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4.1.2007 | Von:
Martin Sabrow

Historisierung der Zweistaatlichkeit

Historisierung contra Delegitimierung

Die DDR-Aufarbeitung setzt den Historisierungsanspruch der Fachwissenschaft in einen Dauerkonflikt mit dem Delegitimierungsanspruch der Erinnerungspolitik, aus dem es kein Entrinnen gibt, wenn die Zeitgeschichte sich ihrer öffentlichen Inanspruchnahme nicht grundsätzlich verweigern will. Wohl aber bieten sich Wege an, das Dilemma der zeitgeschichtlichen DDR-Aufarbeitung erträglich zu machen. An oberster Stelle steht dabei die Aufgabe der Fachwissenschaft, in der Sphäre der Gedenkpolitik und der Erinnerungskultur kompromisslos auf die Einhaltung fachlicher Standards zu dringen. Gleichviel, ob es um die wissenschaftliche Abteilung der Gauck-Birthler-Behörde, die Einrichtung von DDR-Museen oder die projektgebundene Forschungsfinanzierung an Gedenkstätten und Lernorten geht, stets und überall bedarf es der Beratung und Begutachtung durch die Fachwissenschaft, um darauf hinzuwirken, dass das öffentlich vermittelte DDR-Bild dem zeitgeschichtlichen Erkenntnisstand ebenso wie den didaktischen Maximen von Kontroversität und Nicht-Überwältigung entspricht. Wie unentbehrlich und zugleich umstritten die Wahrnehmung eines damit beanspruchten Wächteramtes sein kann, lehrte die öffentliche Debatte um die Rolle des Diktaturalltags in der künftigen DDR-Aufarbeitung, die sich bekanntlich an der Empfehlung der ministeriell beauftragten Expertenkommission entzündete, einer diagnostizierten Schieflage der institutionalisierten DDR-Auseinandersetzung mit der stärkeren Würdigung des gesellschaftlichen Zusammenspiels von Herrschaft, Akzeptanz und Widerstand zu begegnen.[1]

Genauso kommt es im Fachdiskurs aber auch darauf an, einer drohenden Verinselung des Forschungsgegenstandes DDR entgegenzuwirken. Die Aufgabe der Zeitgeschichte ist die Historisierung der DDR und ihre Einbettung in die system- und epochenübergreifenden Bezüge des 20. Jahrhunderts. In den ersten Jahren nach dem Untergang des europäischen Kommunismus stand im Zentrum der komparatistischen Forschung der Diktaturenvergleich. Zu Unrecht wurde er besonders in seiner diachronen Ausprägung gern als bloße Vollstreckung eines geschichtspolitischen Delegitimierungsauftrags angesehen, der den gescheiterten Sozialismus in die Nachbarschaft des nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs rücken wolle. Wie jede transfer- oder vergleichsgeschichtliche Untersuchung kann auch der historische Diktaturenvergleich durch die kontrastive Herausarbeitung der jeweiligen Spezifika wie durch die parallelisierende Ermittlung von Übereinstimmungen dazu beitragen, Distanz zum Untersuchungsgegenstand DDR zu gewinnen und seinen Eigencharakter als Spielart totalitärer Herrschaft zu bestimmen. Gleichwohl scheint sich zumindest der Vergleich von Stalinismus bzw. Kommunismus mit Nationalsozialismus und Faschismus - anders als der ostmitteleuropäische Diktaturenvergleich - weitgehend erschöpft zu haben. Tatsächlich ist er ungeachtet zahlreicher Bemühungen um eine Revitalisierung der Totalitarismustheorie und des Deutungskonzepts der politischen Religion nicht weit über die nüchterne Differenzierung zwischen der analytischen Unfruchtbarkeit integraler Vergleiche einerseits und den begrenzten Möglichkeiten sektoraler Vergleiche andererseits hinausgekommen, und auch das konkurrierende Konzept der modernen Diktatur hat seine erhofften Erkenntnispotenziale nur in Ansätzen entfaltet.[2]

Stattdessen beginnt sich der Blick auf die deutsch-deutsche Beziehungsdimension zu schärfen, der bereits vor 1989, und zwar in Gestalt eines dem Anspruch nach äquidistanten Systemvergleichs, eine prominente Rolle gespielt hatte, um nach dem Untergang des einen Vergleichspartners zunächst als gründlich diskreditiert zu gelten. 2005 legte eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe von Zeithistorikern und Fachdidaktikern die Ergebnisse ihrer zweijährigen Bemühungen vor, die beiden gegensätzlichen Gesellschaftsordnungen der deutschen Nachkriegsgeschichte aus einer integralen Perspektive zu erfassen, ohne ihre strukturelle Unterschiedlichkeit zu negieren.[3] Aus ganz anderer, nämlich gezielt gleichsetzender Perspektive versuchte ein 2006 erschienenes Lexikon "Deutsche Zeitgeschichte von 1945 - 2000" schon mit dem gewählten Vergleichsansatz die gewünschte Gleichgewichtigkeit und in vielem auch strukturelle Gleichartigkeit der beiden Nachkriegsgesellschaften auf deutschem Boden mit den Mitteln der zeitgeschichtlichen Analyse zu untermauern.[4]

Fußnoten

1.
Vgl. zur Auseinandersetzung um die Rolle des Alltags für die Diktaturaufarbeitung neben den im Deutschland Archiv, (2006) 4, 5 und 6, und in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte, (2006) 3 und 4, publizierten Stellungnahmen von Michael Schwartz, Hermann Wentker und mir die in Kürze erscheinende Dokumentation: Wohin treibt die DDR-Erinnerung? Dokumentation einer Debatte, hrsg. von Martin Sabrow u.a., Göttingen 2007.
2.
Hierzu zuletzt Gerhard Besier unter Mitarbeit von Katarzyna Stok?osa, Das Europa der Diktaturen. Eine neue Geschichte des 20. Jahrhunderts, München 2006, S. 673ff.
3.
Vgl. Christoph Kleßmann/Peter Lautzas (Hrsg.), Teilung und Integration. Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte, Bonn 2005.
4.
Vgl. Clemens Burrichter/Detlef Nakath/Gerd-Rüdiger Stephan (Hrsg.), Deutsche Zeitgeschichte von 1945 bis 2000. Gesellschaft - Staat - Politik. Ein Handbuch, Berlin 2006.