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Zeugen uralter Kulturen: Christen im Irak und in Syrien

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Zeugen uralter Kulturen: Christen im Irak und in Syrien

Wolfgang Günter Lerch

/ 16 Minuten zu lesen

Auf die Dauer ist ein Überleben der im Orient verbleibenden christlichen Minderheiten nur zu sichern, wenn dort stärker demokratisch strukturierte Bürgergesellschaften entstehen.

Einleitung

Als man Mitte März des Jahres 2008 sein Grab fand, war es Gewissheit geworden: Paulos Faradsch Raho, der überall angesehene Bischof von Mossul im Nordirak, war nicht nur entführt worden, sondern auch auf grauenhafte Weise zu Tode gekommen. Diese Tragödie war nur der vorläufige Höhepunkt einer verhängnisvollen, ja desaströsen Entwicklung, die schon lange andauert, die zur Kenntnis zu nehmen man sich aber in den westlichen Ländern ebenso lange geweigert hatte: der indirekten, häufig jedoch auch offenen und systematischen Demütigung, Verfolgung und -wie in diesen Tagen - bewussten Austreibung der Christen aus Mesopotamien, dem Zweistromland von Euphrat und Tigris, das unter dem Namen Irak schon seit Jahrzehnten für Schlagzeilen sorgt.



Die Abwanderung von Christen aus dem Orient ist kein neues Phänomen. Man beobachtet es, seitdem syrische und libanesische Christen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in mehreren Wellen nach Nord- und Südamerika auswanderten. Doch der gegenwärtige Exodus, der von zahllosen blutigen Gewalttaten, von Geiselnahmen und Morden, von Vergewaltigungen, Schändungen und Schikanen aller Art begleitet und überschattet wird, ist eines der Resultate des amerikanisch-britischen Krieges des Jahres 2003 und der bürgerkriegsähnlichen Turbulenzen, die er fast im ganzen Lande nach dem Sturz Saddam Husseins ausgelöst hatte. Er steht im Zusammenhang mit den Aktivitäten hoch ideologisierter, islamistisch und dschihadistisch gesinnter Terroristen von Al Qaida und anderen Gruppierungen. In deren Plänen für ein neues Kalifat, das vom "befreiten Irak" aus die gesamte Arabische Halbinsel umfassen soll, sollen die Christen ebenso wenig Platz finden wie andere Minderheiten. Die nichtmuslimischen Minoritäten Mesopotamiens, insbesondere jedoch die Christen, sind zwischen alle Stühle geraten.

An Minderheiten herrscht im multiethnischen und multireligiösen Staat Irak kein Mangel. Unter den Muslimen zum Beispiel bilden die Sunniten eine Minderheit, die Schiiten hingegen die Mehrheit. Zwar stellen Christen den Löwenanteil der gegenwärtigen Fluchtbewegung, doch gehören auch nichtarabische muslimische Kurden, Jesiden (die in der Regel auch Kurden sind), Mandäer, turksprachige Turkmenen und andere Minderheiten zu den Betroffenen. Es ist fraglich, ob der Irak in absehbarer Zeit wieder zu einer Stabilität findet, die diesen Namen verdient und den Minderheiten eine Rückkehr oder gar ein Wiederaufblühen ihrer Gemeinschaften erlauben wird. Dies wird vor allem davon abhängen, ob es gelingt, den Vielvölkerstaat als einheitliches staatsrechtliches Gebilde zu erhalten.

Gegenwärtig sieht es so aus, als ereilte die Christen das irreversible Schicksal von Flucht und Vertreibung, als müssten die Nachkommen jener Gemeinden, die schon vor der Entstehung und Ausbreitung des Islams den Irak und große Teile Vorderasien bevölkerten und prägten, endgültig das Feld räumen, zumindest in Mesopotamien. Es ehrt die Nachbarländer Jordanien und Syrien, dass sie bereit waren und sind, Flüchtlinge aufzunehmen - keineswegs nur muslimische, sondern eben auch Christen. In der Republik Syrien ist die Lage der Christen traditionell besser als in anderen Ländern.

