APUZ Dossier Bild

12.6.2008 | Von:
Udo Steinbach

Christen im Nahen Osten - Essay

Im 20. Jahrhundert sind die Christen im Orient zwischen die Mühlsteine der Konflikte geraten. Wenn sich die Auswanderung fortsetzt, wird das Christentum am Ort seines Ursprungs verschwinden.

Einleitung

Das mit dem Sturz des diktatorischen Regimes in Bagdad ausgebrochene Chaos hat auch die alteingesessenen christlichen Gemeinden im Irak nicht unberührt gelassen. Bombenanschläge auf Kirchen und Versammlungsräume und mörderische Attentate auf einfache Gemeindemitglieder wie hochrangige Vertreter der ost- und westsyrischen Kirche haben deutlich gemacht, dass die Christen im Irak in das bürgerkriegsartige Mahlwerk geraten sind.






Spätestens mit der planvollen Vernichtung hunderttausender Armenier (1915/16) war erkennbar, wie gefährdet die lange Symbiose zwischen Muslimen und Christen geworden war. Seither ist die Gefährdung christlicher Minderheiten ein Symptom tief greifender Veränderungen und Krisen, welche die Gesellschaften im Nahen Osten im 20. Jahrhundert durchlaufen haben. Aus einer gewissen Distanz lassen sich vier Konfliktfelder ausmachen, die in wechselnder Konfiguration zu einer Dauerbelastung für die Lebensumstände der autochthonen Christen geworden sind: der Nationalismus in den nach dem Ersten Weltkrieg größtenteils neu entstandenen oder unabhängig gewordenen Staaten im Nahen Osten; die Staatsgründung Israels und die westliche Positionierung im Nahostkonflikt; die grassierende islamistische Strömung und die opportunistische Reaktion der Staatsführungen; sowie die Schwächung zentralstaatlicher Autorität (wie im libanesischen Bürgerkrieg und im Irak) und die dadurch bedingte Fraktionierung ursprünglicher Lebensgemeinschaften.

Das Schicksal der Christen im Nahen Osten hat im Westen nur begrenzte Aufmerksamkeit erfahren. Erschien es im Zeitalter des Säkularismus unzeitgemäß, Religion zum Thema von Außenpolitik zu machen? Tatsache ist, dass sich zahlreiche Christen im Nahen Osten alleingelassen fühlen.[1] Die Frage steht im Raum, ob sich europäische Regierungen vor dem Hintergrund der Bedeutung des orientalischen Christentums für die allfällige Modernisierung der Gesellschaften in der Region ein solches Wegsehen noch werden leisten können. Auf der anderen Seite wird die Idee der interreligiösen und interkulturellen Toleranz in Europa aller Voraussicht nach nur dann funktionieren, wenn auch in der islamischen Welt ein tolerantes Zusammenleben von Religionsgemeinschaften möglich wird. Deshalb sollte die Frage nach der Zukunft orientalischer Christen auch Teil der Agenda in der Gestaltung der politischen Beziehungen Europas zur islamischen Welt sein - nicht, um einen religiösen Graben aufzureißen, sondern im Sinne des umfassenden Primats der Menschenrechte.

Fußnoten

1.
Eine Sammlung authentischer Stimmen orientalischer Christen zu ihrer Lage findet sich in: Die Zukunft der orientalischen Christen - Eine Debatte im Mittleren Osten, hrsg. vom Evangelischen Missionswerk in Deutschland, dem Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten und Alexander Flores, Hamburg-Berlin 2001.