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31.1.2007 | Von:
Rolf Schieder

Die Zivilisierung der Religionen als Ziel staatlicher Religionspolitik?

Ist Religion zur Privatsache geworden?

Die Aussage "Religion ist Privatsache" ist eine Kampfparole aus dem Erfurter Programm der SPD aus dem Jahre 1891. Sie beschrieb keinen realen Sachverhalt, sondern zielte darauf, den Einfluss der Kirchen auf Politik und Gesellschaft zurückzudrängen. Welche weltweit öffentliche Rolle die Religion auch heute noch spielt, lässt sich an der römisch-katholischen Kirche zeigen. Es gibt weltweit etwa 1,1 Milliarden römisch-katholische Christen. Ihr Oberhaupt ist der Papst. Er hat das Petrusamt inne. Dieses Amt ist ein eigenständiges, unabhängiges Völkerrechtssubjekt. Es trägt im diplomatischen Sprachgebrauch den Titel "Heiliger Stuhl". Der Heilige Stuhl ist ordentliches, auf eigenen Wunsch beobachtendes Mitglied der Vereinten Nationen. Er hat Rederecht bei den Vollversammlungen. 174 von den 192 in der UN vertretenen Staaten unterhalten diplomatische Beziehungen zum Heiligen Stuhl. Der apostolische Nuntius in der Bundesrepublik Deutschland ist zugleich Doyen des Diplomatischen Corps. Die Bundesrepublik Deutschland und ihre Länder haben eine Reihe von Konkordaten, also völkerrechtlich verbindlichen Staatsverträgen, mit dem Heiligen Stuhl geschlossen. Kann man da ernsthaft von "Religion als Privatsache" sprechen?

Auch ein Blick auf die öffentlichen Räume zeigt, wie wenig plausibel die Aussage von der Privatheit der Religion ist. Kirchen bestimmen nach wie vor das Stadtbild, sie stehen an stadtplanerisch signifikanten Orten. Die Dresdener Frauenkirche zieht Millionen von Besuchern an. Sie ist Gottesdienstraum der sächsischen Protestanten ebenso wie ein öffentliches Symbol für die Versöhnungsbereitschaft und den Friedenswillen Deutschlands in Europa. Bei öffentlichen Katastrophen und Gedenktagen versammeln sich Politiker aller Glaubensrichtungen - Konfessionslose eingeschlossen - im Berliner Dom, der so etwas wie das zivilreligiöse Heiligtum der Republik geworden ist. Richtig an der Aussage "Religion ist Privatsache" bleibt freilich, dass niemand zu einem öffentlichen Bekenntnis gedrängt werden darf. Mittlerweile behalten 192 von 614 Abgeordneten des Deutschen Bundestages ihre Konfessionszugehörigkeit für sich. Nur 28 bekennen sich zu ihrer Konfessionslosigkeit, einer ist erklärter Atheist. Darüber hinaus gibt es vier muslimische, 180 katholische und 209 protestantische Abgeordnete. Konfessionslose, Protestanten und Katholiken finden sich in allen Parteien.