Uralte christliche Gemeinden und deren Nachfahren

Die gegenwärtige Flucht und Vertreibung ist nicht nur eine menschliche Tragödie, sondern ein besonders deprimierendes Element in der nun annähernd zwei Jahrtausende währenden Geschichte der Christen in der nahöstlichen Region. Deren Charakter und Verlauf ist nach wie vor Gegenstand kontroverser Debatten, vor allem das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen seit der Entstehung des Islam im frühen 7. Jahrhundert. Die Beziehungen zwischen beiden Weltreligionen im Orient waren so komplex, dass sie mit einseitigen Urteilen nicht zu erfassen sind. Oft wird zudem vergessen, dass auch das Christentum nichts anderes ist als eine der vorderasiatischen Erlösungsreligionen: Jesus war als Jude ein "Orientale". Der Orient ist die Heimat des christlichen Glaubens, wie des Judentums und des Islams.

Als muslimische Feldherrn wie Omar Ibn al Khattab, Amr Ibn al As und Saad ibn Abi Waqqas wenige Jahre nach dem Tode des Propheten Mohammed (gestorben 632 n. Chr.) in kürzester Zeit den gesamten Fruchtbaren Halbmond zwischen Nil und Tigris eroberten, erlangte der Islam die Herrschaft über Millionen von Christen, die zuvor Untertanen des Herrschers von Byzanz (Konstantinopel), des Basileus am Bosporus, gewesen waren, oder, wie in Mesopotamien, sassanidisch-persischer Herrschaft unterstanden hatten. Zentrum der frühen Christenheit dort, zwischen den beiden großen Lebensadern der Region, war die Hauptstadt Seleukia-Ktesiphon in der Nähe Babylons, die in den arabischen Quellen unter dem Namen Taq-i Kisra ("Khosraus Halle") auftaucht, gewesen. Viele dieser Christen bekannten sich damals zu den theologischen Auffassungen des Bischofs Nestorius; diese Nestorianer, die in der Frage nach der Natur Christi spätestens seit dem Konzil von Chalzedon (451 n. Chr.) anderer Auffassung waren als Konstantinopel, hatten wegen "Ketzerei" mit der griechisch-orthodoxen byzantinischen Reichskirche in Streit gelegen.

Die irakischen Christen gehören zu den ältesten christlichen Gemeinden im Orient überhaupt und bezeichnen sich, jedenfalls was den größten, mit Rom verbundenen Teil angeht, nicht ohne Grund bis heute als Chaldäer. Die beiden anderen großen christlichen Denominationen sind die Anhänger der Syrisch-orthodoxen Kirche (Jakobiten) und die Assyrer, von deren Gemeinde sich die Chaldäer schon vor vielen Jahrhunderten, etwa zu jener Zeit, als Europa die Epoche der Renaissance durchlebte, unter dem Einfluss katholischer diplomatischer Bemühungen im Orient abgespalten haben. Sie sagten sich mit diesem Schritt, anders als die Assyrer, von der ursprünglichen Kirche, der nestorianischen Apostolischen Kirche des Ostens, los. Die Chaldäer sind somit katholische Iraker, ihr Oberhaupt hat seinen Sitz in Bagdad, trägt jedoch den offiziellen Titel eines Patriarchen von Babylon. Im Jahre 1830 wurde die zuvor schon enge Verbindung zwischen den Chaldäern und Rom, dem Zentrum der katholischen Welt, besiegelt. Neben den Maroniten im Libanon und den Melkiten, den griechischen Katholiken, sowie den syrischen Katholiken sind die Chaldäer damit eine der nahöstlichen Kirchen, die bewusst mit Rom uniert sind. In der Ost-Türkei wie in Iran ist ihre Gemeinde verschwunden, während sie im Irak dank der Union mit Rom häufig Schutz vor Übergriffen erlangen konnten.

Auch die Assyrer, die Nachfahren der Nestorianer, nehmen in ihrer Eigenbezeichnung Bezug auf das vorislamische Mesopotamien, auf die Landschaft und die Dynastien des antiken Assur in der Mitte und im Norden des Irak. Hinzu kommen Anhänger der armenischen Kirche, die syrischen Katholiken sowie einige kleinere christliche Gemeinden bis hin zu den Protestanten. Die Protestanten des Orients sind, anders als die übrigen Konfessionen, im Wesentlichen durch westliche Missionstätigkeit entstanden. Das gilt auch für den Irak. Die Armenier verwenden in ihren Gottesdiensten die armenische Sprache, während bei den übrigen Christen neben dem Arabischen die alte syrisch-aramäische Liturgie-Sprache (Syriac) im Gebrauch ist, eine Variante jener Sprache, die Jesus als Muttersprache gesprochen hat. Gerade im Irak hatte das Aramäische in der Antike, als Reichsaramäisch bezeichnet, zeitweise überragende Bedeutung erlangt, nicht allein am Hof der persischen Herrscher über Mesopotamien, sondern als überregionale Sprache im alten Orient überhaupt.

