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31.1.2007 | Von:
Andreas Hasenclever
Alexander De Juan

Religionen in Konflikten - eine Herausforderung für die Friedenspolitik

Autonomiepotenzial

Zudem zeigt sich immer wieder, dass Religionen umso leichter instrumentalisiert werden können, je größer die Abhängigkeit etablierter und mitgliederstarker Glaubensgemeinschaften von Staat oder Gesellschaft ist. Etablierte Religionsgemeinschaften mit einer großen Zahl von Gläubigen brauchen Ressourcen: Gotteshäuser, Geistliche und karitative Leistungen müssen finanziert werden; die Ausübung und Vermittlung des Glaubens erfordert entsprechende institutionelle und gesetzliche Rahmenbedingungen. Hierzu gehört beispielsweise die Möglichkeit, religiöse Feste öffentlich zu feiern oder Religionsunterricht anzubieten. Sind religiöse Gemeinschaften beim Zugriff auf diese Ressourcen von der Willkür und dem Wohlwollen staatlicher oder gesellschaftlicher Akteure abhängig, besteht die Gefahr, dass sich ihre Führer zur Legitimierung staatlicher Gewaltpolitik einspannen lassen, um das institutionelle Überleben ihrer Gemeinschaften zu sichern. Dieses Phänomen lässt sich beispielsweise an der Haltung der orthodoxen Kirche zur serbischen Kriegführung im Bosnienkonflikt oder auch an der Instrumentalisierung des katholischen Klerus durch lateinamerikanische Diktaturen studieren.

Umgekehrt ist es für gewaltresistente Glaubensgemeinschaften kennzeichnend, dass sie gegenüber Staat und Gesellschaft autonom sind und dass sie über eigene Finanzquellen und Institutionen verfügen, um ihre Traditionen zu pflegen und eine zeitgemäße Auslegung von Glaubenswahrheit zu betreiben. So war für die konsequente Anti-Apartheid-Politik südafrikanischer Kirchen die Verfügbarkeit über eigenständige theologische Ausbildungsstätten wie das Christian Institute in Johannesburg von entscheidender Bedeutung. Und das Zweite Vatikanische Konzil führte nicht zuletzt deswegen die Institution nationaler Bischofskonferenzen ein, um die Unabhängigkeit der Landeskirchen von weltlichen Mächten zu stärken. Auch der schiitische Klerus verfügt traditionell über eine vergleichsweise große Eigenständigkeit gegenüber staatlichen Instanzen, weil die Gläubigen verpflichtet sind, ihre geistlichen Führer direkt zu unterstützen. Aufgrund seiner engen Kontakte zur al-Kho'i-Stiftung in London ist al-Sistani auch von irakischen gesellschaftlichen Akteuren weitestgehend unabhängig. Die al-Kho'i-Stiftung wurde von al-Sistanis Mentor Abu al-Qasim al-Kho'i ins Leben gerufen und erhält heute den größten Teil der weltweit geleisteten religiösen Spenden der Schiiten ("Khums").[13]

Für die Diagnose der jeweiligen Instrumentalisierungsresistenz bzw. -anfälligkeit religiöser Gemeinschaften ist schließlich zu beachten, dass weniger der tatsächliche Grad der institutionellen und finanziellen Abhängigkeit einer religiösen Gemeinschaft entscheidend ist als vielmehr ihre Fähigkeit, sich gegebenenfalls aus dieser zu lösen. Maßgeblich ist somit nicht die tatsächliche Autonomie, sondern das vorhandene Autonomiepotenzial. Diese Unterscheidung berücksichtigt, dass die beobachtbare Unabhängigkeit einer religiösen Gemeinschaft nicht zwangsläufig impliziert, dass sie tatsächlich autonom überlebensfähig und daher einer Vereinnahmung durch ressourcenstarke Eliten nicht zugänglich ist. Die serbisch-orthodoxe Kirche beispielsweise war vor der Machtübernahme Milosevics durchaus unabhängig von staatlichen Strukturen. Infolge einer jahrzehntelangen Marginalisierung durch das kommunistische Regime der jugoslawischen Föderation hatte sie jedoch ihr Autonomiepotenzial nahezu gänzlich eingebüßt und war daher der unseligen Koalition mit der serbischen Regierung zugänglich. Ebenso bedeutet die aktuelle Abhängigkeit einer religiösen Gemeinschaft nicht, dass sie sich nicht aus dieser lösen könnte, um eine konstruktive Rolle einzunehmen. Der Zugriff auf externe Finanzquellen ermöglichte es beispielsweise der katholischen Kirche in Chile, sich aus dem engen Abhängigkeitsverhältnis zur Regierung zu befreien und eine kritische Position gegenüber dem Pinochet-Regime zu vertreten.

Fußnoten

13.
Vgl. F. A. Jabar (Anm.6), S.17.