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4.1.2007 | Von:
Peter E. Fäßler

Innerdeutscher Handel als Wegbereiter der Entspannungspolitik

Von der "Politik der Stärke" zum "Wandel durch Handel"

Ende der 1950er Jahre änderten sich die Rahmenbedingungen der innerdeutschen Wirtschaftsbeziehungen grundlegend. Nachdem Großbritannien im Herbst mit einer großzügigen Offerte über 250 Mio. US-$ an Moskau ein "Kreditwettrennen" unter den westeuropäischen Staaten ausgelöst hatte, entwickelte sich der Ost-West-Handel geradezu stürmisch. Die auf diesem Gebiet traditionell stark vertretene westdeutsche Industrie sah sich angesichts der nach wie vor restriktiven Bonner Handelspolitik benachteiligt und schickte ihre Führungskräfte vermehrt in die sozialistischen Hauptstädte - auch nach Ost-Berlin.[10] Innerhalb der Bundesregierung bewertete man diese Entwicklung unterschiedlich. Während das Wirtschaftsministerium die Belebung des Osthandels und innerdeutschen Handels grundsätzlich befürwortete, kritisierte Adenauer das Verhalten etlicher Industrieller beispielsweise auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1960 aufs Schärfste. Nach seiner Auffassung zeugte deren Werben bei führenden SED-Politikern um lukrative Geschäftsabschlüsse angesichts der schwelenden Berlin-Krise von mangelnder nationaler und demokratischer Gesinnung.

Im September 1960 eskalierte die Situation. Nachdem die DDR aufgrund des "Tags der Heimat", den die Vertriebenenverbände in West-Berlin veranstalteten, die Sektorengrenze für einige Tage gesperrt hatte, entschied sich die Bundesregierung gegen den Willen Erhards für eine Kündigung des Berliner Abkommens zum 1. Januar 1961. Damit konnte sich ein letztes Mal der Kanzler gemeinsam mit seinem Außenminister als Verfechter einer harten Linie im innerdeutschen Handel durchsetzen, wobei die kabinettsinterne Rivalität gegenüber dem ungeliebten Kronprinzen sicher eine große Rolle spielte. Eine politische Konzeption ließen weder Konrad Adenauer noch Heinrich von Brentano erkennen. Bereits nach zwei Wochen sahen sich beide gezwungen, erneute Gespräche mit der anderen Seite vorzuschlagen, und zum 1. Januar 1961 nahm der innerdeutsche Handel seinen gewohnten Fortgang. Diese Episode beschädigte nicht nur das ohnehin in Mitleidenschaft gezogene Ansehen des Kanzlers. Sie läutete zugleich den eingangs angedeuteten strategischen Kurswechsel gegenüber der DDR ein - mit Gerhard Schröders "Politik der Bewegung" auch gegenüber Osteuropa.

In den 1960er Jahren prägte ein sachlicherer Umgangston als zuvor die Handelsbeziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR; ökonomische Rationalität hatte sich gegen politisch-ideologische Vorgaben weitgehend durchgesetzt. Seit langem geplante Infrastrukturprojekte wie der Wiederaufbau der Autobahnbrücke bei Hirschberg (heute A 9) wurden realisiert.[11] Auch als im Zuge der neuen EWG-Regelung 1964 die Mineralölbesteuerung in der Bundesrepublik geändert wurde, was für die DDR erhebliche Profiteinbußen bedeutete, fanden beide Seiten eine zufriedenstellende Lösung.

Fußnoten

10.
Vgl. Karl-Heinz Schlarp, Zwischen Konfrontation und Kooperation. Die Anfangsjahre der deutsch- sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen in der Ära Adenauer, Münster 2000; Karsten Rudolph, Wirtschaftsdiplomatie im Kalten Krieg. Die Ostpolitik der westdeutschen Großindustrie 1945 - 1991, Frankfurt/M. - New York 2004.
11.
Vgl. Peter E. Fäßler, Der "Brückenschlag". Der Bau der Autobahnbrücke Saale/Hirschberg als Paradigma deutsch-deutschen Interessenausgleiches, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 49 (2001) 11, S. 981 - 999.