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4.1.2007 | Von:
Peter E. Fäßler

Innerdeutscher Handel als Wegbereiter der Entspannungspolitik

Ökonomische Grundlagen der Wirtschaftsbeziehungen

Die Bundesrepublik agierte gegenüber der DDR von Beginn an aus einer Position der ökonomischen Überlegenheit, und das keineswegs nur wegen der Größenverhältnisse. Diese Relationen erklären nicht die deutlich geringere Entwicklungsdynamik der DDR-Volkswirtschaft. Sie lässt sich im Wesentlichen auf vier Faktoren zurückführen.

Die SBZ litt im Vergleich zur Trizone sehr viel stärker unter den wirtschaftsstrukturellen Folgen der deutschen Teilung. Hier sei nur auf die geringen Kapazitäten in der Steinkohleförderung sowie in der Eisen- und Stahlproduktion hingewiesen, was den Wiederaufbau erheblich behinderte. Der aufwändige Auf- und Ausbau schwerindustrieller Anlagen nach sowjetischem Vorbild verschlang auf Jahre hinaus wertvolle Investitionsmittel, die an anderer Stelle dringend benötigt wurden. Zum wirtschaftsstrukturellen Handicap der SBZ/DDR kam zweitens die sowjetische Reparationspraxis hinzu.[5] Bis Anfang der 1950er Jahre bremsten Demontagen von Produktions- und Infrastrukturanlagen, Reparationsleistungen aus laufender Produktion sowie die Überführung wertvoller Betriebe in sowjetisches Eigentum (Sowjetische Aktiengesellschaften) die Wiederaufbaudynamik. Plausible Kalkulationen gehen davon aus, dass die Pro-Kopf-Belastung in der SBZ/DDR mit 800 US-$ mehr als doppelt so hoch lag wie der Vergleichswert für den Westen (390 US-$).

Drittens sorgte die funktionale Überlegenheit der Marktwirtschaft in der Bundesrepublik dafür, dass nach Überwindung der "Durchbruchskrise"[6] (1949/50) und mit Einsetzen des Koreabooms (1951) ein konjunktureller Aufschwung einsetzte, der die ostdeutschen Fortschritte rasch in den Schatten stellte. Offenkundig setzte die Marktwirtschaft auf mittlere Sicht größere Entwicklungspotenziale frei als die sozialistische Zentralplanwirtschaft. Deren systembedingte Dysfunktionalitäten zeigten sich nicht zuletzt im Außenhandel. So bargen weltwirtschaftliche Entwicklungen unvorhersehbare Momente, die eine mittelfristige volkswirtschaftliche Gesamtplanung vor unlösbare Aufgaben stellten. Auch die Trennung von Produktion und Vertrieb erwies sich für den Absatz der Güter im Ausland als nachteilig, denn die Herstellungsbetriebe hatten vor allem ein Interesse daran, ihr Produktionssoll zu erfüllen. Ob sich die Waren auch im Ausland verkaufen ließen, darüber machte man sich weniger Gedanken, weil das Angelegenheit der Außenhandelsorganisationen war. Hier lag einer der Gründe, weshalb ostdeutsche Produkte hinsichtlich ihrer Designs und technischen Standards bereits nach wenigen Jahren erkennbar von denen westlicher Konkurrenzgüter abwichen, nur noch bedingt den Konsumentengeschmack trafen und sich zunehmend zu Billigangeboten oder Ladenhütern entwickelten.

Viertens schließlich dürfen die Vorteile, welche der Bundesrepublik aus der Westintegration erwuchsen, nicht unterschätzt werden. Die finanziellen und technologischen Hilfestellungen der Verbündeten beim Wiederaufbau erwiesen sich als ebenso wertvoll wie ihr großer Absatzmarkt für technisch anspruchsvolle Güter aus westdeutscher Produktion. Dagegen erhielt die DDR weder von der Sowjetunion noch von den sozialistischen Bruderstaaten finanzielle oder technologische Hilfen in vergleichbarer Qualität.

