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31.1.2007 | Von:
Andreas Hasenclever
Alexander De Juan

Religionen in Konflikten - eine Herausforderung für die Friedenspolitik

Instrumentalisierung religiöser Traditionen

Im Gegensatz zum ersten Eindruck sinnloser Gewalt und maßloser Brutalität in vielen Bürgerkriegsregionen lässt sich im Verhalten der Konfliktparteien ein erschreckend hohes Maß an instrumenteller Rationalität beobachten. Wie auch zwischenstaatliche Kriege, beginnen Bürgerkriege in aller Regel weder spontan, noch werden sie willkürlich geführt. Vielmehr stehen sie am Ende einer oftmals langen Planungs- und Entscheidungskette, in deren Verlauf sich politische Eliten in die Lage versetzen, anhaltende Kampfhandlungen zur Wahrung ihrer Interessen zu organisieren.[4] Sie rekrutieren Truppen, stellen deren Versorgung mit Nahrung, Waffen und Transportmitteln sicher und erschließen interne wie externe Finanzquellen für die notwendige Logistik. Im Zuge der Auseinandersetzungen müssen sie die verfügbaren Verbände strategisch einsetzen, gegnerische Bewegungen so weit wie möglich antizipieren und die interne Disziplin ihrer Truppen optimieren.

In diesem Zusammenhang lässt sich der Rückgriff auf religiöse Traditionen als Strategie interpretieren, Gefolgschaft zu mobilisieren und Gewalt gesellschaftlich zu legitimieren. Dabei zeigt eine Reihe von quantitativen Studien, dass religiöse Differenzen unter bestimmten Bedingungen mit einem erhöhten Eskalationsrisiko für Konflikte einhergehen - allerdings nur als intervenierende Variable. Ihre Wirksamkeit beruht immer auf vorhandenen Macht- und Interessenkonflikten. Wenn beispielsweise religiöse Diskriminierung oder religiöse Unzufriedenheit Macht- oder Wohlfahrtskonflikte begleiten, dann eskalieren diese ungewöhnlich oft.

Religiöse Unterschiede und religiöse Unzufriedenheit wirken mithin nicht als Brandursache, sondern als Brandbeschleuniger. Sie legen das Feuer nicht, an dessen Ausbreitung sie dann beteiligt sind. Damit ergänzen und bestätigen quantitativen Studien eine in der qualitativen Forschung gut dokumentierte Vermutung: Konflikte eskalieren schneller und heftiger, wenn politische Eliten sie mit religiöser Symbolik anreichern.[5] Einschlägige Beispiele für eine solche Instrumentalisierung religiöser Differenzen durch gewaltbereite Eliten sind der Rückgriff Slobodan Milosevics und Franjo Tudjmans auf christliche Symbolik im bosnischen Bürgerkrieg, die muslimische Rhetorik korrupter Eliten in Nordnigeria und der indische Hindu-Chauvinismus.

Fußnoten

4.
Vgl. Georg Elwert, Gewaltmärkte. Beobachtungen zur Zweckrationalität von Gewalt, in: Trutz von Trotha (Hrsg.), Soziologie der Gewalt (KZfSS Sonderheft 37), Opladen 1995, S. 86 - 101.
5.
Vgl. R. Scott Appleby, The Ambivalence of the Sacred. Religion, Violence, and Reconciliation, Lanham u.a. 2000 ; Volkhard Krech, Opfer und Heiliger Krieg: Gewalt aus religionswissenschaftlicher Sicht, in: Internationales Handbuch der Gewaltforschung, Opladen 2002, S. 1254 - 1275.