Informationen über die Gesamtzahl der im Irak lebenden Christen aller Denominationen sind immer ungenau gewesen. Als realistisch dürften Angaben gelten, nach denen vor Beginn des Irakkrieges etwa 700.000 oder 800.000, allerhöchstens eine Million der insgesamt 25 Millionen Iraker sich zum Christentum bekannt haben. Damit lebten im Irak sowohl prozentual als auch in absoluten Zahlen wesentlich weniger Christen als in Syrien, in Ägypten oder auch im Libanon.

Die Chaldäer als "Ur-Iraker"

Die Chaldäer sahen und sehen sich als die "Ur-Iraker" an, denn die Bezeichnung "Chaldäer" bezieht sich auf jene Landschaft Chaldäa im Süden des Irak, von wo aus dem biblischen Bericht zufolge auch Abraham, der Stammvater von Juden, Christen und Muslimen, in Richtung Norden aufbrach. Städte wie Ur, Uruk und viele andere waren unter der Herrschaft der Sumerer schon im 3. Jahrtausend vor Christus aufgeblüht und für ihre Zikkurats bekannt, jene Stufentempel und -türme, deren bekanntester der Etemenanki, der biblische Turmbau zu Babel, gewesen ist. Dann hatten Babylonier und Assyrer über Mesopotamien geherrscht. Schließlich war das "Land zwischen den beiden Flüssen" (Aram Naharain) persisch geworden. Römer und Perser kämpften um seinen Besitz. In islamischer Zeit wurde der Irak mit der vom Kalifen al Mansur 762 n. Chr. gegründeten Hauptstadt Bagdad am Tigris Zentrum des abbasidisch-muslimischen Universalreiches, in dem Christen eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen sollten, insbesondere im intellektuellen Leben. Das hatte damit zu tun, dass Kalifen wie etwa al-Mamun, ein Sohn des legendären Harun al-Raschid (gestorben 809 n. Chr.), die Christen bewusst förderten, um von ihren Kenntnissen auf vielen Gebieten, vor allem der Philosophie, Naturwissenschaft und Medizin, zu profitieren. Die Abbasiden waren von 750 bis 1280 an der Macht, bis zur Eroberung Bagdads durch die Mongolen unter Hülägü Khan, einem Enkel Dschingis Khans.

In den nachfolgenden Jahrhunderten herrschten wechselnde islamische Dynastien über den Irak, bis schließlich die türkischen Osmanen gegenüber den persischen Safawiden die Oberhand gewannen. Sie dominierten nach der Vertreibung der Safawiden aus dem Irak im Jahre 1638 durch den türkischen Sultan Murad IV. das Land bis zum Jahr 1917, als Großbritannien im Verlauf des Ersten Weltkrieges seine kolonialistischen Aspirationen verwirklichte und die osmanische Herrschaft beseitigte. Während der osmanischen Herrschaft hatten die Christen des Irak, wie alle religiösen Minderheiten, ihren Status nach dem klassischen Millet-System geregelt, das nach islamischem Scharia-Recht den Minoritäten, vor allem den "Schriftbesitzern" oder Bekennern einer "Buchreligion" (ahl al-kitab), innere Autonomie gewährte, gegen Zahlung der Kopfsteuer (dschizya). Gegen Ende der Osmanenherrschaft und vor allem in den Wirren des Weltkriegs kam es dennoch zu schweren Verfolgungen; bereits damals verließen Christen in einer ersten Welle den Irak.

