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31.1.2007 | Von:
Andreas Hasenclever
Alexander De Juan

Religionen in Konflikten - eine Herausforderung für die Friedenspolitik

Religiöse Aufklärung

Unter religiöser Aufklärung verstehen wir die Achtung vor der Komplexität religiöser Traditionen. Dabei macht es die Komplexität der Traditionen notwendig, sie vernünftig zu interpretieren - wohl wissend, dass diese Interpretation immer nur vorläufig sein kann. Arbeiten zum Verhältnis von Religion und Gewalt zeigen regelmäßig, dass Glaubensüberschreitungen vor allem dann eskalierend wirken, wenn sie selektiv und mit radikalem Absolutheitsanspruch interpretiert werden. Während diejenigen Traditionen von militanten Eliten betont werden, die Gewalt im endzeitlichen Kampf mit aggressiven Frevlern als angemessen erscheinen lassen und möglicherweise sogar fordern, werden gegenläufige Überlieferungen, welche die fundamentale Würde aller Menschen hervorheben, unterdrückt.

Dieser Mechanismus lässt sich beispielsweise an der Taliban-Bewegung in Afghanistan studieren, deren Anhänger einen Steinzeitislam verkündeten und keinerlei Verständnis für die differenzierte Tradition zum Recht auf kollektive Selbstverteidigung in Notwehrsituationen zeigten. In ähnlicher Weise lässt sich bei der hindu-nationalen Bewegung in Indien ein äußerst selektiver Umgang mit den komplexen Überlieferungen des Subkontinents erkennen. Letztere werden vor allem in den Schulen des Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) so aufbereitet, dass sie die gewaltsame Ausgrenzung von Christen und Muslimen fordern und rechtfertigen.

Studien zeigen darüber hinaus, dass Vereinfachungsstrategien umso erfolgreicher sind, je geringer die religiöse Bildung innerhalb der Konfliktgruppen ist. Scott Appleby macht beispielsweise den "religiöse Analphabetismus" von Serben und Kroaten für ihre Toleranz gegenüber der Gewaltpolitik ihrer Regierungen im Bosnienkrieg verantwortlich.[7] Umgekehrt zeichnen sich religiöse Friedensbewegungen in der Regel durch ein hohes Verständnis für die Komplexität ihrer Traditionen aus, die jeder simplen Schwarz-Weiß-Malerei entgegensteht. So wurden beispielsweise innerhalb der christlichen Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika auf sehr hohem Niveau und durchaus kontrovers Fragen des gerechtfertigten Krieges diskutiert.

Schließlich zeigen entwicklungspsychologische und religionspädagogische Untersuchungen, dass die Anfälligkeit für selektive Interpretationen oder auch die Neigung, autoritär strukturierten religiösen Gruppen beizutreten, mit zunehmender religiöser Entwicklung und Aufklärung abnimmt. In diesem Zusammenhang nennt beispielsweise Heinz Streib die Überwindung buchstäblicher Interpretationen und die Förderung des Bewusstseins um die Mehrdeutigkeit sowohl der eigenen Überlieferungen als auch der Komplexität fremder Religionen als zentrale Ziele der religiösen Bildung.[8] Sind die Gläubigen auf diese Weise in den Mythen, Ritualen und zentralen Aussagen ihrer Religion geschult und sich der Komplexität und Interpretationsbedürftigkeit ihrer Inhalte bewusst, sind sie in der Lage, selektive, radikale Auslegungen gewaltbereiter Eliten infrage zu stellen und mit Alternativen aufzuwarten.

Fußnoten

7.
Vgl. S. Appleby (Anm. 5).
8.
Vgl. Heinz Streib, Fundamentalism as a Challenge for Religious Education, in: Religious Education, 96 (2001) 2, S. 227 - 244.