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31.1.2007 | Von:
Rolf Schieder

Die Zivilisierung der Religionen als Ziel staatlicher Religionspolitik?

War Deutschland früher religiös-weltanschaulich homogener als heute?

Die Vorstellung von den "guten alten Zeiten", in denen alle fromm waren, ist nur schwer auszurotten. Dabei hat Deutschland im vergangenen Jahrhundert unter religiös-weltanschaulichen Konflikten weitaus mehr gelitten als heute. Bis 1989 war das Land religiös-weltanschaulich zerklüftet. Das protestantisch geprägte Preußen lieferte sich im ausgehenden 19. Jahrhundert einen Kulturkampf mit der katholischen Kirche, die SPD verstand sich als Weltanschauungspartei und verfolgte eine strikt antiklerikale Linie, die katholische Zentrumspartei war ihr weltanschaulicher Gegenspieler. Die Weimarer Republik zerbrach an ihren Weltanschauungskämpfen. Die politische Religion des Nationalsozialismus bekämpfte Sozialisten und Christen und wollte das Judentum ausrotten. Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland trat im Westen eine Befriedung der religiös-politischen Konflikte ein. Sowohl die ehemalige Zentrumspartei als auch die SPD wandelten sich von Weltanschauungsparteien zu Volksparteien. Der Staat der alten Bundesrepublik verzichtete bewusst auf eine religiös-weltanschauliche Selbstlegitimierung und vertraute - ganz im Sinne Böckenfördes - darauf, dass die zivilgesellschaftlichen Organisationen ihren je eigenen Beitrag zur Aufrechterhaltung von Rechtstreue und Gesetzesloyalität leisten. Im Osten sorgte aber das Weltanschauungsregime der SED bis 1989 dafür, dass die Religionsfreiheit eingeschränkt blieb und Christen diskriminiert wurden. Der Blick zurück macht deutlich, dass der religiöse Frieden immer dann gefährdet ist, wenn der Staat seine Kompetenzen auf dem religiös-weltanschaulichen Feld überzieht.