APUZ Dossier Bild

31.1.2007 | Von:
Rudolf Uertz

Politische Ethik im Christentum

Orthodoxie

Bis zum Beginn der Perestroika 1985 waren die orthodoxen autokephalen Kirchen Mittel- und Osteuropas fast durchweg in den Untergrund gedrängt. Teils wurden sie toleriert, teils versuchte man - mitunter in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen -, einen Modus vivendi mit dem "System" zu finden. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus haben Religion und kirchliches Leben eine Renaissance erfahren. Zugleich stehen die orthodoxen Kirchen vor einer Fülle von Aufgaben, die den sozialen, kulturellen und politischen Bereich betreffen. Der Systemwechsel, die Transformation der Wirtschaft, der Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen, der Ausbau rechtsstaatlicher Institutionen sowie der Beitritt orthodox geprägter Länder wie Bulgarien und Rumänien zur Europäischen Union verlangen Antworten von der orthodoxen Kirche, für die diese sozialethisch nur unzureichend vorbereitet ist.

Als Gründe sozialethischer Zurückhaltung werden vor allem die Unterdrückung durch feindliche und antichristliche Regierungen, die konservative Einstellung der orthodoxen Kirche in früheren Epochen, ihr Festhalten am traditionalistischen Bibelverständnis und an den Interpretationen der frühchristlichen Lehre genannt. Hinzu kommt ein gravierendes gesamtorthodoxes Problem: Die Orthodoxie könnte eine sozialethische Erneuerung nur auf einer panorthodoxen Synode beschließen, wobei alle Teilkirchen zustimmen müssten; ein solches Konzil ist derzeit nicht in Sicht.

Der distanzierten Haltung der Ostkirche zu sozialpolitischen und juridischen Formen steht auf der anderen Seite die Betonung des Liebesgebots und der Bruderliebe sowie die Verschiebung des Gleichgewichts zwischen Verkündigung, Sakrament und sozialer Verwirklichung der Kirche zugunsten des Sakraments und der "Verselbständigung der Liturgie" gegenüber. In dieser Charaktereigenschaft liegen zugleich Größe und Schwäche der Orthodoxie begründet. Ihre Größe besteht darin, "dass sie die Fülle der altkirchlichen Katholizität getreulich bewahrt hat. Dies gilt für alle Lebensbereiche. Vor allem in ihrer Liturgie leben das altkirchliche Verständnis und die altkirchliche Praxis des Gottesdienstes unmittelbar weiter."[10]

Aus der Einheit von "irdischer" und "oberer Kirche", von irdischer Gemeinde und Gegenwart Gottes in Liturgie und Sakrament schöpft die orthodoxe Christenheit ihre Kraft und Zuversicht. Die Essenz dieser Ideen spiegelt sich wider im Prinzip der Katholizität, dem wichtigsten sozialethischen Baustein. Es beruht auf der "Verbindung eines echten Personalismus, einer Hochschätzung der Einzigartigkeit und Einmaligkeit der menschlichen Einzelpersönlichkeit mit dem urchristlichen Gemeinschaftsbewußtsein". Die Synthese von religiös-sittlichen Grundideen und den kulturellen Entwicklungen der Völker hat der orthodoxen Kirche in den Phasen geschichtlicher Katastrophen und Verfolgungen verschiedener Art, nicht zuletzt gegenüber islamischen und anderen Bedrohungen, große Stärke verliehen. Man würde daher der Orthodoxie Unrecht tun, würde man ihr überkommenes Erbe, wie oft behauptet, als "historisches museales Requisit" ohne Entwicklungsfähigkeit betrachten. Die Orthodoxie hat das Verdienst, die kulturelle und ethnische Identität der Völker ihres Bereichs gestützt und bewahrt zu haben.

Das Katholizitätsprinzip (russisch Sobornost), das die Einheit, Ganzheit (Allgemeinheit) und Vollkommenheit im Hinblick auf das jeweilige Volk und - in ganzer Fülle - auf die Kirche intendiert, führt konsequent zur Idee der Volkskirche als einer nationalen Kirche. Was oben als besondere Leistung gekennzeichnet wurde, d.h. der Umstand, dass die orthodoxe Kirche durch ihre Verbindung mit der ethnischen und nationalen Kultur positiven Einfluss auf die Kulturen und Völker nehmen konnte und diese gegenüber Angriffen von außen und Zersetzungen von innen zu stärken vermochte, birgt als Kehrseite die Gefahr, dass die orthodoxe Idee zu eng mit der Nationalkultur verschmilzt. Das Gleichgewicht zwischen Staat und Kirche ist zugunsten des Staates verschoben.