Aufgrund dieser Gegebenheiten blieb die Option, den Handel als politisches Druckmittel einzusetzen, weitgehend der Bundesregierung vorbehalten. Nur die "Schwachstelle" West-Berlin bot der DDR die Gelegenheit, ihrerseits ökonomischen Druck auf den Westen auszuüben, um auf diesem Wege politische Konzessionen zu erzielen.

Nimmt man die absoluten Werte des Handelsvolumens als Maßstab, entwickelten sich der Warenaustausch recht kontinuierlich (Vgl. Abb. der PDF-Version). Nach schwierigem, ja holprigem Beginn stiegen die beiderseitigen Lieferungen ab 1952 deutlich an, überschritten 1955 erstmals die symbolträchtige Marke von 1 Mrd. DM und verdoppelten sich binnen fünf Jahren. So gesehen stellte der deutsch-deutsche Handel eine Erfolgsgeschichte dar, wenn auch auf bescheidenem Niveau. Nennenswerte Handelseinbrüche wie jene von 1951/52, 1961 - 1963 und 1967 riefen keine längerfristigen Stockungen hervor. Die vermeintliche Erfolgsgeschichte verliert jedoch an Glanz, wenn man die Zahlen in Relation zu anderen Außenhandelswerten setzt. Dann wird deutlich, dass die amtliche Statistik nur ein bis zwei Prozent des bundesdeutschen Außenhandelsvolumens der DDR zuwies, mit fallender Tendenz. Umgekehrt büßte auch die Bundesrepublik als Handelspartner für die DDR über die Jahrzehnte erheblich an Bedeutung ein. Beide deutsche Staaten expandierten außenwirtschaftlich wesentlich stärker innerhalb ihrer jeweiligen Bündnisgemeinschaften. Ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Berlin-Krise entwickelte sich der DDR-Handel mit Westeuropa dynamischer als der innerdeutsche Handel. Die Bundesregierung registrierte diesen Trend sehr kritisch und interpretierte ihn dahingehend, dass die Verbündeten ihre Geschäfte ohne Rücksicht auf deutsch-deutsche Befindlichkeiten abwickelten.

Nicht nur die quantitativen Kennzahlen deuteten auf eine wachsende Entfremdung beider Staaten hin. Auch die qualitative Beschaffenheit des Warentransfers spiegelte ihre divergierende Entwicklung wider. Ausgehend von einem annährend gleichwertigen technologischen Leistungsvermögen Ende der 1940er Jahre nahm der wechselseitige Transfer anspruchsvoller Fertigwaren wie Güter des Maschinen- und Büromaschinenbaus, optischer Gerätschaften oder elektrotechnischer Produkte einen relativ großen Stellenwert ein. Dieser Handel "auf Augenhöhe" änderte sich bereits während der 1950er Jahre, als die DDR in Schlüsselbranchen wie der Elektroindustrie und dem Büromaschinenbau den Anschluss an die westliche Entwicklung verlor. Es fiel den Volkseigenen Betrieben immer schwerer, ihre Absatzmärkte in der Bundesrepublik zu behaupten. Als Kompensation dominierten zunehmend Roh- und Grundstoffe das DDR-Lieferangebot. Nach Braunkohle und Grubenholz in den 1950er Jahren bildeten Mineralöl und -produkte den größten Warenposten. Hierbei profitierte die DDR von den umfangreichen und günstigen Importen aus der Sowjetunion, wurde zugleich aber - wie die Erfahrungen der 1970/80er Jahre lehren sollten - für Turbulenzen am Weltrohölmarkt anfällig. Tendenziell glich das Warenspektrum des deutsch-deutschen Handels zunehmend jenem, das zwischen Entwicklungsländern und hoch entwickelten Staaten zu beobachten ist. Die volkswirtschaftliche Desintegration Gesamtdeutschlands konnte zu keinem Zeitpunkt in erkennbarem Maße gebremst werden.

Fußnoten

5.
Zur Reparationsproblematik vgl. Rainer Karlsch/Jochen Laufer (Hrsg.), Sowjetische Demontagen in Deutschland 1944 - 1949, Berlin 2002.
6.
Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, München 2004.