Unter britischem Protektorat entstand 1921 das Königreich Irak unter der Dynastie der Haschemiten (erster König: Feisal), deren Thron 1958 in der irakischen Revolution unter Oberst Abdal Karim Kassem gestürzt wurde. Seitdem stand der Irak unter dem Gesetz des primär weltlich ausgerichteten arabischen Nationalismus, wie er besonders von der Baath-Partei seit deren endgültiger Machtübernahme im Jahr 1968 bis zu Saddam Husseins Sturz im Jahre 2003 als Ideologie des Modernismus und "weltlicher Emanzipation" unter sozialistischen Vorzeichen gepflegt wurde. Die Hervorhebung des weltlichen Charakters der neuen Lehre brachte viele orientalische Christen dazu, sie zu unterstützen. Es waren nicht wenige arabische Christen, die an der Ausarbeitung arabisch-nationalistischer Vorstellungen von Staat, Politik und Gesellschaft beteiligt waren - etwa Michel Aflaq, ein Orthodoxer, in Syrien, oder Salama Musa, ein Kopte, in Ägypten. Aflaq, der 1989 in Bagdad starb und auch in der Hauptstadt begraben sein wollte, wurde von Saddam Hussein gewissermaßen als Bestätigung dafür angesehen, dass er und der irakische Baath im Besitz der richtigen Ideologie seien.

Schon die Nahda, die Wiedergeburt der arabischen Sprache und Literatur im 19. Jahrhundert, war zu großen Teilen das Werk christlicher Araber gewesen, vornehmlich im Libanon und in Syrien. Von Modernismus und Säkularismus erhofften sich die orientalischen Christen jene Gleichberechtigung, die ihnen unter islamischem Vorzeichen zuvor nicht gewährt worden war, jedenfalls nicht, wenn man moderne Maßstäbe anlegt. Der Status des klassischen "Schutzbefohlenen" (ahl al-dhimma, dhimmi) hatte sie zwar geschützt und von manchen Pflichten gegenüber dem Staat, wie dem Kriegsdienst, befreit, ihnen zu gleicher Zeit jedoch auch gewisse Restriktionen auferlegt. Wirkliche Vollbürger waren sie im Islam niemals gewesen, auch wenn dieses islamische System der "dhimmitude" zu seiner Zeit toleranter war als die staatlich-religiösen Praktiken, die anderswo vorherrschten.

Christen unter der Baath-Diktatur

Die Baath-Partei etablierte im Irak eine sich revolutionär verstehende, diktatorische Herrschaft, seit 1979 endgültig unter Führung Saddam Husseins. Den Irakern waren zwar maßgebliche Menschen- und Freiheitsrechte verwehrt, die Bevölkerung litt unter der Willkürherrschaft und später unter den kriegerischen Aspirationen des Diktators, doch bewirkte das säkulare, zu Beginn durchaus fortschrittliche Regime, dass die christlichen Gemeinden teilweise aufblühten. Das Gemeindeleben in den großen Städten, vor allem der Hauptstadt Bagdad, wird als rege geschildert. Die Christen konnten ihren Kultus ungestört praktizieren. Saddam Husseins Hausmacht im Partei- und Herrschaftsapparat stammte aus seiner Geburtsstadt Tikrit und hing, wie der Herrscher selbst, dem sunnitischen Islam an. Die schiitischen Muslime unterlagen im modernen Irak einem Wechselbad: Mal wurden sie hofiert, dann wieder unterdrückt. Auch unter der Baath-Herrschaft überwog schließlich die Unterdrückung, was wohl auch mit der Machtübernahme schiitisch-fundamentalistischer Revolutionäre im benachbarten Iran 1979 zu tun hatte. Den Höhepunkt einigermaßen ungestörter Entfaltung erlebten die irakischen Christen im Jahre 1983, als die Baath-Regierung alle 14 christlichen Konfessionen, darunter auch die ganz kleinen, offiziell anerkannte.

Danach wendete sich das Blatt. Insbesondere nach dem Ende des zweiten Golfkrieges 1991, in dem eine von den USA und Saudi-Arabien angeführte Allianz von dreißig Staaten die irakischen Truppen aus Kuwait vertrieben hatte und der Irak mit Sanktionen belegt worden war, begann Saddam Hussein eher zum Peiniger denn zum Wohltäter der Christen zu werden. Schon in den 1990er Jahren erlebte der Irak einen ersten Exodus von Christen. Schätzungen besagen, dass etwa 100.000 von ihnen damals das Land verlassen hätten. Andererseits kam es vor, dass Christen in der Leibwache des Diktators eher unterkamen als etwa Schiiten, denen er zutiefst misstraute. Und viele Jahre war der chaldäische Christ Tariq Aziz in verschiedenen Funktionen, am wirksamsten als Außenminister, die nach Westen gewandte, im Ton englisch-konziliante Stimme seines Herrn.

