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4.1.2007 | Von:
Martin Sabrow

Historisierung der Zweistaatlichkeit

Gemeinsame Nationalgeschichte?

Die Konjunktur gemeinsamer Fragen an die geteilte deutsche Geschichte zwischen 1945 und 1990 kommt also nicht unerwartet und wird nicht zuletzt vom wachsenden zeitlichen Abstand gespeist: Je länger die Zeit der wieder gewonnenen Einheit währt, desto stärker wächst der Impuls, die allmählich zur Episode schrumpfende Teilungsepoche[5] in das überwölbende Narrativ der gemeinsamen Nationalgeschichte einzupassen.

Die analytischen Chancen einer Zusammenschau der deutschen Doppelgeschichte liegen auf der Hand: Sie arbeitet die gemeinsamen Ausgangslagen und Entwicklungsbedingungen in Ost- und Westdeutschland heraus. Sie verdeutlicht die vielen Parallelen der deutsch-deutschen Entwicklung etwa in der jeweiligen Blockintegration und Blockemanzipation, im Umgang mit dem lastenden Erbe der NS-Zeit, in den systemübergreifenden Konjunkturen von Fortschrittsoptimismus und Planungseuphorie, im gemeinsamen Festhalten an einem industriegesellschaftlichen Arbeitsparadigma, im Umgang mit gemeinsamen Herausforderungen der Rohstoffversorgung, der Ressourcenknappheit und der Umweltbelastung. Der Blick auf die gemeinsame Geschichte in der Zeit der Teilung macht die innerdeutschen Abhängigkeiten und Einflüsse fassbar, die die Entwicklung des östlichen und des westlichen Teilstaats prägten: Auf sozialpolitischem Gebiet trug die östliche Alternative zur Ausbildung des westdeutschen Sozialstaatsmodells bei und trieb der Erfolg der sozialen Marktwirtschaft die sozialistische Planwirtschaft in eine ihre Leistungskraft überfordernde Systemkonkurrenz, an deren Ende der ökonomische Kollaps der DDR stand. Politisch-kulturell nutzten beide Systeme die Abgrenzung vom Gegner zur Integration ihrer Bevölkerungen und wiesen ungeachtet ihrer ideologischen Entgegensetzung zahlreiche Parallelen etwa in der zeitweiligen Ausbildung eines paternalistischen Herrschaftsstils oder im Umgang mit der NS-Vergangenheit auf. Nicht selten verhinderte - wie im Fall der politischen Belastung von Nachkriegseliten oder der Verstrickung der historischen Disziplin in die nationalsozialistische Vertreibungspolitik im Osten - die innerdeutsche Legitimationskonkurrenz sogar eine konsequentere Auseinandersetzung mit der eigenen Belastung.

Allerdings verlangt die Einbettung der DDR in eine gemeinsame Nachkriegsgeschichte eine Reihe methodischer Vorüberlegungen. Bei weitem nicht jeder Aspekt der DDR-Geschichte erschließt sich aus diesem Blickwinkel. Die fortschreitende politische und wirtschaftliche, in Ansätzen auch kulturelle Integration der DDR in den sowjetischen Machtblock verlangt nach anderen als nationalgeschichtlichen Deutungsmustern, und die gegensätzliche Bedeutung von "1968" als generationeller Ausdruck einer durchgreifenden Liberalisierung der Bundesrepublik und endgültiger Abbruch der reformsozialistischen Hoffnungen in der DDR unterstreicht die begrenzte Reichweite eines gemeinsamen Blicks. In jedem Fall waren die Beziehungen zwischen den beiden Staaten in hohem Maße asymmetrisch. Während das SED-Regime auch in der radikalen Abgrenzung auf das Bonner Gegenüber fixiert blieb, trat die DDR für die Bundesrepublik mit den Jahren immer weiter in den Hintergrund. Zur Erfassung dieser komplexen Relation hat Christoph Kleßmann schon vor Jahren mit dem Begriff der "asymmetrisch verflochtenen Parallel- und Kontrastgeschichte" ein bis heute gültiges Interpretationskonzept vorgegeben[6] und jüngst zusammen mit Konrad Jarausch in einem Phasenmodell umgesetzt.[7]

