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31.1.2007 | Von:
Rudolf Uertz

Politische Ethik im Christentum

Schlussbemerkungen

Resümierend und ergänzend kann festgestellt werden: Die politische Ethik des Christentums, die sich konfessionsspezifisch in den typologisch vorgestellten Richtungen des Katholizismus, des Protestantismus und der Orthodoxie entfaltet hat, korrespondiert mit den klassischen politischen Ideenkreisen (Liberalismus, Konservatismus, Sozialismus), unterscheidet sich aber von ihnen durch ihre religiöse Eigenart. Überraschend sind diese Befunde nicht, insofern das Christentum als historische Religion mit den verschiedensten Kulturen konfrontiert war, sie mitprägte und sich entsprechend mit verschiedenen Sozialformen zu arrangieren wusste. Was das Christentum hierzu besonders befähigt, ist der Umstand, dass die Verkündigung des Evangeliums ungeachtet seiner historischen Manifestationen und seiner notwendigen institutionellen Vermittlungsformen ein zutiefst individuell-personales Ereignis darstellt (Transzendenzbezug). Der überzeitliche und übergeschichtliche Zurechnungspunkt des christlichen Glaubens (1 Kor 7,31) relativiert jegliche weltliche Ordnung und beinhaltet eine Institutionenkritik, die die Unterscheidung zwischen geistlicher und weltlicher Herrschaft ebenso einschließt wie die institutionelle und kirchliche Selbstkritik.

Diese Elemente kennzeichnen insbesondere den Protestantismus, aber auch den jüngeren Katholizismus. Von daher vermochten die westlichen Kirchen und ihre Theologien mit der modernen Philosophie sowie den Sozial- und Naturwissenschaften in einen Dialog zu treten und zu einer politischen Ethik zu finden, die prinzipiell dem pluralistischen, weltanschaulich neutralen Gemeinwesen gegenüber aufgeschlossen ist. Die Ethik des Christentums leistet einen außerordentlichen Beitrag zur Differenzierung zwischen religiösen Wahrheitsansprüchen und demokratisch-rechtsstaatlicher Ordnung, wie sie u. a. in den verfassungsrechtlich definierten Zuständigkeiten von Religion und Politik zum Ausdruck kommt. Beachtlich sind auch die Annäherungen, welche die katholische und evangelische Sozialethik zueinander gemacht haben.[11] Zu einer solch weitgehenden Annäherung an die liberalen Ordnungs- und Lebensformen vermag die Orthodoxe Kirche aufgrund historischer, kultureller Hintergründe und theologisch-systematischer Prinzipien bisher nicht zu gelangen. Aber die orthodoxe Ethik befruchtet mit ihrem eigenen Ansatz den interreligiösen und -kulturellen Dialog, wobei sie die Westkirchen mahnt, ihre Sozialethik nicht in säkularer Beliebigkeit aufgehen zu lassen.

Fußnoten

11.
Vgl. Im Zentrum: Menschenwürde. Politisches Handeln aus christlicher Verantwortung - Christliche Ethik als Orientierungshilfe, hrsg. von Bernhard Vogel, Berlin 2006.