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12.6.2008 | Von:
Wolfgang Günter Lerch

Zeugen uralter Kulturen: Christen im Irak und in Syrien

Auf die Dauer ist ein Überleben der im Orient verbleibenden christlichen Minderheiten nur zu sichern, wenn dort stärker demokratisch strukturierte Bürgergesellschaften entstehen.

Einleitung

Als man Mitte März des Jahres 2008 sein Grab fand, war es Gewissheit geworden: Paulos Faradsch Raho, der überall angesehene Bischof von Mossul im Nordirak, war nicht nur entführt worden, sondern auch auf grauenhafte Weise zu Tode gekommen.[1] Diese Tragödie war nur der vorläufige Höhepunkt einer verhängnisvollen, ja desaströsen Entwicklung, die schon lange andauert, die zur Kenntnis zu nehmen man sich aber in den westlichen Ländern ebenso lange geweigert hatte: der indirekten, häufig jedoch auch offenen und systematischen Demütigung, Verfolgung und -wie in diesen Tagen - bewussten Austreibung der Christen aus Mesopotamien, dem Zweistromland von Euphrat und Tigris, das unter dem Namen Irak schon seit Jahrzehnten für Schlagzeilen sorgt.






Die Abwanderung von Christen aus dem Orient ist kein neues Phänomen. Man beobachtet es, seitdem syrische und libanesische Christen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in mehreren Wellen nach Nord- und Südamerika auswanderten. Doch der gegenwärtige Exodus, der von zahllosen blutigen Gewalttaten, von Geiselnahmen und Morden, von Vergewaltigungen, Schändungen und Schikanen aller Art begleitet und überschattet wird, ist eines der Resultate des amerikanisch-britischen Krieges des Jahres 2003 und der bürgerkriegsähnlichen Turbulenzen, die er fast im ganzen Lande nach dem Sturz Saddam Husseins ausgelöst hatte. Er steht im Zusammenhang mit den Aktivitäten hoch ideologisierter, islamistisch und dschihadistisch gesinnter Terroristen von Al Qaida und anderen Gruppierungen. In deren Plänen für ein neues Kalifat, das vom "befreiten Irak" aus die gesamte Arabische Halbinsel umfassen soll, sollen die Christen ebenso wenig Platz finden wie andere Minderheiten. Die nichtmuslimischen Minoritäten Mesopotamiens, insbesondere jedoch die Christen, sind zwischen alle Stühle geraten.

An Minderheiten herrscht im multiethnischen und multireligiösen Staat Irak kein Mangel. Unter den Muslimen zum Beispiel bilden die Sunniten eine Minderheit, die Schiiten hingegen die Mehrheit. Zwar stellen Christen den Löwenanteil der gegenwärtigen Fluchtbewegung, doch gehören auch nichtarabische muslimische Kurden, Jesiden (die in der Regel auch Kurden sind), Mandäer, turksprachige Turkmenen und andere Minderheiten zu den Betroffenen. Es ist fraglich, ob der Irak in absehbarer Zeit wieder zu einer Stabilität findet, die diesen Namen verdient und den Minderheiten eine Rückkehr oder gar ein Wiederaufblühen ihrer Gemeinschaften erlauben wird. Dies wird vor allem davon abhängen, ob es gelingt, den Vielvölkerstaat als einheitliches staatsrechtliches Gebilde zu erhalten.

Gegenwärtig sieht es so aus, als ereilte die Christen das irreversible Schicksal von Flucht und Vertreibung, als müssten die Nachkommen jener Gemeinden, die schon vor der Entstehung und Ausbreitung des Islams den Irak und große Teile Vorderasien bevölkerten und prägten, endgültig das Feld räumen, zumindest in Mesopotamien. Es ehrt die Nachbarländer Jordanien und Syrien, dass sie bereit waren und sind, Flüchtlinge aufzunehmen - keineswegs nur muslimische, sondern eben auch Christen. In der Republik Syrien ist die Lage der Christen traditionell besser als in anderen Ländern.

Fußnoten

1.
Im Folgenden wird auf Einzelnachweise verzichtet. Empfehlenswert ist u.a. folgende Literatur: Carl Andresen, Die Kirchen der alten Christenheit, Stuttgart-Berlin-Köln 1971; John L. Esposito (ed.), The Oxford Encyclopedia of the Modern Islamic World, New York-Oxford 1995; Kai Hafez/Birgit Schäbler (Hrsg.), Der Irak. Land zwischen Krieg und Frieden, Heidelberg 2003; Wolfgang Günter Lerch, Halbmond, Kreuz und Davidstern. Nationalitäten und Religionen im Nahen und Mittleren Osten, Frankfurt/M. 1992; Rafik Schami, Malula. Märchen und Märchenhaftes aus meinen Dorf, München 1990; Udo Steinbach (Hrsg.), Autochthone Christen im Nahen Osten. Zwischen Verfolgungsdruck und Auswanderung, Hamburg 2006.