Die irakischen Christen zeichnen sich traditionell dadurch aus, dass sie einen moderneren Lebensstil pflegen als ihre muslimischen Mitbürger. Oft sind sie auch besser ausgebildet, da sie christlich geführte Schulen besuchen. Ihre Fremdsprachenkenntnisse übertreffen diejenigen der Muslime. Auch macht sich insgesamt bemerkbar, dass sie als Christen viel weniger Berührungsängste mit jenen westlichen Errungenschaften haben, die aus Europa und Amerika in den Orient gelangten und gerade heute, im Zeitalter der Globalisierung, dorthin "exportiert" werden. In Bagdad und anderen Städten stellten die Christen die Mittelschicht, was hier und da auch den Neid der ärmeren muslimischen Bevölkerungskreise hervorrief.

Nach dem Zusammenbruch des Baath-Regimes im Frühjahr 2003 und dem Beginn der innerirakischen Kämpfe gerieten sie pauschal in den Verdacht, es mit den Amerikanern und Briten (den "neuen Kreuzzüglern" in der Sprache insbesondere der Islamisten) zu halten. Solche Verdächtigungen hatte es bereits zu Zeiten der britischen Dominanz immer wieder gegeben. Wie schon bisweilen unter Saddam Husseins Herrschaft, zweifelte man ihre Loyalität als irakische Bürger an. Bis heute sind bis zu 400.000 von ihnen geflohen oder innerhalb des Landes auf der Flucht; besonders schlimm scheint die Situation in den nördlichen Teilen des Irak zu sein, wo die Assyrer, wie es heißt, möglicherweise "vor der Auslöschung" stehen. Im Norden geraten die Christen nicht selten in die Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Arabern, die rein politische und strategische Hintergründe haben, da die gemeinsame islamische Religion sie nicht trennt. Kurdischer Nationalismus trifft dort auf den arabischen, zum Beispiel im Streit um die wichtige Erdölstadt Kirkuk.

In Syrien weniger Grund zur Klage

Die Lage der Christen im benachbarten Syrien ähnelt im Großen und Ganzen derjenigen im Irak vor Ausbruch der kriegerischen Ereignisse. Auch das heutige Syrien gehört zu den uralten Kernländern des Christentums. In der Hauptstadt Damaskus zeugen viele Reste - nicht zuletzt auch die gewaltige Omajjaden-Moschee im Zentrum der alten Stadt, die eine christliche Vorgeschichte hat - von der christlichen Vergangenheit. In Damaskus wurde Saulus aus Tarsus zum Paulus. Und in diesem Herzen Syriens verehren nicht zuletzt auch die Muslime das Haupt von Yahya, Johannes dem Täufer. Die via recta, die Gerade Straße, welche die Altstadt von Damaskus durchschneidet, gab es schon, als der Völkerapostel sich dort aufhielt; die Bibel berichtet darüber. Noch heute kann der Fuß des Besuchers über sie hinwegschreiten. In einer kurzen Autofahrt erreicht man von Damaskus aus das Dorf Maalula im Antilibanon, dessen größtenteils noch christliche Bevölkerung, wie auch die muslimische in den beiden Nachbarorten Bachaa und Jubaadin, einen Dialekt des Aramäischen als Umgangssprache verwendet, der Ähnlichkeiten mit der aramäischen Muttersprache Jesu aufweist. Das Dorf Maalula beherbergt das viel besuchte Kloster Mar Sarkis, des heiligen Sergius, und seine Bewohner, die Maalulis, gedenken besonders der Heiligen Thekla, der die Hauptkirche des Ortes geweiht ist.

Das heutige Syrien ist nicht gerade für Demokratie und eine besondere Wertschätzung der Bürgerrechte bekannt. Trotz geringfügiger, vornehmlich ökonomischer Lockerungen unter Baschar al-Assad, dem seit 2000 als Nachfolger seines Vaters Hafiz al-Assad herrschenden Präsidenten, steht das Land unter der strengen Herrschaft der Baath-Partei - als dem einzig noch verbliebenen Refugium des arabischen Nationalismus in der Region, nachdem das Baath-Regime im Irak Geschichte geworden ist. Doch die Christen, wie andere Minderheiten, haben in Syrien weitaus weniger Grund zu klagen als anderswo. Zwar macht sich der Islam überall im Lande wieder stärker bemerkbar als noch vor zwanzig Jahren, als das Baath-Regime die Muslimbrüder in großer Zahl in die Gefängnisse warf; doch der weltliche Charakter der Republik sichert den religiösen Minderheiten ein Leben, das im Rahmen des Möglichen normal und ungestört verläuft. In der Verfassung der Arabischen Republik Syrien heißt es: Syrien ist ein laizistischer Staat, in dem die Verfassung den Bürgern grundsätzlich Glaubensfreiheit zusichert. Die Ausübung aller Kulthandlungen wird garantiert, soweit sie nicht die öffentliche Ordnung stören. Das nach Konfession verschiedene Ehe- und Familienrecht wird respektiert.

