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31.1.2007 | Von:
Andreas Hasenclever
Alexander De Juan

Religionen in Konflikten - eine Herausforderung für die Friedenspolitik

Religiöse Differenzen sind keine Kriegsursache

Die bekannten Thesen von Samuel Huntington zum Verhältnis von Religion und Gewalt im 21. Jahrhundert halten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Mit Blick auf die internationale Politik zeigt eine ganze Reihe von Studien, dass das Kriegsrisiko zwischen Staaten aus unterschiedlichen Religionskreisen nicht signifikant höher ist als das zwischen Staaten aus ein und demselben Religionskreis.[2] Deshalb lassen sich internationale Gewaltkonflikte nach wie vor plausibel als Macht- und Interessenrivalitäten interpretieren, die mit religiösen Differenzen einhergehen können, es aber nicht müssen.

Ein ähnliches Bild zeigt die Analyse von Bürgerkriegen.[3] Zwar gab und gibt es viele blutige Auseinandersetzungen, in denen sich Andersgläubige gegenüberstanden und -stehen. Denken wir nur an die Ausschreitungen in Thailand, Indonesien oder auf den Philippinen, an Nigeria, die Elfenbeinküste oder auch an den Kosovo und Tschetschenien. Aber es lassen sich weltweit etwa gleich viele Gewaltkonflikte ohne religiöse Konnotationen identifizieren. Die schiere Zahl von Bürgerkriegen zwischen Angehörigen ein und derselben Religion hat zur Folge, dass Glaubensunterschiede in quantitativen Untersuchungen bedeutungslos werden. Das Kriegsrisiko einer Gesellschaft wird offenkundig nicht wesentlich von ihrer religiösen Struktur beeinflusst.

Gleichzeitig unterstreichen statistische Analysen die große Bedeutung ökonomischer und politischer Faktoren für die Gewaltanfälligkeit von Ländern. So wächst das nationale Bürgerkriegsrisiko in direkter Abhängigkeit von Wirtschaftskrise und Staatsverfall. Anhaltende Knappheit führt regelmäßig zu massiven Verteilungskonflikten zwischen konkurrierenden Eliten. Dabei können Proteste von der herrschenden Elite so lange unterdrückt werden, wie ihre Repressionsapparate funktionieren. In dem Maße, in dem das nationale Einkommen aber abnimmt, schwindet die staatliche Kontrollfähigkeit. Die Anreize zur Bildung bewaffneter Oppositionsbewegungen durch Gegeneliten steigen. Dies wiederum hat eine deutliche Erhöhung der Bürgerkriegswahrscheinlichkeit zur Folge. Es ist deshalb kein Zufall, dass bewaffnete Feindseligkeiten vor allem in krisengeschüttelten Regionen des Südens zu beobachten sind, während sie in reichen Ländern außergewöhnlich selten bleiben.

Fußnoten

2.
Vgl. Giacomo Chiozza, Is There a Clash of Civilizations? Evidence from Patterns of International Conflict Involvement, 1946 - 1997, in: Journal of Peace Research, 39 (2002) 6, S. 711 - 734; Erik Gartzke/Kristian Skrede Gleditsch, Identity and Conflict: Ties that Bind and Differences that Divide, in: European Journal of International Relations, 12 (2006) 1, S. 53 - 87.
3.
James D. Fearon/David D. Laitin, Ethnicity, Insurgency, and Civil War, in: American Political Science Review, 97 (2003) 1, S. 75 - 90; Jonathan Fox, Religion, Civilization, and Civil War. 1945 Through the New Millenium, Lanham u.a. 2004.