Anders als die immer auch politisch-kulturelle Absichten verfolgende Aufarbeitung ist das Konzept einer integrierten deutschen Nachkriegsgeschichte nicht darauf angewiesen, der Zusammenschau von ost- und westdeutscher Entwicklung den normativen Unterschied von Diktatur und Demokratie zugrunde zu legen, wie dies jüngst insbesondere von Günther Heydemann und Horst Möller gefordert wurde. Wenn sich Zeitgeschichte nicht zur bloßen Siegergeschichte machen, sondern an das Neutralitätspostulat der Werturteilsfreiheit halten will, tut sie gut daran, ihr Blickfeld nicht durch eine vorgängige Parteinahme trüben zu lassen. Natürlich kam es für die historische Entwicklung in beiden deutschen Staaten entscheidend darauf an, ob Entscheidungen unter den Bedingungen politischer Freiheit und individueller Autonomie getroffen wurden oder nicht. Aber generationelle Umbrüche, weltwirtschaftliche Konjunktureinbrüche, massenmediale Entwicklungsschübe und Aufstieg bzw. Niedergang von Planungseuphorie und Fortschrittsoptimismus vollzogen sich quer zu den Scheidelinien von freiheitlicher und unfreiheitlicher Gesellschaft. Wer aus normativer Perspektive das Pendant des bundesdeutschen Rechtsstaats allein als ostdeutschen Unrechtsstaat zu erfassen versucht, versperrt sich den Weg zum Verständnis für die Binnenlegitimation der zweiten deutschen Diktatur und für die Handlungsmotive ihrer Träger, die die Unterordnung des formalen Rechtes unter eine politisch definierte Gerechtigkeit als Ausdruck einer überlegenen Rechtsordnung verstanden haben mochten. Nicht als normative Erkenntnisgrundlage trägt die Unterscheidung von Demokratie und Diktatur für die Wissenschaft von der Zeitgeschichte ihren Nutzen, sondern als historische Leitfrage nach der Herausbildung der beiden gegensätzlichen politischen Ordnungen, die in der Zeit von 1949 bis 1989 hüben wie drüben zahlreiche Wandlungen durchliefen.

Im gegenwärtigen Aufarbeitungsbündnis von Geschichte und Gedächtnis kommt der Fachwissenschaft schließlich in besonderem Maße die Aufgabe der metahistorischen Reflexion zu. Sie ist im Verbund mit anderen Geistes- und Sozialwissenschaften dafür zuständig, die Entwicklung der Vergangenheitsvergegenwärtigung nach 1945 von der Verdrängung über die Bewältigung zur Aufarbeitung nachzuzeichnen und die Bedingungen und Modi zu beschreiben, unter denen das Heute sich auf das Gestern bezieht. Der Wille zur Aufarbeitung, der die Auseinandersetzung mit der Diktaturvergangenheit nach 1989 von der nach 1945 unterscheidet, ist nicht zu denken ohne die Etablierung einer Erinnerungskultur, welche Zukunftsbindung in starkem Maße durch Vergangenheitsbindung ersetzt hat und zugleich eklatant an politischer Distinktionskraft eingebüßt hat.

Der zeitgeschichtliche Aufarbeitungskonsens ist längst parteiübergreifend geworden, und gerade darum benötigt er das Korrektiv einer Zeitgeschichtsforschung, die in die gemeinsame Aufarbeitung der Vergangenheit das Eigengewicht einer auf reflexive Distanzierung bedachten Disziplin einzubringen vermag und den legitimen Ambitionen staatlicher Gedenkpolitik und öffentlicher Moralisierung ihren eigenen Anspruch entgegenhält: den einer nüchternen Historisierung der DDR und der deutschen Zweistaatlichkeit, die sich ihrer eigenen Geltungsgrenzen bewusst ist.[8] Nur dort, wo sich in der Aufarbeitung einer unbequemen Vergangenheit die Eigenlogik der zeithistorischen Wissenschaft gleichberechtigt neben der der politisch-moralischen Aufklärung entfalten kann, wird sich das politische Bekenntnis zu den Werten einer freiheitlichen Gesellschaft dauerhaft mit der historischen Erkenntnis über das Wesen ihrer diktatorischen Herausforderung in der Moderne des 20. Jahrhunderts verbinden können.

Fußnoten

5.
So der Titel eines Versuches von Peter Bender, schon Mitte der 1990er Jahre die beiden deutschen Staaten und ihre Gesellschaften unter dem Blickwinkel ihrer Gemeinsamkeiten zu betrachten: Episode oder Epoche? Zur Geschichte des geteilten Deutschland, München 1996.
6.
Vgl. Christoph Kleßmann/Hans Misselwitz/Günter Wichert (Hrsg.), Deutsche Vergangenheiten - eine gemeinsame Herausforderung. Der schwierige Umgang mit der doppelten Nachkriegsgeschichte, Berlin 1999.
7.
Vgl. Konrad H. Jarausch, "Die Teile als Ganzes erkennen". Zur Integration der beiden deutschen Nachkriegsgeschichten, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 1 (2004) 1, www.zeithistorische-forschungen.de/16126 041-Jarausch-1 - 2004 (12.12. 2006).
8.
Vgl. zur Auslotung dieser Geltungsgrenzen in Bezug auf die ungleich schwerere Last des nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs die berühmte Kontroverse: Martin Broszat/Saul Friedländer, Um die "Historisierung des Nationalsozialismus". Ein Briefwechsel, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 36 (1988) 2, S. 339 - 372.