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31.1.2007 | Von:
Andreas Hasenclever
Alexander De Juan

Religionen in Konflikten - eine Herausforderung für die Friedenspolitik

Instrumentalisierungsresistente Glaubensgemeinschaften

Wenn die strategische Vereinnahmung religiöser Traditionen durch gewaltbereite Eliten zur Konflikteskalation beitragen kann, stellt sich die Frage nach Möglichkeiten effektiver Instrumentalisierungsprophylaxe. Wie lassen sich religiöse Traditionen vor politischer Instrumentalisierung schützen? Einen Ansatzpunkt zur Beantwortung dieser Frage bildet der Blick auf religiöse Friedensbewegungen, die in Krisensituationen entstanden sind und die sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen Gewalt und für friedlichen Wandel eingesetzt haben. Dass diese Bemühungen durchaus effektiv sein können, zeigt beispielsweise das Engagement der katholischen Kirche auf den Philippinen. Sie war Mitte der achtziger Jahre maßgeblich an der "People's Power Revolution" gegen das Marcos-Regime beteiligt und sorgte dafür, dass der Diktator nach gefälschten Wahlen und gegen den Willen der amerikanischen Regierung das Land verlassen musste. Ein weiteres Beispiel ist Südafrika, in dem seit Ende der siebziger Jahre der South African Council of Churches unter der Leitung von Desmond Tutu im gewaltfreien Protest gegen das Apartheidregime engagiert war. Es ist unstrittig, dass nicht zuletzt der Einsatz von Tutu und seiner Gemeinde das Land Ende der achtziger Jahre vor dem Abgleiten in einen blutigen Bürgerkrieg bewahrt hat. Schließlich zeigt sich die Effektivität des Engagements religiöser Akteure für den Frieden auch im Irak. Wenngleich auch die Grenzen des Einflusses des schiitischen Klerus mittlerweile erreicht oder sogar schon überschritten wurden, bleibt für viele Beobachter evident, dass Großayatollah Ali al-Sistani in der Vergangenheit einen ganz entscheidenden Beitrag dazu geleistet hat, den Ausbruch eines offenen Bürgerkriegs zu verhindern.[6]

Nach unserer Einschätzung lassen religiöse Friedensbewegungen bei allen Unterschieden im Detail eine gewisse Familienähnlichkeit im Wittgenstein'schen Sinne erkennen, die auf vier Merkmalen beruht: "Religiöse Aufklärung", "strukturelle Toleranz", "Autonomiepotenzial" und "innerreligiöse Öffentlichkeit". Dabei gehen wir davon aus, dass die gewaltbeschränkende Wirkung der beiden letzten Merkmale maßgeblich von den beiden ersten beeinflusst wird. Nach unserer Überzeugung weisen diese vier Merkmale auf einen viel versprechenden Ansatz für die Entwicklung einer erfolgreichen Instrumentalisierungsprophylaxe hin.

Fußnoten

6.
Vgl. Guido Steinberg, Die irakische Aufstandsbewegung: Akteure, Strategien, Strukturen, SWP- Studie, Berlin 2006; Faleh A. Jabar, The Worldly Roots of Religiosity in Post-Saddam Iraq, in: Middle East Report, (Sommer 2003), S. 12 - 18.