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4.1.2007 | Von:
Martin Sabrow

Historisierung der Zweistaatlichkeit

Stand der Aufarbeitung

Wie ertragreich die Bemühungen um Aufklärung über Staat und Gesellschaft der ostdeutschen Teilrepublik waren, lässt sich an den Publikationsbilanzen ihrer nunmehr über fünfzehn Jahre währenden Aufarbeitung ablesen. Zwar mögen noch viele Facetten der DDR-Geschichte unterbelichtet sein, und wie immer öffnen neue Forschungsleistungen zugleich auch den Horizont für neue Fragen, aber im Ganzen setzt sich die zweite deutsche Auseinandersetzung mit der eigenen Diktaturvergangenheit denkbar vorteilhaft von der ersten ab. In der jüngeren deutschen Zeitgeschichtsforschung überwog in den 1990er Jahren das Interesse an der DDR insgesamt deutlich jenes an der Bundesrepublik. In der Erinnerungskultur ist ein dichtes institutionelles Geflecht von Gedenkstätten und Lernorten entstanden, die sich mit der Geschichte der SED-Diktatur befassen. Sie haben zumindest im Berliner Raum mittlerweile eine ganz erhebliche und sogar geschichtstouristische Anziehungskraft erlangt, während die im Sommer 2006 ins Spiel gebrachte Idee eines West-Berliner Freiheitsmuseums mangels öffentlichen Interesses zumindest vorläufig sang- und klanglos wieder unterging.

Das Bündnis zwischen Wissenschaft und Aufarbeitung hilft der DDR-bezogenen Zeitgeschichtsforschung, ihre heutige öffentliche Relevanz sichern. An den Universitäten ist sie, wie jüngere Erhebungen zeigen, in Lehre und Forschung nur ungleichgewichtig und insgesamt eher schwach repräsentiert, und auf dem jüngsten Deutschen Historikertag in Konstanz spielte die DDR kaum eine Rolle. Umso kräftiger entfaltet die DDR-Forschung sich außerhalb der Alma Mater: Eine vergangenheitspolitische Einrichtung wie die Behörde der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen unterhält eine eigene Abteilung "Bildung und Forschung" und arbeitet auf der Grundlage eines Gesetzes, das in seiner jüngsten Novellierung die wissenschaftliche Aufarbeitung der DDR über das MfS hinaus zu einem seiner wesentlichen Zwecke erhebt. Analog zur jüngeren Entwicklung der größeren deutschen NS-Gedenkstätten betreiben auch DDR-Geschichtsorte in zunehmendem Maße eigene Forschungen, und sie werden dabei gestützt von einer 1998 auf Beschluss des Deutschen Bundestags eingerichteten Stiftung, die das projektbezogene Zusammenwirkung von Wissenschaft, Bildung und gesellschaftlicher Aufarbeitung institutionalisiert hat. Fachhistoriker begleiten die Entstehung von Publikumsfilmen wie 2006 Florian Henckel von Donnersmarcks "Das Leben der Anderen"; Gedenkstättenpraktiker, Zeithistoriker und Akteure der ehemaligen Bürgerbewegung wirken wie im Fall der von der Bundesregierung berufenen Expertenkommission zur Zukunft der DDR-Aufarbeitung oder des Berliner Mauer-Konzeptes erfolgreich auf einen dauerhaften Schulterschluss von Milieugedächtnis, Geschichtspolitik und wissenschaftlichem DDR-Bild hin.