Was die religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung angeht, weist Syrien große Ähnlichkeit mit dem Irak auf. Von den knapp 18 Millionen Syrern bekennen sich 72 Prozent zum Islam sunnitischer Observanz. Zwölf Prozent gehören der heterodox-schiitischen Minderheit der Alawiten an, die lange verfolgt wurde und seit der Machtergreifung der Assads vor nun fast vierzig Jahren den Staat dominiert, geschickt verschleiert durch ein System des Proporzes. Die Zahl der Christen aller Denominationen wird mit zehn Prozent angegeben, ein verhältnismäßig hoher Anteil. Fünf Prozent sind Drusen, ein Prozent stellen die Ismailiten. Christliche Armenier sind vor allem im Raum der nordsyrischen Stadt Aleppo (Halab) konzentriert, die traditionell als besonders multikulturell und multikonfessionell gilt. Die armenische Gemeinde dort vergrößerte sich als Folge der brutalen Armenier-Massaker, die während des Ersten Weltkrieges in der osmanischen Türkei stattgefunden hatten. Nicht wenige Beobachter vertreten die Auffassung, dass vor allem die alawitische Minderheiten-Herrschaft dazu beitrage, dass auch den nichtmuslimischen Gemeinschaften größere Freiräume gewährt würden. Nur ein prinzipiell weltlicher Staat kann auch den Alawiten als Minderheit auf Dauer ihre Stellung - oder auch nur die Gleichberechtigung - sichern.

Unter den christlichen Gemeinden kommt insbesondere den Syrisch-Orthodoxen (Jakobiten) mit ihrem in Damaskus ansässigen Patriarchat große Bedeutung zu. Etwa 300.000 Syrer gehören dieser Konfession an. Damaskus ist auch der Sitz des Patriarchen von Antiochia, welcher der griechisch-orthodoxen Gemeinde vorsteht. Die griechisch-orthodoxen Gläubigen sind die Nachfahren von Byzanz, verstehen sich jedoch zu hundert Prozent als Araber. Stolz sind diese Christen auf jene Stadt, denn Antiochia (heute das türkische Antakiya) war - neben Jerusalem - die Keimzelle des Christentums. Vom benachbarten Libanon aus, von Beirut, wirkt der Patriarch der Maroniten nach Syrien hinein, von denen es einige auch in Syrien gibt. Am Orontes-Fluss, dem Nahr al-Asi, der das Land von Norden nach Süden durchschneidet, entstanden einst die Urgemeinden dieser mit Rom unierten christlichen Gemeinschaft des heiligen Maron.

Dort, wo diese syrischen Christen konzentriert leben - vor allem in der Hauptstadt und in Aleppo - stellen sie einen erheblichen Teil der Mittelschicht - auch dies eine Ähnlichkeit mit den Verhältnissen im Irak vor Ausbruch der kriegerischen Ereignisse. Wer in Syrien politisch nicht auffällt, kommt in den Genuss jener Rechte, welche die Verfassung den Minderheiten gewährt. Der frühere Mufti der Republik, Scheich Ahmad Kaftaro, dessen Begegnung mit Papst Johannes Paul II. in lebhafter Erinnerung ist, legte großen Wert darauf, dass das friedliche Zusammenleben von Christen und Muslimen gesichert sei. Sein Nachfolger folgt ihm darin, obschon der Islam auch im Bild der syrischen Städte wieder stärker auffällt als noch vor Jahren. Syrien hat sich freilich immer als Zentrum der arabisch-islamischen Kultur verstanden.