Anders als in der lateinischen Kirche, in der sich seit dem Investiturstreit (11. Jahrhundert) ein äußerst produktiver Prozess der Differenzierung zwischen Kirche und Staat vollzog, der schließlich auch die Idee der christlichen Existenz im säkularen, weltanschaulich neutralen Gemeinwesen beförderte (Religionsfreiheit, Menschenrechte u.a.), hat in der Ostkirche eine solche Entwicklung nicht stattgefunden. Im Gegenteil hat das Symphonieprinzip zu einer starken Harmonie zwischen Staat und Kirche geführt, zeitweise zugunsten eines beträchtlichen Übergewichts des Staates über die Kirche und verbunden mit der Gefahr, dass die Kirche ganz oder teilweise ihre innere Freiheit gegenüber dem Staat einbüßte. Das Symphonieprinzip intendiert eine spezifische Form orthodoxen Staatskirchentums, indem es den Staat als Schützer der Orthodoxie, d.h. des kirchlich und national im christlichen Glauben geeinten Volkes sieht. Anders als im Westen mit seinen vielfältigen und differenzierten religionspolitischen Formen (Kooperation von Kirche und Staat auf bestimmten Feldern bei grundsätzlicher [freundlicher] Trennung bis hin zu radikaler Trennung) orientiert sich das Symphonieprinzip traditionell am Bild idealer kirchlich-staatlicher Zusammenarbeit und homogener Religiosität - ein Bild, das dem Pluralismus des modernen Gemeinwesens nicht mehr entspricht. Schließlich will der moderne Staat die Heimstatt der Bürger verschiedenster Bekenntnisse und Ethnien sein.

Politiktheoretisch gesehen bleibt die orthodoxe Sozialethik weitgehend dem traditionalistischen organologischen Gesellschaftsdenken verhaftet. In den Grundlinien Christlicher Ethik des griechisch-orthodoxen Theologen Georgios Mantzaridis (1998) heißt es: "Die moralische Herausforderung der kommenden Welt interessiert vor allem die orthodoxe Ethik, deren Zentrum des Interesses die Person des Menschen ist. Die gegenwärtige Zivilisation mit ihrer egozentrischen und eudämonistischen Ausrichtung kommt in direkten Gegensatz zu der orthodoxen christlichen Tradition mit ihrem asketischen Geist. Aber auf der anderen Seite kann die gegenwärtige Zivilisation auch nicht ohne die christliche Tradition gedeutet werden, wie sie in der westlichen christlichen Welt entwickelt und weitergegeben wurde."

Nach orthodox-kirchlicher Auffassung lässt die theonome Betrachtung nicht die Anerkennung von Menschenrechten zu. Zwar hätten Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde sowie die Anerkennung ihrer unveräußerlichen Rechte ihren Ursprung in der uralten christlichen Tradition. Doch sieht die Orthodoxie in der Menschenrechtsidee, wie sie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 zur Grundlage des modernen staatlichen und internationalen Lebens erhoben hat, den Humanismus der Aufklärung am Werk, der den theologischen Humanismus des Christentums untergrabe, d.h. den Menschen von Gott wegführe.

Letztlich vermag damit die Orthodoxie keine positive Würdigung des pluralistischen säkularen Gemeinwesens vorzunehmen, wenngleich vereinzelt orthodoxe Theologen vom Katholizitäts- und Synodalprinzip her die Annäherung an das liberale Menschenrechtsdenken und die demokratisch-rechtsstaatliche Ordnungsidee für möglich halten. Für die Orthodoxie als Ganze aber verbietet sich dieser Schritt.

Auch die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK), die als erste orthodoxe Teilkirche im August 2000 eine umfangreiche Sozialdoktrin vorgelegt hat, verwirft die Menschenrechte ebenso wie das Recht auf Religionsfreiheit. Die traditionelle theologisch-kirchliche und kulturelle Verwiesenheit auf das "Volk" und seine religiöse und kulturelle Identität im Sinne russisch-orthodoxen Glaubens ist stärker als das Bedürfnis liberaler Freiheiten des Einzelnen in religiösen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Belangen.

Allerdings entfaltet die ROK in ihrer Sozialdoktrin 2000 eine Synthese traditioneller Theologie und Ethik und sozialethischer Leitlinien, die in praktisch-sozialethischer Perspektive auch allgemeine Grundsätze einer säkularen Staatsbürgerkunde und Soziallehre enthalten. Die Sozialdoktrin der ROK will so zu einer befriedenden Situation Russlands und der russischen Orthodoxie beitragen; zugleich vermag das Dokument den interkulturellen und interreligiösen Dialog zu bereichern.

Fußnoten

10.
Ernst Benz, Geist und Leben der Ostkirche, Hamburg 1947.