
Vgl. Jaros?aw Hrycak, Historia Ukrainy 1772 - 1999. Narodziny nowoczesnego narodu, Lublin 2000, S. 100.
12.
Vgl. Tadeusz Olszañski, Historia Ukrainy XX w., Warschau 1994, S. 158.
13.
Zit. in: Bohdan Hud', Ukrajinci - poljaky: chto vynen?, Lemberg 2000, S. 101.
14.
Vgl. Andrzej Sowa, Stosunki polsko-ukrain'skie 1939 - 1947, Krakau 1998, S. 76.