Zwischen 661 und 750 war Damaskus die glanzvolle Hauptstadt der Omajjaden, des ersten arabisch-muslimischen Weltreiches, das sich von Spanien bis fast zu den Ufern des Indus dehnte. Von diesem Nimbus zehrt die Stadt noch heute, kulturell wie politisch. Damaskus war auch eine der Wiegen des modernen Nationalismus (Arabismus), der sich nicht zuletzt auf diese glanzvolle Vergangenheit berief und sie wiederbeleben wollte. Es waren nicht wenige Christen, die gerade in Syrien an dieser Vision arbeiteten. Und sie erhofften sich, wie im Irak, von einer säkularen Staatsdoktrin größere Freiheit als von einer religiös-klerikalen. Der bereits erwähnte Michel Aflaq, neben Salah al-Bitar wichtigster Theoretiker der Baath-Ideologie, stammte aus der orthodoxen Gemeinde von Damaskus.

Bis heute sind die Christen Syriens stolz darauf, dass es weitgehend Angehörige ihrer Religion waren, die in den Anfangszeiten des Kalifats, im 8. und 9. Jahrhundert, als Übersetzer der antiken Werke aus dem Griechischen über das Syrische ins Arabische wirkten. Ohne bekannte Christen wie Hunain Ibn Ishaq, Ishaq Ibn Hunain oder Abu Bischr Matta und viele andere hätte der Islam nichts von Denkern wie Aristoteles und Platon oder von antiken Ärzten wie Galen und anderen erfahren. Und ohne sie hätte er diese Weisheit des Altertums auch nicht über Spanien und Sizilien an das mittelalterliche Europa weitergeben können. Dieser Stolz auf die kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen der Vorfahren schlug auch bei der Schaffung des arabischen Nationalismus zu Buche.

Trotzdem ist auch in Syrien eine Abwanderung von Christen zu beobachten. Obwohl es den religiösen Minderheiten dort ungleich besser geht als in der Nachbarschaft, entfaltet doch die unruhige politische Lage im Nahen Osten insgesamt eine negative Wirkung, der manche Christen nachgeben. Auch ökonomische Gründe spielen bei dem Entschluss, das Land zu verlassen, eine wichtige Rolle. Zudem herrscht ein gewisses Misstrauen, ob am Ende nicht doch der politische Islam, wenn nicht sogar ein rabiater Islamismus, in der Region die Oberhand gewinnen könne.

Gibt es eine Zukunft für die Christen?

Auf die Dauer ist ein Überleben der im Orient verbleibenden christlichen Minderheiten nur zu sichern, wenn dort, in allen Nationalstaaten, stärker demokratisch strukturierte Bürgergesellschaften entstehen, in denen - bei aller Differenz im Religiösen oder Weltanschaulichen - wirkliche Gleichberechtigung Platz greift. Ist das nicht der Fall, wird der Exodus weitergehen, nicht nur aus dem durch Krieg und Bürgerkrieg besonders gezeichneten Irak, wie in unseren Tagen, sondern selbst aus Ländern wie Syrien, wo die Lage sehr viel günstiger ist.

Das vollständige Verschwinden der Christen wäre eine Katastrophe für die Region, bildeten sie dort doch immer ein Ferment der Erneuerung und des Fortschritts, zumal in modernen Zeiten. Außerdem waren und sind sie als Bindeglied zwischen islamisch-orientalischer und christlich-westlich/säkularisierter Welt, als aktiver Posten für eine potentielle und faktische Vermittlung zwischen beiden Welten von kaum zu überschätzender Bedeutung. Ohne seine christlichen Minderheiten wäre der islamische Orient ein gutes Stück ärmer.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Im Folgenden wird auf Einzelnachweise verzichtet. Empfehlenswert ist u.a. folgende Literatur: Carl Andresen, Die Kirchen der alten Christenheit, Stuttgart-Berlin-Köln 1971; John L. Esposito (ed.), The Oxford Encyclopedia of the Modern Islamic World, New York-Oxford 1995; Kai Hafez/Birgit Schäbler (Hrsg.), Der Irak. Land zwischen Krieg und Frieden, Heidelberg 2003; Wolfgang Günter Lerch, Halbmond, Kreuz und Davidstern. Nationalitäten und Religionen im Nahen und Mittleren Osten, Frankfurt/M. 1992; Rafik Schami, Malula. Märchen und Märchenhaftes aus meinen Dorf, München 1990; Udo Steinbach (Hrsg.), Autochthone Christen im Nahen Osten. Zwischen Verfolgungsdruck und Auswanderung, Hamburg 2006.

Geb. 1946; studierte Philosophie, Islamkunde und Religionswissenschaft in Tübingen; Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", 60267 Frankfurt/M.
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